Jetzt erst gelang’s Herrn Nettenmair, den Balken, an dem er sich hatte festhalten müssen, herauf und herunter zu betasten, als ob er ihn nur umfaßt, um ihn zu untersuchen. Da er fühlte, seine Hände zitterten, gab er seine Untersuchung auf. Er sagte so grimmig, als er im Augenblick vermochte: „Ich komme selber hinunter. Wart’ Er auf dem Absatz, bis ich Ihn rufe.“ Der Geselle gehorchte. Herr Nettenmair schöpfte tief Atem, als er sich nicht mehr beobachtet wußte. Aus dem Atem ward ein Schluchzen. Jetzt, da der Seelenkrampf, in dem er sich seit Valentins Mitteilung befunden, sich zu lösen begann, trat erst der Vaterschmerz hervor, den die leidenschaftliche Anstrengung für die Ehre des Hauses bisher nicht zu Worte hatte kommen lassen. Er fand nun erst Zeit, das Unglück des rechtschaffenen Sohnes zu beweinen, als sich zeigte, es hatte ihn nicht getroffen. Aber es fiel ihm ein, der brave Sohn schwebt noch immer in der gleichen Gefahr, so lange der Schlimme sich in seiner Nähe befindet. Auch diesen Fall hatte er in seinem Plane vorgesehen und sich gesagt, was er dann tun müsse. Die bisherige Kraft, die nur eine angemaßte war, hätte ihn mit dem Krampfe verlassen, galt es nicht noch immer die Rettung des braven Sohnes und die Ehre seines Hauses. Er tastete sich nach der Dachluke hin. Fritz Nettenmair war unterdes aus seiner Betäubung wieder erwacht, und es war ihm gelungen, aufzustehen. Der alte Herr hieß ihn von der Rüstung hereintreten und sagte: „Morgen vor Sonnenaufgang bist du nicht mehr hier. Sieh, ob du in Amerika wiederum ein anderer Mensch werden kannst. Hier bist du in Schande und bringst Schande. Nach mir gehst du heim; Geld sollst du haben; du machst dich fertig. Du hast seit Jahren nichts für Weib und Kind getan, ich sorge für sie. Vor Tagesanbruch bist du auf dem Weg. Hörst du?“

Fritz Nettenmair wankte. Eben noch hatte er dem unausbleiblichen Tode in die Augen gesehen; nun sollte er leben! Leben, wo niemand wußte, was er getan, wo ihn nicht jedes zufällige Geräusch mit dem Wahnbild des Häschers schrecken durfte. In diesem Augenblicke fühlte er selbst das als ein Glück, daß er fern sein sollte von dem Weibe, um das er alles getan, was er getan, und in deren Anschauen er Tag für Tag alles mitsehen sollte, was er getan; die seine Tat wußte, von der jeder Blick eine Drohung war, ihn der Vergeltung zu überliefern. Es graute ihm vor dem Hause, in dem ihn stündlich alles erinnern mußte an das, was er unter dem fremden Himmel ganz zu vergessen hoffte, und sich vormachte, durch ein neues Leben abbüßen zu wollen. Am liebsten wäre er sogleich unmittelbar von der Stelle, wo er jetzt stand, dem Rettungshafen zugeeilt.

„Apollonius ist nicht gestürzt,“ fuhr der Alte fort und Fritz Nettenmairs ganzer neuer Himmel versank. Das alte Gespenst hatte ihn wieder in seinen Fäusten. Nun liebte er wieder das Weib, das zu fliehen er eben noch sich gefreut. Mit dem Gegenstande seines Hasses lebte der Haß und die Liebe wieder auf, und beide waren Höllenflammen. Er meinte, alles habe er gekonnt; Sterben war ein Scherz, lag nur auch der Nebenbuhler tot. Gewissensangst, das drohende Jenseits, alles war erträglich, nur eins nicht: sie in seinen Armen zu wissen. Der Alte hatte des Sohnes Ja erwartet. „Du gehst,“ sagte er, als dieser schwieg. „Du gehst. Du bist morgen vor Tag noch auf dem Weg nach Amerika, oder ich bin auf dem Weg in die Gerichte. Soll Schande sein, so ist’s besser bloße Schande, als Schande und Mord. Denk’, ich hab’s geschworen, und nun tu’, was du willst.“

Der alte Herr rief den Gesellen herauf und ließ sich heimführen.

Unterdes war das Gerücht, das dem alten Herrn auf seinem Wege nach Sankt Georg begegnet war, auch in die Straße gekommen, wo das Haus mit den grünen Laden steht. Vor den Fenstern erzählte es ein Vorübergehender einem andern. Die Frau hörte nichts als: „Wißt ihr’s schon? In Brambach ist ein Schieferdecker verunglückt.“ Dann sank sie vom Stuhle, von dem sie aufspringen wollte, auf die Dielen. Wiederum mußte der alte Valentin seinen Schmerz um Apollonius über der Angst und Sorge um die Frau vergessen. Er eilte hinzu. Den Fall ganz verhindern konnte er nicht, nur den Kopf der Frau vor der scharfen Kante des Stuhlbeins bewahren. Da saß er neben der liegenden Frau auf den Füßen und hielt in den zitternden Hände Nacken und Kopf der Frau. Von seinem Griffe war ihr das volle, dunkelbraune Haar über der Stirne aufgegangen und verdeckte das bleiche Gesicht. Ihre vorderen Haare hatten einen Drang, sich in natürlichen Locken zu kräuseln, den sie durch das scharfe Anziehen der Scheitel nur vorübergehend überwinden konnte. Es war, als hätten sie die Ohnmacht ihrer Besitzerin benutzt, ihm nachzugeben. Der alte Valentin machte sich die Hände frei, indem er ihre Last vorsichtig leise auf den Boden gleiten ließ, und versuchte die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Er mußte sehen, ob sie noch lebe. Das verursachte ihm lange Zeit vergebliche Mühe; die Angst machte seine alten Hände noch ungeschickter; dazu kam die eigene Scheu, die einen alten Junggesellen unerbittlich in so enger weiblicher Nähe befängt; und der Eigensinn der Haare, die immer wieder im krausen Gelock über dem Gesichte zusammenschlugen. Der Hals- und der Schläfenpuls wehrten sich dagegen, er sah, wie sie die Haare mit ihren Schlägen bewegten und faßte wieder Hoffnung. Auf dem Tisch stand eine Flasche mit Wasser; er goß sich davon in die hohle Hand und spritzte es ihr auf Haare und Gesicht. Das wirkte. Sie machte eine Bewegung; er half ihr den Oberleib aufrichten und stützte ihn. Sie strich sich nun selbst die widerstrebenden Haare aus dem Gesicht und sah sich um. Ihr Blick hatte etwas so Fremdes, daß der Valentin von neuem erschrak. Dann nickte sie mit dem Kopfe und sagte mit leiser Stimme: „Ja.“ Valentin verstand, sie sagte sich, sie habe die schreckliche Nachricht gehört und nicht geträumt. An dem Ton ihrer Stimme hörte er, sie sagte sich wohl, was geschehen, aber sie begriff es nicht. Es war, als ginge es nicht sie an, was sie sich sagte, und als besänne sie sich, wen es wohl treffen möge. Sie ahnte wohl, es war Schreck und Schmerz, wenn sie dahinter kam, aber sie wußte in dem Augenblicke nicht, was Schreck ist und Schmerz; ein traumhaftes Vorgefühl von Händezusammenschlagen, Erbleichen, Umsinken, Aufspringen, händeringendem Umhergehen, Müdigkeit, die auf jeden Stuhl, an dem sie vorbeiwankt, niedersinken möchte, und doch weiter getrieben wird von fortwährendem wildem Zurückbäumen und wieder matt nach vorn auf die Brust Sinken des Kopfes; ein traumhaftes Vorgefühl von alledem wandelte in der Stube vor ihr, wie ihr eigenes, undeutliches, fernes Spiegelbild, hinter einem bergenden Florschleier. Näher und unterscheidbarer war ein dumpfer Druck über der Herzgrube, der zum stechenden Schmerze wuchs, und das angstvolle Wissen, er müsse sie ersticken, wenn sie das Weinen nicht finden könne, das alles heilen müsse. So saß sie lange regungslos und hörte nichts von alledem, was der alte Valentin in seiner Angst ihr vorsprach. Es war nichts daran verloren; der Alte glaubte selbst nicht an seine Trostgründe, wenn er ihr beweisen wollte, Apollonius könne nicht verunglückt sein; er sei zu vorsichtig dazu und zu brav. Und vollends die Geschichte aus seiner Jugend, wo sich Leute, die nun lange tot sind, von einem ähnlichen Gerüchte vergeblich hatten abschrecken lassen! Er wußte es und erzählte doch immerfort und beschrieb die Personen, als müßte es die Frau unfehlbar beruhigen, wenn sie den alten Amtmann Kern und seine Haushälterin vor den Augen ihres Geistes sähe, wie sie damals leibten und lebten. Er hätte sein Leben hingegeben, um ihr zu helfen; er wußte in seiner Ratlosigkeit nicht, wie? So suchte er sich selbst über die Angst des Augenblicks durch immer eifrigeres Erzählen hinauszuhelfen. Dabei belauschte er die kleinste Bewegung in den Zügen des bleichen, schönen Gesichts; und je schöner und jugendlicher es ihm vorkam, desto schwerer schien ihm, was sie litt, und desto eifriger wurde sein Erzählen. Als eine siebzehnjährige Braut hatte er sie in das Haus mit den grünen Laden einziehen sehen, acht Jahre hatte er in ihrer Nähe gelebt. Die bis in ihr vierundzwanzigstes ein innerlich unberührtes, heiter mit den Dingen spielendes Kind gewesen; was hatte sie in den letzten zwei Jahren erduldet! Und wie schön war sie immer geblieben in ihrem Dulden, wie schön hatte sie geduldet! Nun lag sie zerbrochen als halb aufgeschlossene Blume da vor seinen alten Augen, die so oft um sie geweint; mehr über die Milde und unbewußte, unzerstörbare Hoheit, womit sie ihr Unglück trug, als über ihr Unglück selbst. Es gibt rührende Gestalten, die die Angst, die selbst der Zorn nicht entstellt; und in all ihrem Tun, selbst in ihrem Lächeln, selbst in ihrer lauten Freude uns bewegen, deren Anblick uns rührt, ohne daß wir an einen Schmerz, an ein Leiden bei ihrem Anschauen denken müssen. Es ist auch keine schmerzliche Rührung, die wir da empfinden; und der Schmerz selbst hat auf solchem Gesicht eine wunderbare Kraft, uns zugleich zu trösten und rührend zu erheben, indem er uns zum tiefsten Mitleid mit seinem Träger dahinreißt. Als eine solche Gestalt hatte Christiane, so lang er sie kannte, vor des alten Valentin Augen gestanden, als eine solche lag sie jetzt vor ihm da.

Endlich hatte sie das Weinen gefunden. Der alte Valentin lebte wieder auf; er sah, sie war gerettet. Er las es in ihrem Gesicht, das, so ehrlich, wie sie selbst, nichts verschweigen konnte. Er saß und hörte mit so freudiger Aufmerksamkeit auf ihr Weinen, als wär’s ein schönes Lied, das sie ihm vorsänge. In den Augenblicken, wo der Mensch der stärkeren Natur sich ohne Abzug hingeben muß, erkennt man am sichersten seine wahre Art. Was von Tierheit im Menschen unter der hergebrachten Schminke sogenannter Bildung oder vorsätzlicher Verstellung verborgen lag, trat dann unverhohlen hervor in den Bewegungen des Körpers und in dem Ton der Stimme. Der alte Valentin hörte die reine Melodie in Christianens Stimme im hingegossenen Weinen, welche sie nach dem Schlag über Ännchens Bett im Doppelschrei von Schmerz und Entrüstung nicht verloren hatte. Sie hatte sich ausgeweint und erhob sich; der alte Valentin hätte ihr nicht zu helfen gebraucht. Sie machte sich zum Ausgehen fertig. Ihr Wesen hatte etwas feierlich Entschiedenes angenommen. Valentin sah’s mit Erstaunen und Sorge. Ihm fiel seine Verantwortlichkeit ein. Er fragte ängstlich, sie wolle doch nicht fort? Sie nickte mit dem Kopfe. „Aber ich darf Sie nicht fortlassen,“ sagte er. „Der alte Herr hat mir’s mit Ketten auf die Seele gebunden.“

„Ich muß,“ sagte sie. „Ich muß in die Gerichte. Ich muß sagen, daß ich schuld bin. Ich muß meine Strafe leiden. Der Großvater wird sich meiner Kinder annehmen. Ich möchte den Herren sagen, sie sollen ihn zu dem Ännchen legen; er hat’s so lieb gehabt. Ich möchte auch dabei liegen, aber das werden sie nicht tun. Nein, davon will ich nichts sagen.“

Valentin wußte nicht, was er erwidern sollte. Er durfte sie nicht fortlassen und sah an ihrer Entschiedenheit, er würde sie nicht aufhalten können. „Wenn nur der alte Herr erst da wäre!“ dachte er. Er sagte: „Täten Sie dem alten Valentin nichts auf der Welt zu lieb?“

Sie sah ihn aus ihrem Schmerze freundlich an und entgegnete: „Wie Ihr fragen könnt! Ihr habt ihn immer lieb gehabt, und das vergeß ich Euch nicht, so lang ich noch lebe. Er ist gestorben und ich muß auch sterben. Kann ich Euch noch etwas tun, eh’ ich gehen muß, so dürft Ihr’s nur sagen. Wenn ich’s auch tun kann und wenn Ihr nicht verlangt, daß ich nicht gehen soll.“