Fehlerhaft sind dagegen viele Neubildungen der Puristen, z. B. Zeitblick für Minute, Obstinne für Pomona, Kluginne für Pallas, Reimband für Vers, Geschichtdichtung für Roman u. v. a., und die Sprache hat diese rasch wieder ausgeschieden oder gar nicht aufgenommen. Tadelnswert sind namentlich auch zahlreiche Zusammensetzungen, die ohne Rücksicht auf Wohlklang und ohne Beachtung der Sprachgesetze gebildet werden, z. B. Vorwärtsmarsch (statt: Vormarsch), Rückwärtsmarsch, Beeinflußbarkeit, Außerachtlassung, Ansichreißung, Nichtbeleidiger, Helligkeitszunahme, Geltendmachung, das Nichtzustandekommen des Planes, Anbringung, Offenlassung, das Vonsichwerfen, Verächtlichmachung, Graunjammerüberwältigung (Voß), Vorzeitsfamilienmordgemälde (Platen), Feindesburgenkampferstürmer (Rückert) u. v. a. Solche und ähnliche Bildungen sind zu meiden. Schlechte Neubildungen sind auch die von Adverbien gebildeten Adjektive: hinterherig, dasig, immerfortig, schlechthinnig (Schleiermacher), jederzeitig, allerortig, solchergestaltig, letzthinnig u. a.

9. Bestimmtheit und Kürze des Ausdrucks.

a) Die Bestimmtheit des Ausdrucks besteht darin, daß durch das Wort oder den Satz scharf und genau der Begriff oder Gedanke wiedergegeben wird, der dargestellt werden soll. Die Unbestimmtheit in der Rede entspringt gewöhnlich aus dem Mangel an Klarheit und Schärfe des Denkens. Das Wort muß den Begriff genau nach Inhalt und Umfang zum Ausdrucke bringen; so darf man da, wo es auf genauen Wortsinn ankommt, nicht sagen: Gegner statt Feind, Obst statt Äpfel, Totschlag statt Mord, ganz statt alle, manche statt viele, Laub statt Blatt, Tugend statt Nächstenliebe, mäßigen statt bändigen, matt statt müde, Kälte statt Frost usw. Auch hüte man sich vor überflüssigen Zusätzen, wie gleichsam, gewissermaßen, mögen, können, dürfen, sollen u. ähnl., durch welche die Rede oft unerträglich breit wird. Namentlich fordert die Bestimmtheit, daß man alle Zweideutigkeit oder Vieldeutigkeit in der Rede meide, und daß man die sinnverwandten Wörter sorgfältig in Bedeutung und Gebrauch voneinander unterscheide.

Die Zweideutigkeit oder Vieldeutigkeit des Ausdrucks (griech. Amphibolie, lat. ambiguitas genannt) besteht darin, daß Wörter, die verschiedene Bedeutungen oder Beziehungen haben können, angewendet werden, ohne daß der Zusammenhang klar ergibt, welche Bedeutung oder Beziehung in dem betreffenden Falle gemeint sei. Die Präposition von kann z. B. bald den Urheber oder die Ursache (lat. a), bald die Person oder Sache, über welche gesprochen oder geschrieben wird (lat. de), bald ein partitives Verhältnis bezeichnen (z. B. einer von uns). Zweideutig sind daher Wendungen wie: „Wir ließen uns seltsame Dinge von ihm erzählen“ (a oder de?), „Ich habe mancherlei von ihm erfahren“; „von den Soldaten wurde einer getötet“ (a oder ex?). Verfolgen heißt entweder: eifrig nachstreben oder feindlich nachstellen; man sagt daher zweideutig: „Er verfolgt die Politik seines Vorgängers.“ Übersehen kann bedeuten: beherrschen oder vernachlässigen; daher ist folgender Satz zweideutig: „Der Geschäftsführer übersah mehr, als man glaubte.“ — Mehrdeutigkeiten in der Beziehung stellen sich namentlich leicht beim Gebrauch der Pronomina ein, z. B. „Der Wirt ist mit dem Nachbar und seinem Sohne fortgegangen“ (mit dem Sohne des Wirtes oder des Nachbars?). Die Zweideutigkeit in diesem Satze kann entweder durch Veränderung der Wortstellung oder durch Einführung von „dessen“ statt „seinem“ gehoben werden. Oft läßt sich eine Zweideutigkeit durch Anwendung des Pronomens derselbe (oder dieser) vermeiden. Wenn ich sage: „Der Fremde wohnte lange bei diesem Seelsorger; er hat ihm das Leben gerettet“, so bleibt unklar, wer der Retter und wer der Gerettete ist. Der Satz ist jedoch sofort völlig klar, wenn ich sage: „derselbe (oder dieser) hat ihm das Leben gerettet“ oder: „er hat demselben (oder diesem) das Leben gerettet.“ Im ersten Falle ist der Lebensretter der Seelsorger, im zweiten Falle der Fremde. Man merke über den Gebrauch des Pronomens derselbe hier die Regel: Wenn das Pronomen derselbe auf verschiedene Substantive bezogen werden kann, so ist es niemals auf das Subjekt, sondern immer auf ein anderes Satzglied zu beziehen. Demnach unterscheide man: „Mein Bruder ist zu meinem Freunde gegangen; derselbe soll mit ihm in die Stadt gehen“ und „Mein Bruder ist zu meinem Freunde gegangen, er soll mit demselben in die Stadt gehen.“ Undeutlich sind auch die Beziehungen in Sätzen wie: „Als Politiker zolle ich ihm volle Anerkennung“, „Der Verlust des Freundes schmerzt uns“, „Die Unterstützung der Mutter kam zu spät“ usw.

Sinnverwandte Wörter richtig zu gebrauchen, erfordert große Aufmerksamkeit, da die Unterschiede oft sehr fein sind. Wörter wie klug und weise, Freude, Vergnügen, Wonne und Lust, entdecken, enthüllen und entlarven, anstellig, geschickt und fähig, klettern und klimmen, verachten und verschmähen u. v. a. dürfen nicht miteinander verwechselt oder vertauscht werden. Ein feines Sprachgefühl wird durch solche Verwechselungen sehr verletzt. Durch gründliches Studium der Synonymik der Wörter und Wortformen wird diesem Stilfehler am besten vorgebeugt.[7]

b) Die Kürze des Ausdrucks besteht darin, daß zur sprachlichen Darstellung eines Gedankens nicht mehr Worte verwendet werden, als nötig sind, um diesen deutlich und wohlgefällig wiederzugeben. Jedes überflüssige Wort verletzt den gebildeten Geschmack. Als überflüssig ist alles anzusehen, was weder den darzustellenden Gedanken verständlicher macht, noch den besonderen Zweck der Darstellung fördert. Weitschweifigkeit und Breite des Stiles ist ein Fehler, in den namentlich die Jugend leicht verfällt. Man vermeide besonders die Tautologie und den Pleonasmus.

Die Tautologie (d. i. die Wortnämlichkeit) besteht darin, daß derselbe Begriff durch zwei gleichbedeutende Ausdrücke bezeichnet wird. Solche überflüssige Wiederholungen des Gesagten sind z. B. Er mußte notwendig verreisen; sie haben einander gegenseitig beleidigt; mein Buch, das ich mir gekauft habe; er stammelte lallend; ich bin nicht imstande, kommen zu können; er erlaubte, daß ich teilnehmen dürfte; er befahl, daß ich gehen sollte; daß du natürlich willkommen bist, versteht sich von selbst; er bezieht ein Jahrgehalt von jährlich 3000 Mark; er ist bereits schon abgereist; er ist nicht nur allein eitel, sondern auch anmaßend; er konnte nur bloß raten, aber nicht helfen; die Todesnachricht von dem Hinscheiden meines Freundes; die Lage in der Nähe des Kanals und der unfernen Eisenbahn; er wünscht, daß du heute nicht kommen mögest; das kann nicht möglich sein; die Veröffentlichung eines Gesetzes publizieren; Unantastbarkeit der Integrität der Türkei; etwas ostentativ zur Schau tragen usw. Hierher gehören auch Zusammensetzungen und Zusammenstellungen wie: Schiffsflotte, Hieranwesenheit, Examenprüfungen, Stadtpfarrprediger, Grundprinzip, Guerillakrieg (spanisch guerra = Krieg, guerilla = kleiner Krieg), vokaler Gesang, größere Majorität, mögliche Eventualität, falsche Illusion u. v. ähnl. Auch die Anhäufung von Synonymen verstößt gegen die Kürze des Ausdrucks, z. B. Er ist ein wahrer, echter und aufrichtiger Freund, der mir lieb, wert und teuer ist.

Der Pleonasmus (d. i. Wortüberfluß) ist der Tautologie eng verwandt. Er besteht darin, daß die Rede mit überflüssigen Beiwörtern überfüllt wird, oder daß Begriffe, die schon bezeichnet sind oder aus dem Zusammenhange der Rede sich ergeben, noch einmal ausgedrückt werden, z. B. ein armer Bettler, ein alter Greis, nasser Regen; er fuhr weiter fort zu reden; er hat das noch einmal wiederholt. Das Glück wollte, daß das Feuer wegen eines anhaltenden Regens, der vom Himmel fiel, nicht um sich griff (H. v. Kleist). Keine Spur verriet, daß hier jemals ein menschliches Wesen gehaust, daß dieser Boden jemals von einem menschlichen Wesen betreten worden war. Infolge eines stattgefundenen Zwistes verließ er seinen Freund usw.

Die Tautologie und der Pleonasmus sind namentlich störend in dem verstandesmäßigen Stile der Prosa, in Abhandlungen und wissenschaftlichen Darstellungen. Der rednerische und poetische Stil dagegen lassen recht wohl eine gewisse Wortfülle zu, doch sind auch hier alle müßigen Beiwörter und unnötigen Umschreibungen aufs strengste zu meiden; nur dann ist die Wortfülle berechtigt, wenn durch sie ein Begriff in lebendiger Weise veranschaulicht oder dem Gemüte näher gebracht und so die Schönheit der Darstellung gefördert wird. Namentlich gebraucht unsere ältere Sprache zahlreiche tautologische Formeln, die noch heute üblich und wohlberechtigt sind, z. B. Grund und Boden, Schimpf und Schande, Art und Weise, Rast und Ruh, Schutz und Schirm, Saus und Braus, Fug und Recht, Sang und Klang, hinter Schloß und Riegel, in Ketten und Banden, hoffen und harren, schalten und walten, weit und breit, still und stumm u. v. a.

Es sind jedoch nicht nur die Tautologien und Pleonasmen zu vermeiden, auch sonst ist mit Sorgfalt jedes unnötige Wort auszuscheiden. In dem Satze: „Er teilt mir mit, daß er gestern abgereist ist und heute in Berlin angekommen ist“ muß das Wort ist das erstemal weggelassen werden. Statt: „ohne Lust und ohne Ausdauer“ ist zu sagen: „ohne Lust und Ausdauer“; statt: „die Griechen, die Römer und die Phönizier“ heißt es besser: „die Griechen, Römer und Phönizier“ usw. Unerträglich weitschweifig sind Wendungen wie: „Wenn wir die letzten Dichtungen Goethes einer Betrachtung unterwerfen, so werden wir finden, daß sie vielfach den Jugendgedanken Schillers sich nähern.“ „Gehen wir nun zum zweiten Teile unserer Betrachtung über, so sehen wir usw.“ „Es dauerte nicht lange, so usw.“ „Die Germanen kämpften natürlich sehr tapfer und hätten jedenfalls gesiegt, wenn ihnen nicht das Heer des Germanicus an Zahl so sehr überlegen gewesen wäre.“ Man beherzige immer Grimms Worte: „Die Sprache ist ihrem innersten Wesen nach haushältig und zieht, was sie mit geringen Mitteln erreichen kann, jederzeit größerem Aufwande vor.“ Namentlich sage man nicht alles, was man über einen Gegenstand sagen könnte; man sei nicht schwach gegen Lieblingsgedanken und Lieblingswendungen, sondern man scheide sie unbarmherzig aus, wenn die Einheit und Schönheit der Darstellung es fordert. „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“ sagt Goethe, und ähnlich Schiller: „Was er weise verschweigt, zeigt mir den Meister des Stils.“