Otto Lyon.

Inhaltsverzeichnis.

Seite

[I. Einleitung.]

1.

Begriff des Stiles

[1]

2.

Begriff der Stilistik

[2]

3.

Einteilung der Stilistik

[3]

4.

Schriftsprache und gesprochene Rede

[3]

[II. Allgemeine Stilistik.]

[A.Die Eigenschaften des guten Stiles im allgemeinen.]

5.

Der oberste Grundsatz des guten Stiles

[4]

6.

Deutlichkeit

[5]

7.

Sprachrichtigkeit

[5]

8.

Sprachreinheit

[5]

9.

Bestimmtheit und Kürze des Ausdrucks

[11]

10.

Angemessenheit

[14]

11.

Wohllaut und Neuheit des Ausdrucks

[15]

12.

Anschaulichkeit und Lebendigkeit

[17]

13.

Natürlichkeit

[19]

[B.Bilder und Figuren.]

14.

Der Gebrauch bildlicher Ausdrücke

[20]

15.

Die Bilder oder Tropen

[21]

16.

Die Figuren

[25]

17.

Bedeutung der Tropen und Figuren für den Stil

[29]

[C.Stilistik des einfachen Satzes.]

18.

Wortbildung

[30]

19.

Das Substantivum

[33]

20.

Das Verbum

[35]

21.

Die Partizipien

[36]

22.

Das Adjektivum

[38]

23.

Das Pronomen

[39]

24.

Das Adverbium

[41]

25.

Präpositionale Ausdrücke

[41]

26.

Als und wie

[43]

27.

Wortstellung

[44]

[D.Stilistik des zusammengesetzten Satzes.]

28.

Der Bau der Sätze im allgemeinen

[45]

29.

Form der Sätze

[45]

30.

Art der Verknüpfung

[48]

31.

Stellung der Sätze

[49]

32.

Rhythmus des Satzes

[51]

[III. Besondere Stilistik.]

[A.Die Arten des Stiles.]

33.

Prosaischer und poetischer Stil

[53]

34.

Der Stil des Verstandes

[53]

35.

Der Stil des Gemütes

[55]

[B.Die Mittel zur Ausbildung des Stiles.]

36.

Das Studium guter Muster

[57]

37.

Der Aufsatz

[58]

38.

Das Thema und die Arten der Aufsätze

[58]

39.

Das Sammeln des Stoffes

[59]

40.

Die Disposition

[59]

41.

Dispositionsregeln

[61]

42.

Die Chrie

[64]

43.

Die Ausarbeitung

65

44.

Über die Kunst, seine Gedanken gut auszusprechen

[66]

[Anhang zur Stilistik.]

I.

[Übungsbeispiele zur Wiederholung der Syntax.]

69

II.

[Rektionslehre.]

[A.Rektion der Verben.]

1.

Verben, die den Akkusativ regieren

[72]

2.

Verben, die den Dativ regieren

[75]

3.

Verben, die den Genitiv regieren

[77]

4.

Verben mit schwankender Rektion

[80]

B.Rektion der Verbalsubstantive.

[85]

[C.Rektion der Adjektive.]

1.

Adjektive, die den Dativ regieren

[86]

2.

Adjektive, die den Genitiv regieren

[86]

D.Rektion der Präpositionen.

[87]

Erste Abteilung.
Deutsche Stilistik.

I. Einleitung.

1. Begriff des Stiles.

Das Wort Stil wird in seiner weiteren Bedeutung auf alle Künste angewendet und bezeichnet überhaupt die Art und Weise der Darstellung. Man spricht daher z. B. von einem gotischen Stile in der Baukunst, von dem Stile der Niederländer in der Malerei, von dem Stile Mozarts in der Musik, von dem Stile Goethes in der Kunst der Sprache. Im engeren Sinne versteht man jedoch unter Stil nur die Art und Weise der sprachlichen Darstellung. Diese wird durch zweierlei bestimmt: 1. durch den Inhalt und Zweck des darzustellenden Gegenstandes; 2. durch die Persönlichkeit und geistige Eigenart des Darstellenden. Sofern der Stil auf den Inhalt und Zweck des darzustellenden Gegenstandes Rücksicht nimmt, nennt man ihn objektiv, sofern in ihm die Eigenart des Darstellenden zum Ausdrucke kommt, subjektiv. So wird z. B. der Stil in Schillers akademischer Antrittsrede: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ objektiv bestimmt zunächst durch das Thema, dann durch die Reihe von Gedanken, die sich unter dieses Thema ordnen lassen, ferner durch den Zweck, die Zuhörer, und zwar solche, die akademischen Kreisen angehören, für diese Gedanken zu gewinnen. Objektiv wird also für die ganze Darstellung der Stil einer akademischen Rede über Begriff und Zweck des Studiums der Universalgeschichte erfordert. Das Subjektive an dieser Rede aber ist das, was diese Rede von allen anderen ähnlicher Art unterscheidet und sie zu einer Rede macht, wie sie nur gerade Schiller seiner geistigen Eigenart und Bildung, sowie der Bildung seiner Zeit gemäß halten konnte. Zahlreiche Lieblingsideen und Lieblingswendungen Schillers, die wir darin finden, der stolze Schwung der Rede, der noch heute jeden Leser unwiderstehlich mit sich fortreißt, die Anlehnung an die Gedanken Kants u. ähnl. geben der Darstellung ihr subjektives Gepräge.

Die objektive und subjektive Seite des Stiles sind selbstverständlich in der Wirklichkeit immer innig verbunden; es wird aber je nach dem Inhalte des darzustellenden Gegenstandes bald die eine, bald die andere Seite in den Vordergrund treten. Eine wissenschaftliche Darstellung z. B. ist streng objektiv zu halten, eine Rede, welche die Hörer anregen und begeistern soll, erfordert reiche subjektive Färbung; ein episches Gedicht verlangt große Objektivität, bei einem lyrischen Gedichte ist starke Subjektivität unbedingtes Erfordernis. Im allgemeinen muß namentlich der poetische Stil sein eigenartiges Gepräge durch die Persönlichkeit des Dichters erhalten, während dem prosaischen Stile mehr objektive Ruhe günstig ist.

Das rechte Verhältnis zwischen Subjektivität und Objektivität zu treffen, ist eine der schwierigsten Aufgaben des Stiles. Schließt sich der Stil nur objektiv an fremde Muster an, so mangelt ihm das eigenartige Gepräge, und dieser Mangel kann uns oft ganze Werke ungenießbar machen; überwiegt aber die Subjektivität in der Weise, daß Dinge in die Darstellung hineingetragen werden, die in dem darzustellenden Gegenstande nicht begründet sind oder gar mit demselben in Widerspruch stehen, so wird der Stil zur Manier. Gegenüber dem wahrhaften Stile Goethes und Schillers zeigt z. B. der Stil Jean Pauls und unter den neueren Erzählern der Wilhelm Raabes stellenweise Manier.