Und vor der Wahrheit mächt’gem Siege

Verschwindet jedes Werk der Lüge:

So rafft von jeder eitlen Bürde,

Wenn des Gesanges Ruf erschallt,

Der Mensch sich auf zur Geisterwürde

Und tritt in heilige Gewalt.

Da die Anakoluthe gegen die strenge Sprachrichtigkeit verstoßen, so sind sie nur mit Vorsicht zu gebrauchen. Tadelnswert sind in prosaischer Rede namentlich Anakoluthe, die darin bestehen, daß ein als Nebensatz begonnener Satz in der Form eines Hauptsatzes zu Ende geführt wird, z. B.: „Sie wissen, daß, wenn die Vestalinnen im alten Rom einem Verbrecher begegneten, so hatten sie das Recht, ihn zu begnadigen“ (statt: daß sie das Recht hatten usw.). Heine. — In der Poesie dagegen ist ein Anakoluth oft von sehr guter Wirkung, weil hier große Innigkeit oder Leidenschaftlichkeit des Gefühls das Herausfallen aus der Konstruktion, das Aufgeben des strafferen Satzbaues erklärlich macht.

l) Die Wiederholung. Einzelne Wörter oder Satzabschnitte werden wiederholt, um den Begriff hervorzuheben oder dem Ausdruck größere Innigkeit zu verleihen. Das wiederholte Wort trägt immer den Hauptton, z. B.: lieber, lieber Freund! — Der Tod, der Tod ist mein Gewinn. Bürger.Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar. Rückert. — Nicht möcht’ ich deinen Geist in Sünden töten, nein, Gott verhüt’s! nicht deine Seele töten. Shakespeare.

Anmerkung. Gelehrte Spielerei hat hier nach der Stellung, die das wiederholte Wort im Satze einnimmt, viele Arten der Wiederholung unterschieden, und zwar folgende: 1. Anaphora, d. i. Wiederkehr desselben Wortes oder derselben Wendung am Anfange mehrerer aufeinanderfolgender Sätze, z. B.: Sei mir gegrüßt, mein Berg, mit dem rötlich strahlenden Gipfel! Sei mir, Sonne, gegrüßt, die ihn so lieblich bescheint! Schiller. — 2. Epiphora (bei Quintilian epistrophe), d. i. Wiederholung am Schlusse mehrerer aufeinanderfolgender Sätze, z. B.: Wie sollt’ es mich freuen, Marquis, wenn der Freiheit endlich noch diese Zuflucht in Europa bliebe! Wenn sie durch ihn es bliebe! Schiller. — 3. Epanalepsis, d. i. Wiederholung der den Satz beginnenden Wendung am Schlusse, z. B.: Weinet um mich, ihr Kinder des Lichts! er liebt mich nicht wieder, ewig nicht wieder, ach, weinet um mich! Klopstock. — 4. Anadiplosis, d. i. Wiederholung eines den Satz beendenden Wortes am Anfang des folgenden, z. B.: Nicht der Frühling kann dir’s geben, geben mußt dem Frühling du. Rückert. — 5. Epanodos (d. i. Rückweg). Die wiederholten Worte stehen in umgekehrter Folge, z. B.: Ihr seid müßig, müßig seid ihr. Luther. — 6. Epizeuxis, die unmittelbare Wiederholung desselben Wortes oder Satzes, z. B.: So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt. Geibel. Ach wie liegt so weit, ach wie liegt so weit, was mein einst war. Rückert. — 7. Symploke, die Verflechtung mehrerer Arten der Wiederholung, z. B.: Laß mich weinen, an deinem Herzen heiße Tränen weinen (Epiphora), du einz’ger Freund. Ich habe niemand, niemand (Epizeuxis), auf dieser großen weiten Erde niemand (Epiphora). Schiller. — 8. Polyptōton, die Wiederholung eines Wortes in verschiedenen Flexionsformen, z. B.:

Aber der Hörenden floß die schmelzende Trän’ auf die Wang’ hin;