Anmerkung. Klopstock kämpfte sein ganzes Leben hindurch gegen das bloße stille Lesen mit den Augen. Goethe sagt unter anderem in Dichtung und Wahrheit (II, 10): „Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache, stille für sich lesen ein trauriges Surrogat der Rede.“ An der Adrastea (6, 187) sagt Herder: „Welche Nation hat ihre Sprache wesentlich so verunstalten lassen, als die deutsche? Gehen Sie in die Zeiten der Minnesinger zurück, hören Sie noch jetzt den lebendigen Klang der verschiedenen, zumal west- und südlichen Dialekte Deutschlands, und blicken in unsere Büchersprache. Jene sanften oder raschen An- und Ausklänge der Worte, jene Modulation der Übergänge, die den Sprechenden am stärksten charakterisieren — da wir Deutsche so wenig öffentlich und laut sprechen, sind sie in der Büchersprache verwischt!“ Ganz besonders beherzigenswert ist Herders Schulrede: „Von der Ausbildung der Rede und Sprache in Kindern und Jünglingen.“
[1] Ein Beispiel einer solchen völligen Vermischung ist Schießls System der Stilistik. Straubing 1884. Vergleiche meine Besprechung in Zarnckes Literarischem Zentralblatt 1885.
II. Allgemeine Stilistik.
A. Die Eigenschaften des guten Stiles im allgemeinen.
5. Der oberste Grundsatz des guten Stiles.
Der oberste Grundsatz des guten Stiles, aus dem sich alle übrigen Eigenschaften ergeben, ist die vollkommene Übereinstimmung des Ausdruckes mit der Sache. Sofern eine solche Übereinstimmung in dem Hörer oder Leser volles Wohlgefallen und das Gefühl des Befriedigtseins erweckt, kann man sie auch kurz als die wahre Schönheit der Darstellung bezeichnen. Um diese zu erreichen, muß der Stil folgende Eigenschaften haben: 1. Deutlichkeit, 2. Sprachrichtigkeit, 3. Sprachreinheit, 4. Bestimmtheit und Kürze des Ausdruckes, 5. Angemessenheit, 6. Wohllaut und Neuheit des Ausdruckes, 7. Anschaulichkeit und Lebendigkeit, 8. Natürlichkeit. Je nach der Stilgattung wird natürlich bald die eine, bald die andere Eigenschaft überwiegen; eine belehrende Abhandlung z. B. wird vor allem nach Deutlichkeit und Klarheit, eine fesselnde Schilderung nach Anschaulichkeit und Lebendigkeit zu streben haben usw., aber wenn auch eine Eigenschaft in den Vordergrund tritt, so dürfen deshalb die anderen nicht fehlen.
Anmerkung. Die älteren Stilistiker stellten die Zweckmäßigkeit als das oberste Gesetz des guten Stiles auf. Diesen Irrtum gründlich widerlegt und hoffentlich für immer aus der Wissenschaft des Stiles entfernt zu haben ist das Verdienst Beckers (Der deutsche Stil, 3. Aufl. S. 5 flg. 12 flg. 60 flg.).
6. Deutlichkeit.
Die erste Forderung, die an eine sprachliche Darstellung gestellt werden muß, ist die der Deutlichkeit. Wenn jemand über einen Gegenstand spricht oder schreibt, so muß in der ganzen Darstellung überall zutage treten, daß der Sprechende oder Schreibende den Gegenstand bis ins kleinste mit seinem Verstande beherrscht, und ferner muß die Darstellung so beschaffen sein, daß durch sie auch der Hörende oder Lesende den dargestellten Gegenstand mit seinem Verstande vollkommen zu erfassen vermag. Eine solche Darstellung nennt man deutlich. Die Deutlichkeit verlangt daher, daß der Darstellende den Gegenstand, ehe er über ihn spricht oder schreibt, rein und scharf aufgefaßt, nach allen Seiten hin durchdacht und eine der Wahrheit und Wirklichkeit völlig entsprechende Anschauung über ihn gewonnen habe. „Die größte Deutlichkeit war mir immer die größte Schönheit“, sagt Lessing. Der Deutlichkeit dienen außerdem hauptsächlich die drei folgenden Eigenschaften des guten Stiles: die Sprachrichtigkeit, die Sprachreinheit, die Bestimmtheit und Kürze des Ausdruckes.