Anmerkung 1. Das Wort Stil ist aus dem Lateinischen (aus lat. stilus, d. i. Griffel) zu uns gekommen. Das lateinische stilus geht wieder auf griech. στῦλος zurück, was gleichfalls den metallenen Griffel bezeichnete, mit dem der Grieche durch Einritzen in eine Wachstafel schrieb. Einige Sprachforscher leiten auch unser Wort „Stiel“ von lat. stilus ab, was den Lautgesetzen nicht widerspricht. Doch ist hier wohl eher Urverwandtschaft anzunehmen.
Anmerkung 2. Über den Einfluß der Persönlichkeit und Gesinnung des Dichters auf seine Werke sagt Goethe: „Eigentlich kommt alles auf die Gesinnungen an; wo diese sind, treten auch die Gedanken hervor, und nach dem sie sind, sind auch die Gedanken.“ Sprüche in Prosa 542. Hempelsche Ausgabe. — Von Werken, die nur objektiven Stil haben, sagt derselbe Dichter: „Es werden jetzt Produktionen möglich, die Null sind, ohne schlecht zu sein: Null, weil sie keinen Gehalt haben; nicht schlecht, weil eine allgemeine Form guter Muster den Verfassern vorschwebt.“ Spr. i. Pr. 119.
2. Begriff der Stilistik.
Stilistik ist die Wissenschaft des Stiles. Sie sucht die Gesetze und Regeln der sprachlichen Darstellung auf und stellt sie im Zusammenhange dar. Man darf die Stilistik nicht verwechseln mit der Poetik und Rhetorik. Die Poetik erörtert die Gesetze und Formen der Dichtung, die Rhetorik behandelt die Kunst der Beredsamkeit und der prosaischen Darstellung des Redners. Die Stilistik aber hat es mit der äußeren sprachlichen Form der Darstellung überhaupt zu tun, sie umfaßt die Gesetze über Deutlichkeit, Richtigkeit und Schönheit des Ausdruckes, über Belebung durch bildliche Wendungen, über die Wahl der Worte, den Bau der Sätze usw. Da die Sprache das Ausdrucksmittel sowohl des Redners, als auch des Dichters ist, so gelten die allgemeinen Sprachregeln der Stilistik für die Prosa wie für die Poesie. Der Umstand, daß die Alten in ihre Darstellungen der Rhetorik auch gewöhnlich die Regeln der Stilistik mit einschlossen (weil der Redner auch die stilistischen Regeln kennen und anwenden muß), hat dazu geführt, daß bis in die neueste Zeit Rhetorik und Stilistik vielfach vermengt und in verworrener Weise durcheinandergemischt werden.[1]
Mit den Stoffen und Ideen, die dargestellt werden, hat es die Stilistik nur insoweit zu tun, als diese Einfluß auf die innere oder äußere sprachliche Form üben. Die Stilistik stellt ferner nur die Regeln des objektiven Stiles dar; denn es ist nicht ihre Aufgabe, von dem Stil eines bestimmten Schriftstellers oder eines Zeitalters oder eines Volkes zu reden, sondern sie behandelt die allgemeinen Gesetze des Stiles, die für die Schriftsteller aller Zeiten und Völker Geltung haben. Die deutsche Stilistik berücksichtigt dabei zugleich die Eigenart der deutschen Sprache und des deutschen Volkes.
Anmerkung. Eine klare Bestimmung der Begriffe Rhetorik und Stilistik gab zuerst Wilhelm Wackernagel in seinen Vorlesungen über Poetik, Rhetorik und Stilistik, herausgeg. v. Ludw. Sieber, Halle 1873; eine selbständige, streng wissenschaftliche Behandlung der deutschen Stilistik, losgelöst von der Rhetorik der Alten, hat zuerst Karl Ferdinand Becker in seinem Buche: Der deutsche Stil (neu bearb. v. O. Lyon, Prag und Leipzig 1883) angebahnt. Sehr anregend ist die „Deutsche Stilistik“ von Richard M. Meyer, München 1906.
3. Einteilung der Stilistik.
Die Stilistik zerfällt in die allgemeine und in die besondere. Die allgemeine Stilistik handelt von den Eigenschaften des guten Stiles überhaupt, von den Mitteln zur lebendigeren Gestaltung der Rede, von dem stilgerechten Bau und der wohllautenden Gliederung des einfachen und zusammengesetzten Satzes. In der besonderen Stilistik dagegen kommen die Arten des Stiles und die Mittel zur Ausbildung desselben zur Darstellung.
4. Schriftsprache und gesprochene Rede.
Man bezieht das Wort Stil gewöhnlich nur auf die Darstellung der Gedanken in der Schriftsprache. Diese Auffassung ist aber einseitig und irrtümlich. Dieselben Gesetze vielmehr, die für die Schriftsprache gelten, liegen auch der mündlichen Rede zugrunde. Zwar fordert die Schriftsprache, weil sie die Gedanken nicht bloß für den Augenblick und für einzelne Personen darstellt, und weil sie nicht durch die Betonung und das lebendige Gebärdenspiel des Sprechenden unterstützt wird, in der Regel eine größere Sorgfalt, namentlich in bezug auf die Wahl der Worte und die Wortstellung, aber es kann nicht dringend genug darauf hingewiesen werden, daß der mündlichen Rede dieselbe Sorgfalt zuzuwenden ist wie der geschriebenen. Vor allem aber darf die Schriftsprache nicht in der Schärfe von der mündlichen Rede getrennt werden, wie es jetzt leider gewöhnlich geschieht. Gerade die Zeiten der höchsten Blüte unserer Sprache und gerade unsere größten Dichter sahen in der Sprache in erster Linie etwas, das gesprochen wird, und gaben der mündlichen Rede den Vorrang vor der Schriftsprache. Das Zeitalter der Minnesinger, das Zeitalter Luthers, das Zeitalter Schillers und Goethes bieten dafür ausreichende Beweise. Nur immer diejenigen Zeiten, in denen sich unser Sprachleben im Rückgange befand, erhoben die Schriftsprache zur stolzen Herrin und drückten die mündliche Rede zur dienenden Magd herab. Hätten Klopstock, Goethe und Schiller nicht unserer Sprache durch Worte und Wendungen, die sie der lebendigen Sprache ihrer Heimat entnahmen, eine großartige Erweiterung gegeben, so wären vielleicht heute noch die beschränkten Sprach- und Stilregeln Gottscheds und Adelungs geltend.