Zwischen Himmel und Erde ist des Schieferdeckers Reich. Zwischen Himmel und Erde, hoch oben auf dem Kirchendach von Sankt Georg, schaffte Fritz Nettenmair, als der alte Herr sich die Treppe zu ihm hinaufführen ließ. Hier herauf war Fritz Nettenmair geflohen vor den Augen der Menschen, die er alle auf sich gerichtet meinte, hier herauf hatte er sich geflüchtet, vor seinen Gedanken in einen wütenden Fleiß. Er hatte die ganze Hölle in seiner Brust mit heraufgebracht; und wie angestrengt er schaffte, der Schweiß, der ihm auf der Stirne stand, war nicht der warme redlichen Mühens, es war der kalte Schweiß der Gewissensangst. Er hämmerte Schiefer zurecht und nagelte sie fest, so angstvoll hastig, als nagelte er den Weltenbau fest, der sonst einstürzen müßte in der nächsten Viertelstunde. Aber seine Seele war nicht bei dem Hämmern, sie war dort, wo unaufhörlich Stricke rissen und verunglückende Schieferdecker polternd hinabstürzten in den gewissen Tod. Zuweilen hielt er plötzlich inne; es war ihm, als müßte er hinunterrufen: „Nach Brambach! Er soll nicht die Leiter besteigen! er soll sich nicht auf sein Fahrzeug setzen.“ Aber dann blieben die vielen Hunderte, die wie Ameisen da unten durcheinanderliefen, in Schreck versteinert stehen, und soviel Paar Augen, überfüllt mit Grauen und Abscheu, starrten herauf, und der Häscher kam und stieß ihn vor sich her die Treppe herunter; und vielleicht war es doch zu spät! Dann einmal faltete er die Hände über den Deckhammer und gelobte: stürbe Apollonius nicht, er will ein braver Mann werden. Er denkt nicht, daß ihn das reuen wird, sobald er Apollonius gerettet weiß. — Da kommt jemand die Treppe herauf — ist’s der Häscher schon? Nein. Es weiß niemand, was er getan. Er verzerrt sein Gesicht in Trotz und fragt: „Wer will mir was anhaben?“ Jetzt hört er Stimmen, und die Klänge der einen davon treffen wie Hammerschläge auf sein gequältes Herz. Das ist die einzige Stimme, die er hier zu hören nicht erwartet. Wird der fragen, dem sie gehört: „Wo ist dein Bruder Abel hin?“ Nein. Er will dem Sohne sagen, daß jener verunglückt ist; er meint, es ist ein Unglückstag und er soll heute nicht mehr arbeiten. Und fragt er doch, die Antwort ist fast so alt als das Menschengeschlecht: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Dabei kommt’s ihm wie eine Erleichterung, daß ihm einfällt, der Vater ist blind. Denn er weiß, seine sehenden Augen könnte er jetzt nicht ertragen. Er hämmert und nagelt immer hastiger. Er würde dem Vater ausweichen, wenn er könnte, aber der Dachstuhl ist schmal und der Alte spricht schon am Aussteigeloch im Dache. Er will ihn nicht eher bemerken, als bis er muß. „Nun ist’s schon gut,“ hört er den Alten sagen. „Mach’ Er Seinem Meister mein Kompliment; und da ist etwas für Ihn. Trink’ Er eine Gesundheit dafür.“ Fritz Nettenmair hört, der alte Herr setzt sich auf die bloßgelegte Latte im Aussteigeloch, und weiß, der alte Herr füllt die ganze Öffnung mit seiner Gestalt. Er hört den Dank des Gesellen und seine Tritte, wie sie immer ferner klingen.

„Schönes Wetter,“ sagt Herr Nettenmair. Der Sohn errät, der Alte will wissen, ob noch jemand in der Nähe ist. Es antwortet niemand; Fritz Nettenmair stirbt der Ton in der Brust; er hämmert immer lauter und hastiger. Er wünscht, die Stunde, der Tag, das Leben wär’ zu Ende. „Fritz,“ ruft der Alte. Er ruft noch einmal, und er ruft noch einmal. Fritz Nettenmair muß endlich antworten. Er denkt an den Ruf: „Kain, wo bist du?“ „Hier, Vater,“ entgegnet er und hämmert fort.

„Der Schiefer ist fest,“ sagte der Alte gleichgültig; „ich hör’s am Klange; er blättert nicht.“

„Ja,“ entgegnete Fritz mit klappernden Zähnen, „er nimmt kein Wasser.“

„Er ist besser geworden als früher,“ fährt der Alte fort; „sie sind tiefer in den Bruch hineingekommen. Es scheint, du bist allein.“ Ein „Ja“ erstirbt im Munde des Sohnes. „Je tiefer er lagert, desto fester ist das Gestein. Ist keine Rüstung weiter in der Nähe?“

„Keine.“

„Gut. Komm hierher. Hier vor mich.“ —

„Was soll ich?“

„Hierher kommen. Was gesagt sein muß, muß leise gesagt sein.“

Fritz Nettenmair trat, in allen Gelenken schlotternd, vor den Vater. Er wußte, der war blind, und doch suchte er seinem Blicke auszuweichen. Der Alte rang nach Fassung, aber davon sprach kein Zug in dem verwitterten Gesicht; nur die Dauer seines Schweigens und sein Atem, der das schwere, ächzende Wandeln des Perpendikels an der nahen Turmuhr wie ein müdes Echo nachzuklingen schien. Fritz Nettenmair ahnte aus den Vorbereitungen, was kommen müsse. Er rang nach Trotz. Wenn er’s in seinem Argwohn errät, wer will mir’s beweisen? Und könnt’ er’s beweisen, er gibt mich nicht an; davor bin ich sicher. Warum auch sonst will er leise reden? mag er sagen, was er will, ich weiß nichts, ich bin nichts gewesen, ich hab’ nichts getan. Sein Gesicht rang sich aus dem Zittern aller Muskeln bis zum wildesten Ausdrucke des Trotzes hindurch. Der alte Herr schwieg noch immer. Gedämpft klang das Treiben der Straßen in die Höhe herauf; unten lag schon violetter Schatten, um das Fahrzeug Apollonius’ bebte der letzte Sonnenstrahl. Etwas ferner rauschte ein Zug vom Felde heimkehrender Tauben vorbei. Es war ein Abend voll Gottesfrieden. Tief unten weit hingedehnt die grüne Erde; oben hoch der Himmel, wie ein Kelch aus blauem Kristall darüber gedeckt. Kleine, rosige Wölkchen wie Flocken hingestreut. Der Lärm von unten erlosch immer mehr. Die Luft trug einzelne Töne einer fernen Glocke mit sich und schlug sie leise spielend wie wiederkehrende Wellen gegen das Dach. Dort über der nächsten grünen Höhe, wo sie herkommen, liegt Brambach. Es muß das Abendgeläute von Brambach sein. Hoch am Himmel und tief auf der Erde, überall Gottesfrieden und süß aufgelöstes Hinsehnen nach Ruhe. Nur zwischen Himmel und Erde die beiden Menschen auf dem Kirchdach zu Sankt Georg fühlen nicht seine Flügel. Nur über sie vermag er nichts. In dem einen brennt der Wahnsinn überreizten Ehrgefühls, in dem andern alle Flammen, alle Qualen der Hölle.