„Wo ist dein Bruder?“ drang es endlich zwischen den Zähnen des einen hervor.
„Ich weiß nicht. Wie soll ich’s wissen?“ bäumt sich im andern der Trotz.
„Du weißt nicht?“ Der alte Herr flüsterte nur, aber jedes seiner Worte schlug wie ein Donner in die Seele des Sohnes. „Ich will dir’s sagen. Drüben in Brambach liegt er tot. Das Seil ist über ihm zerrissen und du hast’s mit Beilstichen zerschnitten. Der Nachbar hat dich in den Schuppen schleichen sehn. Du hast vor deiner Frau gedroht, du willst es tun. Die ganze Stadt weiß es; eben tragen sie’s in die Gerichte. Der erste, der nun die Treppe heraufkommt, ist der Häscher, der dich vor den Richter führt.“ —
Fritz Nettenmair brach zusammen; die Rüstung knackte unter ihm. Der Alte horchte auf. Fiel der Elende am Rande des Gerüstes zusammen, so stürzte er hinab in die Tiefe, und alles war vorüber! Alles, was sein mußte, war getan! Eine Lerche stieg aus einem nahen Garten in die Höhe und streute ihr lustiges Tirili über Bäume und Häuser hin. Glücklichere Menschen hörten den Gesang aus der Ferne; Arbeiter ließen den Spaten ruhen, Kinder Peitsche und Kreisel, und suchten mit himmelaufgewandten Augen den schwebenden Punkt, und horchten mit verhaltenem Atem hinauf. Der alte Herr Nettenmair hörte die nahe Lerche nicht; er hielt auch den Atem an, aber er horchte hinunter, nicht hinauf. Und es war nichts, das wie Lerchengesang klingt, was er erhorchen wollte. Es war ein Poltern auf dem Dach unter ihm, ein gebrochener Angstruf. Er horchte erst voll Hoffnung, dann voll Angst. Nichts klingt herauf. Vor ihm auf den Brettern des Gerüstes röchelt ein schwerer Atem. Er hört, der Zufall, der ihm mitleidig helfend vorgreifen konnte, hat es nicht getan. Er muß es tun, denn getan muß es sein. Sonst zeigen die Menschen mit den Fingern auf die Kinder: Die sind’s, deren Vater seinen Bruder erschlug und auf dem Hochgericht oder im Zuchthause starb. Und wo es längst vergessen ist, da dürfen sie sich nur zeigen, da wird es wieder wach; da deuten die Menschen wieder mit den Fingern und wenden mit Schaudern sich von ihnen ab. Das Vertrauen, das er von den Eltern erbt, ist das Kapital, womit der Mensch anfängt. Es muß ihm erwiesen werden, eh’ er’s hat verdienen können, damit er lernt, Vertrauen zu verdienen. Wer wird ihnen Vertrauen erweisen, die mit ihres Vaters Schande gezeichnet gehen? Wie sollen sie Vertrauen verdienen lernen? Mitten unter den Menschen von den Menschen ausgestoßen, müssen sie nicht werden, wie ihr Vater war? Und sein eigenes langes Leben voll Anstrengung, Ehre zu erwerben und zu bewahren, wird rückwärts angesteckt von des Sohnes Schmach. Die Kinder hält man für fähig zu tun, wie der Vater tat, und es kann kein ehrlicher Vater gewesen sein, der solchen Sohn hatte! — Immer brennender glühte die Röte auf der eingefallenen Wange; die zusammengesunkene Brust richtete sich keuchend empor. Er machte unwillkürlich eine vordeutende Bewegung mit dem Arm. Fritz Nettenmair ahnte ihren Sinn und wollte sich aufraffen und wäre wieder umgesunken, stützte er sich nicht mit beiden Händen. So lag er auf Händen und Knien vor dem Alten, als er den Angstruf ausstieß: „Was willst du, Vater? Womit gehst du um?“
„Ich will sehen,“ erwiderte der Alte mit pfeifendem Flüstern, „ob ich’s tun muß oder ob du’s tun wirst, was getan sein muß. Und getan muß es sein. Noch weiß niemand etwas, was zur Untersuchung führen kann vor den Gerichten, als ich, deine Frau und der Valentin. Für mich kann ich stehen, aber nicht für die, daß sie nicht verraten, was sie wissen. Wenn du jetzt herabfällst von der Rüstung, so daß die Leute meinen können, du bist ohne Willen verunglückt, dann ist die größte Schande verhütet. Der Schieferdecker, der verunglückt, steht vor der Welt als ein ehrlicher Toter, so ehrlich als der Soldat, der auf dem Schlachtfeld gestorben ist. Du bist einen solchen Tod nicht wert, Bankrottierer. Dich sollte der Henker auf einer Kuhhaut hinausschleifen auf den Richtplatz, Schandbube, der du den Bruder umgebracht hast und hast vergiften wollen das zukünftige Leben der unschuldigen Kinder und mein vergangenes, das voll Ehre gewesen ist. Du hast Schande genug gebracht über dein Haus, du sollst nicht noch mehr Schande darüber bringen. Von mir sollen sie nicht sagen, daß mein Sohn, und von meinen Enkeln nicht, daß ihr Vater auf dem Blutgerüst oder im Zuchthause gestorben ist. Du betest jetzt ein Vaterunser, wenn du noch beten kannst. Dann wendest du dich, als wolltest du wieder zu deiner Arbeit gehen, und trittst mit dem rechten Fuß über die Rüstung. Sag’ ich, der Schreck über seines Bruders Unglück hat ihn schwindeln gemacht: mir glauben’s die Gerichte und die Stadt. Das ist’s, was ein Leben einbringt, das anders gewesen ist als deins. Tust du’s nicht gutwillig, so stürz’ ich mit dir hinab und du hast auch mich auf deinem Gewissen. Die Leute wissen, ich leide an den Augen; ich bin gestrauchelt und hab’ mich an dir anhalten wollen und hab’ dich mitgerissen. Meines Lebens ist nach dem, was ich heut’ erfahren hab’, keine Dauer mehr und kein Wert; ich bin am Ende, aber die Kinder fangen erst an. Und auf den Kindern soll keine Schande haften, so wahr ich Nettenmair heiße. Nun besinn’ dich, wie es werden soll. Ich zähle fünfzehn Paar Schläge an dem Perpendikel dort.“
Fritz Nettenmair hatte mit wachsendem Entsetzen die Rede des Vaters gehört. Daß seine Tat noch nicht öffentlich bekannt war, gab ihm Hoffnung. Die Angst vor dem gedrohten Tode weckte einen Teil seiner Kräfte wieder. Er flüchtete sich wieder in seinen Trotz. Hastig sagte er, nachdem der Alte ausgeredet hatte: „Ich weiß nicht, was du willst. Ich bin unschuldig. Ich weiß nicht, was du da von Beilstichen sagst.“ Er erwartete, der Vater würde auf seine Einwendungen eingehen, wenn auch erst ungläubig. Aber der Alte begann ruhig zu zählen. „Eins — zwei.“ — „Vater,“ fiel er ihm mit steigender Angst in das Zählen, und der Trotz seines Tones brach im Flehen: „Hör’ mich doch nur. Die Gerichte hören einen und du hörst mich nicht. Ich will mich ja hinunterstürzen, weil du mich tot haben willst, ich will sterben, wenngleich unschuldig. Aber höre mich nur erst!“ Der alte Herr entgegnete nicht; er zählte fort. Der Elende sah, sein Urteil war gesprochen. Der Vater glaubte nicht, was er auch sagen mochte; und er wußte, was der eigensinnige alte Mann sich einmal vorgenommen, das führte er unerbittlich aus. Er wollte sich darein ergeben, da kam ihm der Gedanke, noch einmal zu flehen; dann fiel ihm ein: er konnte den Alten zurückwerfen und über ihn hin entfliehen, dann: er wollte sich anhalten, wenn der Alte sich an ihn hing, um nicht mitzustürzen. Das konnte ihm kein Mensch verdenken. Dazwischen sah er schaudernd, was ihn erwartete, wenn er floh und die Gerichte faßten ihn doch. Es war besser, er starb jetzt. Aber noch Schrecklicheres erwartete ihn über dem Tode drüben. Er sann zurück und lebte sein ganzes Leben im Augenblicke noch einmal durch, um zu finden, der ewige Richter konnte ihm verzeihen. Seine Gedanken verwirrten sich; er war bald dort, bald da, und hatte vergessen, warum. Er sah die Nebel sich ballen, in denen der Gesell verschwunden war, zugleich sah er zu den hellen Fenstern des roten Adlers auf, es klang: „Da kommt er ja! Nun wird’s famos!“ Er stand an den Straßenecken und zählte und die Bretter wollten unter Apollonius nicht brechen, die Stricke über ihm nicht reißen; er stand wieder vor der Frau und sagte über des sterbenden Ännchens Bett gebeugt: „weißt du, warum du erschrickst?“ und holte aus zu dem unseligen Schlage; selbst daß er vor dem Vater dalag und hin und her sann in gräßlich angstvoller Hast, kam ihm vorüberfliehend wie in einem Fiebertraum. Dann war’s ihm, als käme er zu sich und unendliche Zeit sei vergangen zwischen dem Augenblick, wo der Vater die Perpendikelschläge zu zählen begonnen, und jetzt. Es müsse ja alles gut sein. Er müsse sich nur besinnen, ob er über den Vater hinweggeflohen, oder ob er sich angehalten als ihn der Vater mit sich hinunterreißen wollte. Aber da lag er noch, dort saß der Vater noch. Er hörte ihn „Neun“ zählen und dann schweigen. Die Besinnung verließ ihn völlig.
Der alte Herr aber schwieg wirklich. Er zählte nicht mehr. Sein scharfes Ohr hörte einen eilenden Schritt auf der Treppe. Er griff nach dem Sohne und hielt ihn, wie um seiner gewiß zu sein, daß er ihm nicht entgehe. Er fühlte an der Kälte und Widerstandslosigkeit des Gliedes, das er gefaßt, es sei unnötig, den Sohn zu halten! er müsse ohnmächtig sein. Eine neue Sorge wuchs ihm daraus. War der Sohn ohnmächtig, so mußte er, wenn möglich, das fremden Blicken entziehen. Auch diese Ohnmacht konnte den Verdacht entstehen oder wachsen machen. Er erhob sich und wandte sich von der Dachluke nach dem Kommenden. Er war unschlüssig, sollte er die Luke mit seinem Körper decken oder dem Kommenden entgegengehen. Der Geselle, den er vorhin nach Brambach geschickt — denn dieser war’s, der so eilig kam — hustete auf der Treppe. Den konnte er abhalten von der Rüstung; ja, er konnte ihm vielleicht den Anblick des darauf Liegenden entziehen, wenn er ihm entgegenging und ihn noch auf der Treppe abfertigte. So vielleicht gewisser, als wenn er vor der Luke stehen blieb, da es wahrscheinlich war, er verdecke dieselbe doch nicht völlig. Jetzt fühlte der alte Herr erst, wie das, was er heute erfahren, seine Kräfte gelähmt. Aber der Gesell merkte nichts davon als er den alten Herrn, an den Treppenbalken gelehnt, ihm den Weg versperren sah.
„Soll ich ihn herholen, Herr Nettenmair?“ fragte der Geselle, indem er auf der Treppe stehen blieb.
„Wen?“ fragte Herr Nettenmair dagegen. Er hatte Mühe, seine künstliche Ruhe zu bewahren. War der Geselle in Brambach gewesen, so konnte er nicht so ruhig sprechen, er mochte sprechen, von wem er wollte.
„Nun, er wird nunmehr daheim sein,“ entgegnete der Geselle. Der alte Herr wiederholte seine Frage nicht, er mußte sich an dem Balken festhalten, an dem er lehnte. „Er war schon auf dem Wege,“ fuhr der Geselle fort; „ich bin mit ihm ans Tor gegangen. Da hat er mich zum Blechschmied geschickt, ich sollte fragen, ob das Blechzeug endlich fertig wär. Der Jörg sagte, er hätt’s schon hingeschafft, und käm’ eben vom Turmdach von Sankt Georg, da hätt’ er den alten Herrn Nettenmair hinaufgeführt. Da hab’ ich gemeint, er wird noch oben sein; und weil’s so eilig war, wollt’ ich ihn fragen, ob ich vielleicht den Herrn Apollonius heraufschicken soll.“