Die Sprachrichtigkeit oder Korrektheit besteht darin, daß die Darstellung nicht gegen die Gesetze der Wortbildung und Wortbiegung, sowie der Satzbildung und Satzfügung verstößt. Diese Gesetze stellt die Grammatik dar, und man kann daher kurz sagen: die Sprachrichtigkeit beruht auf der sorgfältigen Befolgung der grammatischen Regeln.
Anmerkung. Einen Verstoß gegen die Sprachrichtigkeit nannten die Alten Solözismus (von Soli, einer Stadt in Cilicien, deren Bewohner ein sehr fehlerhaftes Griechisch sprachen), einen Verstoß gegen die Sprachreinheit dagegen Barbarismus.
8. Sprachreinheit.
Die Sprachreinheit bezieht sich auf die Wahl der Worte. Sie fordert, daß der Schreibende nur solche Worte und Redewendungen gebrauche, die der deutschen Sprache eigentümlich, seinem Zeitalter nicht unverständlich und in den gebildeten Kreisen unseres Volkes üblich sind. Gegen die Reinheit des Ausdruckes verstößt daher derjenige, der in seine Darstellung a) Fremdwörter und fremde Redewendungen, b) veraltete Wörter (den Gebrauch solcher Wörter nennt man Archaismus), c) landschaftliche Ausdrücke (die Verwendung derselben in der Schriftsprache heißt Provinzialismus), d) willkürliche und dem Geiste unserer Sprache widerstrebende Neubildungen (Neologismen) einmischt.
a) Fremdwörter und fremde Redewendungen. Die Forderung, die Fremdwörter zu meiden, ist nicht so zu verstehen, als ob alle Fremdwörter ohne Ausnahme aus Rede und Schrift verbannt werden müßten, vielmehr ist hier mit großer Sorgfalt zu scheiden zwischen entbehrlichen und unentbehrlichen Fremdwörtern. Im allgemeinen läßt sich als Regel feststellen, daß Fremdwörter niemals da gebraucht werden dürfen, wo uns ein gleichbedeutendes und schön gebildetes deutsches Wort als Ersatz zu Gebote steht. Vor allem muß man zunächst scheiden zwischen Fremdwörtern und Lehnwörtern. Unter Lehnwörtern versteht man solche Wörter, die bereits in einer früheren Periode in unsere deutsche Sprache aufgenommen worden sind und völlig deutsche Form angenommen haben, z. B. Anker (lat. ancora), Brief (lat. breve), predigen (lat. praedicare), Pforte (lat. porta), Regel (lat. regula), Schule (lat. schola), Spiegel (lat. speculum), Tafel (lat. tabula), Ziegel (lat. tegula) u. a. Diese Wörter werden von uns gar nicht mehr als Fremdwörter empfunden, und es wäre lächerlich, auch diese durch rein deutsche Ausdrücke wiedergeben zu wollen, wie es Philipp von Zesen u. a. getan haben, die Person durch Selbstand, Fenster durch Tageleuchter, ja sogar das Wort Nase, das gar kein Lehnwort, sondern wie andere Benennungen von Teilen des Körpers, z. B. Herz, Fuß, Ohr, Zahn, urverwandt mit der griech.-lat. Bezeichnung ist, durch Löschhorn usw. übersetzten. Aber auch von den eigentlichen Fremdwörtern, d. h. von denjenigen, die wir wirklich als solche empfinden, erweisen sich viele als unentbehrlich, und wer diese durch selbstgemachte Verdeutschungen ersetzen wollte, der würde in Gefahr kommen, seinen Hörern und Lesern unverständlich zu werden. Die meisten dieser Wörter sind technische Ausdrücke der Wissenschaften und Künste. Neben diesen unentbehrlichen Fremdwörtern ist aber leider in unsere deutsche Sprache eine ganz außerordentlich große Zahl völlig entbehrlicher Fremdwörter eingedrungen, und diese sind es, welche die Reinheit und Schönheit unserer Sprache so schwer schädigen. Mit größter Strenge fordert die Reinheit des Ausdruckes, daß diese Fremdwörter, für die genau zutreffende, oft weit bessere einheimische Ausdrücke sich darbieten, in allen Stilgattungen vermieden werden, und der Gebrauch eines solchen Fremdwortes sollte billig als ein ebenso arger Verstoß gegen den guten Stil gelten wie der Gebrauch eines falschen Kasus oder einer falschen Verbalform. Denn die lexikalische Seite unserer Sprache verlangt dieselbe Berücksichtigung wie die grammatische Seite. Meist leidet durch die Fremdwörter auch der Wohlklang der Rede, die vielen Wörter auf -tät und -ieren z. B. sind fast ausnahmslos unschön, und ihr Klang beleidigt das Ohr (z. B. Authentizität, Reziprozität, Kredulität, Probabilität, Monstrosität, Intelligibilität, Idealität, Souveränität, Spezialität, identifizieren, rehabilitieren, inventarisieren, rekonstruieren, spezifizieren, spezialisieren, stigmatisieren, sympathisieren, usw.). Das deutsche Wort hat gewöhnlich edleren und höheren Klang als das Fremdwort, man vergleiche z. B. Mut und Courage, Unglück und Malheur, Gnade und Pardon, Vergnügen und Pläsier, edle Leidenschaften und noble Passionen, dunkel und obskur, Geschenk und Präsent, unsicher und prekär, gewinnen und profitieren usw. Durch die Einmischung von Fremdwörtern wird daher der Ausdruck leicht unedel und niedrig.
Gute Verdeutschungen sind: Beförderung (Avancement), Widerstreit (Antagonismus), Dienstalter (Anciennität), Ruhegehalt (Pension), Verwaltung (Administration), Anzeige (Annonce), Zerrbild (Karikatur), Versteigerung (Auktion), Einleitung (Exordium), Feldzug (Kampagne), Mehrheit (Majorität), Minderheit (Minorität), Antrieb (Impuls), Naturtrieb (Instinkt), Eilbote (Kurier), Zeitungsschriftsteller (Journalist), Streitschrift (Pamphlet), Duldsamkeit (Toleranz), Spaziergang (Promenade), Reifeprüfung (Maturitätsexamen), folgetreu (konsequent), zuständig (kompetent), rechtmäßig (legitim), amtlich (offiziell), lautlich (phonetisch), geeignet (qualifiziert), reißend schnell (rapid), festsetzen (stipulieren), Vertauschung (quid pro quo) u. v. a.[2]
Ebenso wie die Fremdwörter sind fremde, aus anderen Sprachen herübergenommene Wendungen und undeutsche Übertragungen fremder Ausdrücke zu meiden. Durch solche undeutsche Wendungen wird die Reinheit des Stiles in hohem Grade verletzt. Die meisten derselben entstammen der französischen (Gallizismen) und der lateinischen Sprache (Latinismen). Ein Gallizismus ist z. B. die Wendung: „gegenüber von dieser Meinung“ (vis-à-vis de...) statt: „dieser Meinung gegenüber“; ferner der Gebrauch des hinweisenden Fürworts jener statt des dem Französischen fehlenden der in Sätzen wie: „Die kühne Tat des Horatius Cocles und jene (celle, statt: die) des Mucius Scävola“ usw. Man sagt deutsch: „Ich bin mit etwas zufrieden, mit etwas beschäftigt“ u. ähnl. Falsch ist es daher, mit Anlehnung an das Französische zu sagen: „Ich bin von etwas zufrieden (content de), von etwas beschäftigt (occupé de)“ usw., was sich bei einigen Schriftstellern findet. Man kann im Deutschen fühlen nicht mit dem bloßen Dativ verbinden, sondern bedient sich zur Anknüpfung der Präposition in, z. B.: Ich fühle Kraft in mir (nicht: Ich fühle mir Kraft, wie Schiller und Goethe einigemal geschrieben haben). Die Wendungen: sich durchdringen (statt: durchdrungen sein), sich verkaufen (statt: verkauft werden) u. ähnl. sind Gallizismen, z. B. Das Volk durchdringt sich (se pénètre, statt: ist durchdrungen) von Begeisterung für seine große, weltgeschichtliche Aufgabe; die Ware verkaufte sich zu sehr billigen Preisen (deutsch: wurde verkauft). Ausdrücke wie: „Er geht, seine Arbeit zu beginnen“; „jemand auf dem laufenden halten (tenir au courant des affaires), auf dem laufenden bleiben“; „die Freunde, es ist wahr, haben mich betrogen“; „in diesem Lande ist es, wo die Freiheit wohnt“; „es brauchte diesen tränenvollen Krieg“ (Schiller, statt: es bedurfte dieses Krieges); „unter die Nase lachen“ (Schiller, statt: jemand ins Gesicht lachen) u. a. verraten sofort ihren französischen Ursprung.[3] — Lateinisch sind Wendungen wie: Cäsar, als er usw., Hannibal, nachdem er usw. (deutsch: Als Cäsar usw. Nachdem Hannibal usw.); ich scheine mir (deutsch: ich glaube). Das lateinische qualis nach talis, quantus nach tantus ist im Deutschen durch „wie“ wiederzugeben. Wendungen wie: „Die Schlacht, als welche es keine berühmtere gibt“ sind im Deutschen durchaus zu meiden; wir sagen: „Das ist die berühmteste Schlacht, die jemals geliefert worden ist.“ Ganz besonders stammt aus dem Lateinischen die Unsitte der Häufung von partizipialen Wendungen und der Einschachtelung von Nebensätzen (s. hierüber die Stilistik des zusammengesetzten Satzes).
b) Veraltete Wörter. Altertümliche Ausdrücke wie: kreucht, zeucht, zween, zwo, sintemal, alldieweil, dieweil, maßen, jetzo, itzt, gelahrt, dermaleins, dahero, hinfüro, von wegen, derselbige, männiglich, spützen, Stümmel (statt: Stummel), das Trumm (statt: Stück, Trümmer), Gelück, gelücken, bestahn, empfahen, ein Gebot übergehen (statt: übertreten), der Übergeher, beiten (für verweilen) u. a. geben dem Stil etwas Gespreiztes und Unnatürliches und sind zu meiden. Doch sind auch hier Ausnahmen zulässig. Die Erforschung des Alt- und Mittelhochdeutschen hat gezeigt, daß mancher schöne Ausdruck, den die ältere Sprache kannte, verloren gegangen ist. Solche Ausdrücke wieder zu beleben und in unsere Schriftsprache einzuführen, ist nicht nur zulässig, sondern sogar wünschenswert, ja Ludwig Uhland hat das sogar als eine notwendige Forderung für die weitere Entwickelung unserer Sprache hingestellt. Dieser Dichter hat auch mit großem Glück zahlreiche alte Ausdrücke und Wendungen unserer Sprache zurückerobert, ebenso wie das Jakob Grimm, Gustav Freytag und Viktor Scheffel getan haben.
c) Landschaftliche Ausdrücke. Unter landschaftlichen Ausdrücken versteht man solche, die nur gewissen Mundarten angehören und dem allgemeinen Sprachgebrauche fremd sind. Sie stören nicht nur die Verständlichkeit einer sprachlichen Darstellung, sondern klingen oft auch unedel und niedrig; zuweilen verstoßen sie auch gegen die Sprachrichtigkeit. Solche tadelnswerte landschaftliche Wörter und Wendungen sind z. B. zuverläßlich (statt: zuverlässig), so ein (statt: ein solcher), gemeinnützlich (statt: gemeinnützig), verzählen (statt: erzählen), zu Hause gehen (statt: nach Hause), Verkältung (statt: Erkältung), ich habe daran oder darauf vergessen (statt: ich habe es vergessen), sich mit einem etwas erzählen (statt: unterhalten), Hanke (statt: Hüfte), losgehen (statt: anfangen), ferten (statt: voriges Jahr; fränkisch), mitmachen, mittun (statt: teilnehmen), irritieren in der falschen Anwendung als: irre machen (z. B. er ließ sich durch die falsche Meldung nicht irritieren; irritieren heißt vielmehr: erregen, reizen), nach Berlin machen oder werden (statt: reisen) usw. — Große Dichter und Schriftsteller haben jedoch oft mit großem Glück landschaftliche Ausdrücke verwendet und dadurch unsere Schriftsprache dauernd bereichert. Wir gebrauchen jetzt z. B. die Wörter: düster, dröhnen, dreist, staunen, entsprechen (für: gemäß sein, z. B. der Titel des Buches entspricht dem Inhalte) u. a. im edelsten Stile, und doch sind diese Wörter erst aus verschiedenen Mundarten in die Schriftsprache vorgedrungen und wurden früher als unzulässige Provinzialismen getadelt.[4] So wurden durch Goethe und Schiller namentlich unserer Schriftsprache zahlreiche oberdeutsche Ausdrücke zugeführt, während andere Schriftsteller wieder niederdeutsche Wendungen zur Geltung brachten. Doch nur vollendete Meister der Sprache vermögen auf solche Art unsere Schriftsprache zu bereichern. Das Gesagte soll nur zeigen, wie fortwährend unsere Schriftsprache aus der lebendigen Sprache der Mundarten sich erneuert und so vor Erstarrung bewahrt. Man blicke deshalb nicht mit Verachtung auf die Mundarten herab und beherzige die Worte Schleichers: „Die Mundarten sind die natürlichen, nach den Gesetzen der sprachgeschichtlichen Veränderungen gewordenen Formen im Gegensatze zu der mehr oder minder gemachten und zugestutzten Sprache der Schrift.“ (Die deutsche Sprache, S. 111.)
d) Fehlerhafte Neubildungen. Ebenso wie man den Gebrauch veralteter Wörter zu meiden hat, muß man sich auch hüten, neue Wörter zu bilden und zu verwenden, die entweder mit den Gesetzen der Sprache in Widerspruch stehen oder gegen den Wohlklang verstoßen. Selbstverständlich bedarf eine Sprache, die nicht der Erstarrung anheimfallen will, immer eines frischen Nachwuchses neuer Ausdrücke; aber diese neuen Wörter, durch welche die Sprache wirklich bereichert wird, können nicht willkürlich gemacht werden, sondern sie wachsen mit Naturnotwendigkeit aus den gesunden Keimen der Sprache heraus. In glücklichen Stunden finden schöpferische Geister solche Ausdrücke, und diese Neubildungen erweisen sich schon dadurch als gesund, daß sie dauernd in den Wortschatz der Sprache übergehen. Solche Neubildungen sind natürlich keine Neologismen. Klopstock, Lessing, Wieland, Goethe, Schiller und Rückert haben unserer Sprache viele neue Wörter zugeführt. Im Simplicissimus findet sich zum erstenmal das Wort „unaussprechlich“, das aber erst durch Klopstock eine dauernde Stellung in unserer Sprache erhalten hat. Urbild für Original tadelt schon Gottsched (Beyträge II, 244) im Jahre 1733, doch wird das Wort später von Lessing für Ideal verwendet. Das Wort „empfindsam“ findet sich zum erstenmal im Jahre 1768 bei Bode, dem Übersetzer von Yorick’s sentimental journey (empfindsamer Reise) von Lorenz Sterne, der es auf Lessings Rat hin anwendet. Lessing gebraucht zuerst Zartgefühl für Delikatesse, Goethe Zweigesang für Duett, ausgesprochen für prononciert, Haller Sternwarte für Observatorium usw. Simon Dach führte das Wort furchtlos in unsere Sprache ein, das noch Gottsched hart tadelte. Das Wort Sommerfrische stammt erst von Ludwig Steub; früher schrieb man dafür Villeggiatur. Adelung verwarf die Worte Sterblichkeit (für Mortalität)[5], Gemeinplatz (für locus communis)[6], die Entwickelung der Sprache hat ihm unrecht gegeben. Im 16. Jahrhundert haben namentlich Luther und Fischart die Sprache mit neuen Worten bereichert.