Die junge Frau fühlte anders. Fritz Nettenmair war zu klug, ihr vorläufig davon zu sagen. Aber der alte Valentin war nicht so klug und wußte nicht, warum er so klug sein sollte. Der alte Valentin war ein närrischer Geselle. Dem alten Herrn sagte er nichts. Es war wunderlich, wie gewissenhaft er seine Pflicht an das Haus verteilte, der ehrlichste Achselträger, den es je gegeben. Er verriet den jungen Leuten nie etwas, was er dem alten Herrn abgemerkt; aus Treue gegen den blauen Rock verbarg er es den Jungen so angestrengt, als der alte Herr selbst. Aber er war auch den Jungen so treu ergeben, daß der alte Herr von ihnen nichts durch ihn erfuhr, als was sie selber wollten, und hätte der alte Herr getan, was er nie tat, nämlich ihn danach gefragt.
Der jungen Frau war es, als sollte ihr Engel von ihr scheiden. Sie empfand, daß sie in seiner Nähe sicherer vor ihm war als von ihm entfernt; denn all der Zauber, der ihren Wünschen wehrte, sündhaft zu werden, floß ja aus seinen ehrlichen Augen auf sie nieder; von der Stirn, die so rein war, daß ein sündhafter Blick verzweifelte, sie befleckend in sein Begehren mitzureißen, und selbst gereinigt und reinigend in die Seele zurückkam, die ihn geschickt.
Apollonius sollte nicht gehen, und das durch des Bruders Schuld, den allein in der ganzen Stadt sein Gehen freute. Freilich wird er die Schuld nicht anerkennen; auch diese wird er von sich ab und auf den Bruder schieben. Apollonius hatte auch dem Bauherrn von seinem Entschlusse gesagt. Es befremdete ihn, daß der brave Mann — der sonst alles, was Apollonius tun würde, schon im voraus gebilligt, als könnte Apollonius nichts tun, was er nicht billigen müßte — die Mitteilung mit fremder, wie verwundert einsilbiger Kälte aufnahm. Er drang in ihn, ihm den Grund dieser Veränderung zu sagen. Die braven Männer verständigten sich leicht. Der Bauherr sagte ihm, nachdem er sich gewundert, Apollonius damit unbekannt zu finden, was er von des Bruders Lebensweise wußte, und war der Meinung, Geschäft und Haus seines Vaters könne ohne Apollonius’ Hilfe nicht bestehen. Er versprach, sich weiter nach der Sache zu erkundigen und war bald imstande, Apollonius nähere Aufklärungen zu geben. Hier und da in der Stadt war der Bruder nicht unbedeutende Summen schuldig, das Schiefergeschäft war, besonders in der letzten Zeit, so saumselig und ungewissenhaft betrieben worden, daß manche vieljährige Kunden bereits abgesprungen waren und andere im Begriff standen, es zu tun. Apollonius erschrak. Er dachte an den Vater, an die Schwägerin und ihre Kinder. Er dachte auch an sich, aber eben das eigene starke Ehrgefühl stellte ihm zuerst vor, was der alte, stolze, rechtliche, blinde Mann leiden müßte bei der Schande eines möglichen Konkurses. Er fand sein Brot; aber des Bruders Weib und Kinder? Und sie waren des Darbens nicht gewohnt. Er hatte gehört, das Erbe der Frau von ihren Eltern war ein ansehnliches gewesen. Er schöpfte Hoffnung, es könne noch zu helfen sein. Und er wollte helfen. Kein Opfer von Zeit und Kraft und Vermögen sollte ihm zu schwer werden. Konnte er den Verfall nicht aufhalten, darben sollten die Seinigen nicht.
Der wackere Bauherr freute sich über seines Lieblings Denkart, auf die er gerechnet; es hatte ihn befremdet, daß sie sich nicht schon früher gezeigt. Er bot Apollonius seine Hilfe an; er habe weder Frau noch Kinder, und Gott habe ihn etwas erwerben lassen, um einem Freunde damit zu helfen. Noch nahm Apollonius kein Anerbieten an. Er wollte erst sehen, wie es stand, um sich Gewißheit zu verschaffen, ob er ein ehrlicher Mann bleiben konnte, wenn er den freundlichen Erbieter beim Worte nahm.
Es kamen schwere Tage für Apollonius. Der alte Herr durfte noch nichts wissen und, wenn seine Ehre aufrechtzuerhalten war, auch nicht erfahren, daß sie gewankt. Apollonius bedurfte dem Bruder gegenüber seine ganze Festigkeit und seine ganze Milde. Er mußte ihm täglich imponieren und stündlich verzeihen. Schon das war nicht leicht, den Stand seines Vermögens, seine Gläubiger und den Betrag der Schulden von ihm zu erfahren. Vergebens machte Apollonius seine gute Meinung geltend, der Bruder glaubte ihm nicht; und hätte er ihm glauben müssen, er hätte ihn darum nicht weniger gehaßt. Er haßte sich selbst in Apollonius, und haßte ihn darum um so mehr, je hassenswerter sein eigenes Tun ihm erschien.
Als Apollonius die Gläubiger und die Beträge wußte, untersuchte er den Stand des Geschäfts und fand ihn verwirrter, als er gefürchtet. Die Bücher waren in Unordnung; in der letzten Zeit war gar nichts mehr eingetragen worden. Es fanden sich Briefe von Kunden, die sich über schlechte Ware und Saumseligkeit beklagten, andere mit Rechnungen von dem Grubenbesitzer, der neue Bestellungen nicht mehr kreditieren wollte, da die alten noch nicht bezahlt waren. Das Vermögen der Frau war zum größten Teile vertan; Apollonius mußte den Bruder zwingen, die Reste davon herauszugeben. Er mußte mit den Gerichten drohen. Was litt Apollonius mit seinem ängstlichen Ordnungsbedürfnis mitten in solcher Verwirrung; was mit seinem starken Ehrgefühl für seine Angehörigen, dem Bruder gegenüber! Und doch sah dieser in jeder Äußerung, jedem Tun des Leidenden nur schlecht verhehlten Triumph. Nach unendlichen Mühen gelang Apollonius eine Übersicht des Zustandes. Es ergab sich: wenn die Gläubiger Geduld zeigten und man die Kunden wieder zu gewinnen vermochte, so war mit strenger Sparsamkeit, mit Fleiß und Gewissenhaftigkeit die Ehre des Hauses zu retten, und ermüdete man nicht, konnten die Kinder des Bruders ein wenigstens schuldenfreies Geschäft einst als Erbe übernehmen. Apollonius schrieb sogleich an die Kunden, dann ging er zu den Gläubigern des Bruders. Die ersten wollten es noch einmal mit dem Hause versuchen; man sah, sie gingen sicher; ihre neuen Bestellungen waren wenig mehr als Proben. Bei den Gläubigern hatte er die Freude, zu sehen, welches Vertrauen er bereits in seiner Vaterstadt gewonnen. Wenn er die Bürgschaft übernahm, blieben die schuldigen Summen als Kapitale gegen billige Zinsen zur allmählichen Tilgung stehen. Manche wollten ihm noch bares Geld dazu anvertrauen. Er machte keinen Versuch, die Wahrheit dieser Versicherungen auf die Probe der Tat zu stellen, und gewann dadurch das Vertrauen der Versichernden nur noch mehr. Nun stellte er dem Bruder anspruchlos und mit Milde dar, was er getan und noch tun wolle. Vorwürfe konnten nichts helfen, und Ermahnungen hielt er für unnütz, wo die Notwendigkeit so vernehmlich sprach. Der Bruder konnte, wenn Apollonius die Leitung des Ganzen, des Geschäftes und des Hauswesens, alle Einnahmen und Ausgaben von nun an allein und vollkommen selbständig übernahm, keine willkürliche Beeinträchtigung darin sehen. In der Sache, in der er seine Ehre zum Pfande gesetzt, mußte Apollonius frei schalten können. Das ungestörte Zusammenwirken all der Tätigkeiten, durch die allein der beabsichtigte Erfolg zu erreichen war, verlangte die Leitung einer einzigen Hand.
Das Verkaufsgeschäft mußte vor allen Dingen wieder in Aufnahme gebracht werden. Der Grubenherr hatte immer schlechtere Ware geliefert und der Bruder solche für gute annehmen müssen, um nur überhaupt Ware zu erhalten; die Anerbieten der übrigen Gläubiger, die Schuld als Kapital stehen zu lassen, nahm er an, um mit dem, was von den Vermögensresten der Frau zunächst flüssig gemacht werden konnte, dem Grubenherrn die alte Schuld abzutragen und eine bedeutende neue Bestellung sogleich bar zu bezahlen. So erhielt man wieder und zu billigerem Preise gute Ware, und konnte auch seine Abnehmer bewähren. Der Grubenherr, der bei dieser Gelegenheit Apollonius und dessen Kenntnis des Materials und seiner Behandlung kennen lernte, machte ihm den Antrag, da er alt und arbeitsmüde sei, die Grube zu pachten. Bei den Bedingungen, die er stellte, konnte Apollonius auf großen Nutzen rechnen, aber so lange er noch in schwerer Lage auf sich allein stand, durfte er seine Kräfte nicht zwischen mehrere Unternehmungen teilen.
Apollonius entwarf seinen Plan für das erste Jahr und setzte ein Gewisses fest, das der Bruder zur Führung des Hausstandes allwöchentlich von ihm in Empfang zu nehmen hatte. Er entließ von den Leuten, wer nur irgend zu entbehren war. Den ehrlichen Valentin machte er zum Aufseher für die Zeit, wo er selbst in Geschäften auswärts sein mußte. Es lag begründeter Verdacht vor, daß der ungemütliche Geselle sich mancher Veruntreuung schuldig gemacht. Fritz Nettenmair, der an dem Wächter seiner Ehre wie an ihrem letzten Bollwerke festhielt, tat alles, ihn zu rechtfertigen und dadurch im Hause zu erhalten. Der Geselle hatte zu allem, was man ihm vorwarf, ausdrücklichen Befehl von ihm gehabt. Apollonius hätte den Gesellen gern gerichtlich belangt; er mußte sich begnügen lassen, ihn abzulohnen und ihm das Haus zu verbieten. Apollonius war unerbittlich, so mild er seine Gründe dem Bruder vortrug. Jeder Unbefangene mußte sagen, er durfte nicht anders, der Geselle mußte fort. Auch Fritz Nettenmair dachte, als er allein war, aber mit wildem Lachen: „Freilich muß er fort!“ In dem Lachen klang eine Art Genugtuung, daß er recht gehabt, eine Schadenfreude, mit der er sich selbst verhöhnte:
„Der Federchensucher wäre ein Narr, wenn er ihn nicht schickte. Ein Narr, wie ich einer war, daß ich glaubte, er würde ihn doch behalten. O, ich bin zu ehrlich, zu dummehrlich gegen so einen. Was gehen ihn meine Schulden an? In seiner Gewalt wollte er mich haben; darum zwang er mich, Schulden zu machen, damit er den Gesellen fortschicken konnte, der ihm hinderlich war. Herr im Hause wollte er sein, darum verdrängte er mich aus einer Stellung nach der andern, damit er mich einschüchtern könnte, daß ich leiden müßte, was er will, um mit ihr zusammen zu kommen ohne mich. Und wenn er recht hat, warum läßt er sich soviel von mir gefallen? Ein ehrlicher Kerl, wie ich, wäre anders gegen mich. Es ist sein böses Gewissen. Er wäre nicht so, wenn er nicht falsch wäre. Eine Zwickmühle ist’s. Was das Einschüchtern nicht hilft, soll das Einschmeicheln helfen. Er ist mir nicht klug genug. Ich bin einer, der die Welt besser kennt, als der Träumer!“
Was auch Apollonius ihm zeigen mochte, Strenge und Milde bestärkte ihn nur in dem Gedanken, der ihn um so weniger losließ, je länger er ihn hegte, und um so durstiger wurde, sein Herzblut zu trinken, je länger er ihn damit fütterte. Er sah kein äußeres Hindernis mehr, das die verbrecherische Absicht des Bruders verhindern konnte.