„Nein,“ sagte der Alte. „Das nicht. Aber wenn Sie nur so lange bleiben wollten, bis der alte Herr zurückkommt, daß ich meiner Verantwortlichkeit ledig bin.“ Dem Alten war’s nicht allein um sich zu tun. Er hoffte zugleich, der alte Herr würde in seiner Geistesgegenwart ein Mittel finden, wodurch sie von ihrem Vorhaben abzubringen sei.
Die Frau nickte ihm zu. „So lang will ich warten,“ entgegnete sie.
Den Alten trieb Sorge und Hoffnung hinaus, zu sehen, ob Herr Nettenmair noch immer nicht komme. Christiane holte ihr Gesangbuch vom Pulte und setzte sich damit an den Tisch.
Der Valentin blieb länger aus, als er selbst gedacht hatte. Als er wieder hereinkam, war er nicht mehr der, der vorhin hinausgegangen. Er war verwirrt und verlegen, aber ganz anders verwirrt als vorhin. Er stand immer im Begriff, etwas zu tun oder zu sagen, worüber er erschrak und etwas anderes tat oder sagte und wiederum ungewiß schien, ob er nicht auch darüber erschrecken sollte. Immer und wenn er gar nichts gesagt hatte, meinte er, er habe zuviel gesagt. Manchmal war’s, als ob er lachte; dann sah er wieder desto trauriger aus. Und das paßte nicht zu dem, was er sprach; denn er redete vom Wetter. Dazwischen machte er sich viel an der Tür zu schaffen, die er immer wieder einmal öffnete; zuletzt blieb er im Hausflur stehen, wo er den Gang nach dem Schuppen hin übersehen konnte; und es waren die wunderlichsten Vorwände, durch die er all diese Tätigkeiten rechtfertigte. Die junge Frau bemerkte erst die Veränderung nicht, dann bewunderte sie ihn verwundert und immer ahnungsvoller. Zuletzt hatte er sie angesteckt mit seinem Wesen. Wenn er unwillkürlich lachte, glühte sie in Hoffnung auf, wenn er dann ein trauriges Gesicht machte, drückte sie die Hände zusammen und wurde wieder bleich. Sie folgte seinen Augen, ihm selbst nach der Tür und erschrak, so oft er sie öffnete. Dabei sprachen sie immer vom Wetter; wären sie ruhig gewesen, sie hätten über ihre eigenen Reden lachen müssen; aber man sah, er fürchtete sich, etwas zu sagen, sie fürchtete sich, nach dem Etwas zu fragen. Zuletzt preßte sie beide Hände bald gegen das Herz, das das Mieder durchschlagen wollte, bald gegen die brennenden, hämmernden Schläfen. Der Alte meinte sie endlich vorbereitet genug, das Wetter fahren zu lassen. „Ja,“ sagte er, „es ist ein Tag, wo die Toten aufstehen möchten, und wer weiß — aber tun Sie mir noch das zulieb und erschrecken Sie nicht.“ Sie erschrak dennoch. Sie sagte zu sich: „Aber es ist ja nicht möglich!“ Und sie erschrak doch eben, weil es mehr als möglich, weil es gewiß war. „Da sehen Sie einmal dahinter,“ schluchzte der Alte, der nur lachen wollte. Sie sah den Gang hin; sie hatt’ es getan, eh’ der Alte sie dazu aufforderte. Der alte Valentin eilte aus der Vordertür, dem alten Herrn die Freudenpost zu bringen; selig und stolz auf sein klug durchgeführtes Werk. Die junge Frau hielt sich fest an dem Türpfosten, als sie den Schritt hörte durch den Schuppen. Aber auch der Türpfosten stand nicht mehr fest, sie selbst nicht mehr auf dem festen Boden; sie schwindelte zwischen Himmel und Erde. Und als sie ihn kommen sah, war nichts mehr auf der Welt für sie, als der Mann, um den sie wochenlang mehr als Todesangst geduldet; alles ging um sie im Wirbel, erst die Wände, der Boden, die Decke, dann Bäume, Himmel und grüne Erde; ihr war, als ginge die Welt unter und sie würde erdrückt im Wirbel, hielt sie sich nicht fest an ihm. Sie fühlte, wie sie hinsank, dann nichts mehr.
Apollonius war hinzugeeilt und hatte sie aufgefangen. Da stand er und hielt das schöne Weib in seinen Armen, das Weib, das er liebte, das ihn liebte. Und sie war bleich und schien tot. Er trug sie nicht in die Stube, er ließ sie nicht hinabgleiten auf die Erde, er tat nichts, sie zu beleben. Er stand verwirrt; er wußte nicht, wie ihm geschehen war, er mußte sich besinnen. Der alte Valentin hatte ihn noch nicht gesprochen; er hatte nur durch den Gesellen, der vom Blechschmied, der nach Sankt Georg eilte, erfahren, Apollonius folge ihm und werde bald hier sein. Apollonius war vom Nagelschmied am Tor aufgehalten worden. Dann hatte er geeilt, dem Befehle des Vaters nachzukommen. Daß ihn der Vater rufen ließ, hatte ihn befremdet; er konnte sich nicht denken, warum. Von dem Sturze eines Schieferdeckers in Tambach hatte er gehört, aber er wußte nicht, daß das Gerücht die Ortsnamen verwechselt hatte, und daß jemand glauben könnte, ihn habe das Unglück getroffen. So gänzlich unvorbereitet auf das, was ihm der nächste Augenblick bringen sollte, war er durch den Schuppen gekommen. Er wollte sogleich zu dem Vater auf dessen Stübchen, da hatte er die junge Frau den Gang herstürzen und mit dem Umsinken kämpfen sehen und war ihr entgegengeeilt. Und nun hielt er sie in den Armen. Die Gestalt, die er schmerzlich mühsam und doch vergebens, seit Wochen von sich abzuwehren gerungen, deren bloßes Gedankenabbild all sein Wesen in eine Bewegung brachte, die er sich als Sünde vorwarf, lag in schwellender, atmender, lastender, wonneängstigender Wirklichkeit an ihn hingegossen. Ihr Kopf lehnte rückwärts gesunken über seinen linken Arm; er mußte ihr in das Antlitz sehen, das schöner, gefährlich schöner war, als alle seine Träume es malen konnten. Und jetzt überflog ein Rosenschein das weiße Antlitz bis in die weichen, braunen Haare, die in den milden, selbstgeschlungenen Locken über die Schläfe hinabrollten, die tiefen, blauen Augen öffneten sich, und er konnte ihrer Gewalt nicht entfliehen. Und nun sah sie ihn an und erkannte ihn. Sie wußte nicht, wie sie hierher und in seine Arme gekommen, sie wußte nicht, daß sie in seinen Armen lag; sie wußte nichts, als daß er lebte. Wie konnte sie noch einen Gedanken denken neben dem! Sie weinte und lachte zugleich, sie umschlang ihn mit beiden Armen, um seiner gewiß zu sein. Und doch fragte sie noch in angstvoll drängender Hast: „Und bist du’s denn auch? Bist du’s auch gewiß? Und lebst noch? Und bist nicht gestürzt? Und ich habe dich nicht getötet? Und du bist’s? Und ich bin’s? Aber er — er kann kommen!“ Sie sah sich wild um. „Er will dich töten. Er wird nicht eher ruhen.“ Sie umfaßte ihn, als wollte sie ihn mit ihrem Leibe decken gegen einen Feind; dann vergaß sie die Angst über der Gewißheit, daß er noch lebte, und lachte wieder und weinte zugleich und fragte ihn wieder, ob er auch noch lebe, ob er’s auch noch sei. Aber sie mußte ihn ja warnen. Sie mußte ihm alles sagen, was jener ihm getan und was er ihm noch zu tun gedroht. Sie mußte es schnell; jeden Augenblick konnte jener kommen. Warnung, süß unbewußtes Liebesgeschwätz, Weinen, Lachen; Seligkeit, Angst, Schmerz um das verlorene Glück; Anklage wie des Kindes beim Vater; das Bedürfnis der Liebe, mit allem, was sie ist, was sie freut, was sie bekümmert, ein Gedanken seines Geistes, ein Gefühl seiner Seele zu sein, das er denkt und fühlt wie seine andern; bräutliche Verwirrung und Vergessen der ganzen Welt über den einen Augenblick, der ihr eigentliches Dasein ist, — denn alles, was war und werden kann, ist bloß Schatten — was sie erzählt, hat sie geträumt und erlebt, fühlt und weiß es erst jetzt; was gewesen ist und kommen wird, ist gewesen und kommt nur, damit dieser Augenblick sein kann; vor und nach diesem Augenblick ist die Zeit zu Ende; — alles das durchdrang sich, alles das zitterte zugleich in jedem einzelnen Klang der fliegenden, sich pressenden Rede. „Er hat mich und dich belogen. Er hat mir gesagt, du verhöhntest mich und hättest meine Blume vor den Gesellen ausgeboten. Und du weißt’s ja noch, beim Pfingstschießen die Blume, das kleine Glöckchen, das ich liegen ließ. Und du hast’s ihm geschickt. Ich hab’s gesehen. Ich wußte nicht, warum. Du hast mich gedauert. Daß du so still warst und trüb und so allein, das hat mir weh getan. Da hat er mir beim Tanz gesagt, du hättest deinen Spott über mich. Da gingst du in die Fremde und er hat mir gesagt, wie du in deinen Briefen über mich spottest: das tat mir weh. Du glaubst nicht, wie weh mir das tat, wenn ich schon nicht gewußt hab’, warum. Der Vater wollte, ich sollte ihn frein. Und wie du kamst, hab’ ich mich vor dir gefürchtet; du hast mich immer noch gedauert und ich hab dich immer noch geliebt und wußt es nur nicht. Er selbst hat mir’s erst gesagt. Da bin ich dir ausgewichen. Ich wollte nicht schlecht werden und will’s auch nicht. Gewiß nicht. Dann hat er mich gezwungen, zu lügen. Dann hat er mir gedroht, was er dir tun wollte. Er wollte machen, daß du stürzen müßtest. Es wär’ nur Scherz; aber, sagt’ ich’s dir, dann wollt’ er’s im Ernste tun. Seitdem hab’ ich keine Nacht geschlafen; die ganzen Nächte hab’ ich aufgesessen im Bett und bin voll Todesangst gewesen. Ich hab dich in Gefahr gesehn und durft’ es dir nicht sagen und durft’ dich nicht retten. Und er hat die Seile zerschnitten mit der Axt in der Nacht, eh’ du nach Brambach gingst. Der Valentin hat mir’s gesagt, der Nachbar hat ihn in den Schuppen schleichen sehen. Ich hab’ dich tot gemeint und wollte auch sterben. Denn ich wär’ schuld gewesen an deinem Tode und stürbe tausendmal um dich. Und nun lebst du noch und ich kann’s nicht begreifen. Und es ist alles noch, wie es war; die Bäume da, der Schuppen, der Himmel, und du bist doch nicht tot. Und ich wollte auch sterben, weil du tot warst. Und nun lebst du noch, und ich weiß nicht, ist’s wahr oder träume ich’s nur. Ist’s denn wahr? Sag’ du mir’s doch: ist’s wahr? Dir glaub’ ich alles, was du sagst. Und sagst du, ich soll sterben, so will ich’s, wenn du’s nur weißt. Aber er kann kommen. Vielleicht hat er gelauscht, daß ich dir’s sagte, was er will. Schick’ den Valentin in die Gerichte, daß sie ihn fortführen und er dir nichts mehr tun kann!“
So schwärmte, lachte und weinte das fiebernde Weib in seinen Armen fort. Alles vergessend, wie ein Kind an einem Abgrund spielend, den es nicht sieht, ruft sie unbewußt eine Gefahr herbei, tödlicher als die, über deren Vorbeigehen sie jubelt, drohender als die, wogegen sie den Mann mit ihrem Leibe decken will. Sie ahnt nicht, was ihr leidenschaftlich Tun, die Süßigkeit ihrer unbekümmerten Hingebung, was ihre Liebkosungen, was ihr warmes, schwellendes Umfangen in dem Manne aufregen muß, der sie liebt; daß sie alles tut, was den Mann, dessen Rechtlichkeit und Edelmut sie sich so unbekümmert anheim gibt, Rechtlichkeit und Edelmut im Tumulte des Blutes vergessen machen kann. Sie hat keine Ahnung, welchen Kampf sie in ihm entzündet und wie sie ihm den Sieg erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Und er weiß nun, das Weib in seinen Armen war sein; der Bruder hat ihn um sie und sie um ihn betrogen. Jetzt weiß er’s, wo das Weib in seinen Armen ihm die Größe des Glückes zeigt, um das der Bruder ihn betrogen hat. Er hat sie geraubt und noch mißhandelt; und für alles, was er um ihn gelitten, getan, verfolgt er ihn noch und steht ihm nach dem Leben. Gehört das Weib dem, der sie ihm gestohlen, der sie mißhandelt, den sie haßt? Oder ihm, dem sie schändlich gestohlen worden ist, der sie liebt, den sie liebt? Das alles waren nicht deutliche Gedanken; hundert einzelne Empfindungen, die, in den Strom eines tiefen und wilden Gefühls hingerissen, durch seine Adern stürzten und die Muskeln seiner Arme spannten, etwas, das sein ist, an sein Herz zu pressen. Aber eine dunkle Angst drängt dem Strom entgegen und hält die Muskeln wie im Starrkrampfe fest. Das Gefühl, er will etwas tun und er ist sich nicht klar, was es ist, wohin es führen kann; eine ferne Erinnerung, daß er ein Wort gegeben hat, das er brechen wird — er läßt sich fortreißen; die dunkle Vorstellung, als stehe er wie an seinem Tische und, bewege er sich, ehe er sich umgesehen, könne er etwas wie ein Tintenfaß auf etwas wie Wäsche oder ein wertvolles Papier werfen: Alledem lag die angstvolle Vorahnung zugrunde, er könne mit einer Bewegung etwas verderben, was nicht wieder gut zu machen sei. Er rang schon lange unter den berauschenden Tönen nach etwas, bevor er wußte, daß er rang und daß dies Etwas die Klarheit war, das Grundbedürfnis seiner Natur. Und nun kam sie ihm und sagte: „das Wort, das du gegeben hast, ist, die Ehre des Hauses aufrechtzuerhalten, und was du tun willst, muß sie zernichten.“ Er war der Mann und mußte für sich und sie einstehen. Die Klarheit brandmarkte den Verrat, den er mit einem Drucke, mit einem Blicke, an dem rührenden, unbedingten Vertrauen üben würde, das aus des Weibes Hingebung sprach, mit aller Schmach, die sie fand. Sie zeigte ihm die Reinheit des Gesichtes, das an seinem Herzen lag und schwärmend zu ihm aufsah, und wie er mehr an ihr und an sich selbst verderben würde, als das war, worüber er ihren und seinen Feind anklagte. Noch stand die heilige Scheu schützend zwischen ihm und ihr, die ein einziger Druck, ein einziger Blick für immer verscheuchen konnte. Und doch sah er angstvoll sich nach einem Helfer um. Wenn nur Valentin käme, dann mußt’ er sie aus seinen Armen lassen. Valentin kam nicht. Aber die Scham über seine Schwäche, die die Hilfe außen suchte, wurde zum Helfer. Er legte die Kraftlose sanft auf den Rasen. Als er die weichen Glieder aus den Händen ließ, verlor er sie erst. Er mußte sich abwenden und konnte einem lauten Schluchzen nicht wehren. Da sah der jüngste Knabe neugierig in den Hof. Er eilte hin, hob das Kind in seine Arme, drückte es an sein Herz und stellte es zwischen sich und sie. Es war eigen; mit dem Drucke, mit dem er das Kind an sein Herz gedrückt, entband sich der wilde Drang, und nun lösten sich die gespannten Muskeln. Er hatte sie in dem Kinde an sein Herz gedrückt, wie allein er sie an sein Herz drücken durfte.
Die Frau sah ihn den Knaben zwischen sich und ihn stellen und verstand ihn. Glühende Röte stieg ihr bis unter die wilden, braunen Locken. Sie wußte nun erst, daß sie in seinen Armen gelegen, daß sie ihn umfaßt und mit ihm gesprochen hatte, wie es nur erlaubte Liebe darf. Sie sah nun erst die Gefahr, an deren Abgrund sie ihn und sich gestellt. Sie richtete sich auf den Knien auf, als wollte sie ihn flehen, sie nicht zu verachten. Zugleich fiel ihr wieder ein, der Mann konnte sie belauscht haben und die Drohung noch vollziehen. Dann hatte sie ihn durch die Freude über seine Rettung erst verdorben. Er sah das alles und litt es mit ihr. Er hatte sich abgekämpft, ihr nicht zu zeigen, was in ihm vorging; aber in seinem Innern war der Kampf selbst nicht ausgekämpft. Er neigte sich zu ihr und sagte: „Du bist meine brave Schwester. Du bist braver als ich. Und über uns und deinem Manne ist Gott. Aber nun geh’ hinein, Schwester, liebe, brave Schwester.“ Sie wagte nicht aufzusehen, aber durch die gesenkten Lider sah sie seine Milde, das tiefe, unauslöschbare Wohlwollen, die unvertilgbare Menschenachtung auf seiner leuchtenden Stirne und um den sanften Mund. Und wie er ihr bewußter und unbewußter Maßstab war, wußte sie nun, sie war nicht schlecht, sie konnt’ es nicht werden; er trug sie bewahrt, wie die Mutter das Kind vorsichtig auf starken Armen. Er wuchs ihr, wie sie ihn durch die gesenkten Lider sah, mit dem Haupte bis an den Himmel. Sie wußte, daß ihm der Mann nicht schaden konnte. Apollonius gab ihr den Knaben in den Arm und bot die Hand, sie aufzurichten. Sie bebte unter der Berührung, und wie sie noch auf den Knien lag, stieg ihr Gedanke in ihm auf wie ein Gebet. Er führte sie an die Tür. Vom Schuppen her kam Herr Nettenmair mit dem Gesellen. Fritz Nettenmair, der ihnen nachschlich, sah noch, wie er sie führte.
Von allem, was er heute gewollt und gelitten, stand nichts in Herrn Nettenmairs verknöchertem Antlitz zu lesen, als er heimkam. Die junge Frau und Valentin mußten eine Predigt über grundlose Einbildungen anhören; denn die Geschichte hatte sich ausgewiesen, wie sie war, nicht wie sie der Valentin zusammengeängstelt hatte. Die Reise Fritz Nettenmair’s gedachte er als eines lang von demselben gehegten, aber von ihm erst heute genehmigten Vorhabens. Apollonius erhielt den Befehl, sogleich mit den Geschäftsbüchern auf des alten Herrn Stube zu kommen. Der alte Herr gab vor, er wollte den Stand des Geschäftes genau kennen lernen; sein wahrer Zweck dabei war, Apollonius so lange bei sich in Sicherheit zu behalten, bis sein Bruder abgereist sei. Apollonius konnte, ohne wegen der nächsten laufenden Ausgaben in Verlegenheit zu kommen, das Geld zu des Bruders Reise bis Hamburg verschaffen. Dort wußte er einen früheren Kölner Freund, der sich in sehr guten Verhältnissen befand, und der, um manche geleistete Dienste zu vergelten, ihm öfter, und noch neulich eine Geldhilfe angeboten hatte. Auf des Vaters Stübchen schrieb er an ihn. Der Freund sollte dem Bruder einen Platz auf einem Passagierschiffe besorgen, seine Aufenthaltskosten bestreiten und ihm — aber nicht eher, als unmittelbar vor der Abfahrt — eine gewisse Summe Geldes übermachen; alles auf Apollonius Rechnung. Valentin mußte noch den Abend auf die Post, um den Brief aufzugeben und Fritz Nettenmair einschreiben zu lassen. Der Wagen ging eine Stunde vor Sonnenaufgang ab; noch eine Stunde früher sollte Valentin auf dem Zeuge sein und sich bei dem alten Herrn melden.
So war das Leben in dem Hause mit den grünen Laden immer schwüler geworden. Diese Nacht mit ihrer stillen Unruhe gleich der angstvollen Stille, darin die Kräfte eines Meersturms seinen Ausbruch vorbereiten. Es war ein eigenes Treiben. Wer in dieser Nacht in das Haus, aber nicht in die Seele der Menschen hätte hineinsehen können, der wäre aus einer Befremdung in die andere gefallen. Sonst, wenn ein Glied einer Familie zu einer Reise sich rüstet, von der es vielleicht nicht wieder heimkehren wird, drängen sich die übrigen um ihn. Je weniger der Augenblicke werden, die er noch mit ihnen zubringen kann, je tiefer werden sie ausgenossen. Jahre des gewöhnlichen Miteinanderlebens drängen sich in ihnen zusammen. Jeder Blick, jedes Wort, jeder Händedruck wird als ein ewiges Andenken gegeben und genommen. Stundenweit her kommen die Freunde des Scheidenden, ihn noch einmal zu sehen. Nach Fritz Nettenmair sahen die Leute im Hause nicht. Sie schauderten, ihm zu begegnen, als wär er ein schreckendes Gespenst. Und wie ein solches schlich er darin umher und wich den Menschen aus, wie sie ihm. Und die Menschen, denen er ausweicht, die ihm ausweichen, sind nicht fremde; sein Vater ist’s, sein Bruder, sein Weib und seine Kinder. Ein Reisender, der nicht gesehen wird, der sich nicht sehen läßt, der kein Lebewohl gibt und kein Lebewohl nimmt, und der doch freiwillig reist, und dessen Reise die andern wissen und genehmigen!