10. Angemessenheit.
Die Angemessenheit fordert, daß die Stilart, der sprachliche Ausdruck, die ganze Haltung der Darstellung der Art der Gedanken und dem Zwecke der Darstellung genau entspreche. Erhabene und edle Gedanken dürfen nicht durch unedle und niedrige Worte entweiht werden, für eine Abhandlung oder einen einfachen Bericht darf nicht der leidenschaftliche Stil des Gefühls gewählt werden; während im rednerischen und poetischen Stile Bilder und Redefiguren von guter Wirkung sind, stören sie im Geschäftsstil und sind auch im didaktischen Stile möglichst zu meiden. Der Angemessenheit widerspricht es namentlich, wenn unbedeutende Gedanken mit einem großen Aufwande von Worten dargestellt werden; der Sprechende oder Schreibende gerät dadurch in leeres Phrasengeklingel, das einen widerlichen Eindruck macht, oder seine Darstellung wird schwülstig. Ein Schwall von prächtigen Wörtern, ein übertriebener Aufwand von Bildern und Figuren hat noch nie einen unbedeutenden Gedanken zu einem bedeutenden gemacht. Der Meister in der Wahl des genau entsprechenden Ausdruckes ist Goethe, und das Studium seiner Werke kann jedem, der im Ausdrucke das Rechte treffen will, nicht dringend genug empfohlen werden.
Die Forderung, unedle und niedrige Ausdrücke zu meiden, schließt man gewöhnlich in die Bezeichnung: Würde des Stiles ein. Unedel und niedrig nennt man namentlich solche Ausdrücke, die nur in den untersten Schichten des Volkes üblich sind, z. B. beschnüffeln, verrecken, herunterschmeißen, in ein Hundeloch kriechen u. a. Solche Wörter sind im guten Stile nicht anzuwenden. So sehr man sich aber auch vor plebejischer Derbheit hüten soll, so ist doch umgekehrt die allzu große Scheu vor Ausdrücken der Volkssprache nicht minder tadelnswert; denn diese führt leicht zu einem affektierten oder gezierten Stile. Mit großer Meisterschaft hat Goethe Ausdrücke der Volkssprache in seinen Dichtungen verwendet und gerade dadurch seiner Sprache volkstümliche Kraft und lebendige Anschaulichkeit gegeben, z. B. „Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag..., in jeden Quark begräbt er seine Nase“ (Faust). „Wie kunterbunt die Wirtschaft tollert, der Ameishauf durcheinander kollert“ (Hans Sachsens poetische Sendung) usw.
11. Wohllaut und Neuheit des Ausdrucks.
a) Der Wohllaut[8] beruht auf der rechten Mischung der Vokale und Konsonanten, sowie auf dem Tonverhältnisse, der Wahl und Anordnung der Worte und Sätze. Helle und dunkle, volle und weniger volle Vokale und ebenso harte und weiche Konsonanten, Lippen-, Zungen- und Gaumenlaute müssen einander ablösen, und derselbe Laut darf nicht zu oft in unmittelbarer Folge auftreten. Unangenehm klingt z. B. die Wiederholung des ie in folgendem Satze: „Das Lied gebiert ein neues Lied, das lieblich durch die Lüfte zieht“, oder die des ei und n in dem Satze: „eine einer seiner Kreaturen zugefügte Beleidigung.“ Hinsichtlich der Anordnung der Worte fordert der Wohllaut, daß Form- und Begriffswörter, betonte und unbetonte, ein- und mehrsilbige, einfache und zusammengesetzte Wörter wechseln. Gegen den Wohllaut verstoßen Sätze wie die folgenden: „Manche Menschen möchten ihren Freunden täglich lange Briefe schreiben“ (lauter zweisilbige Wörter). „Denn wo das Unglück wählt, wählt’s nicht den schlechtsten Mann.“ (Rückert.) „Wer ist so schön, so klug, so treu, so fromm wie du?“ (Gellert.) Die unmittelbare oder zu häufige Wiederholung desselben Wortes ist zu meiden; unschön klingt z. B. der Satz: „Hinter mir stehen Tausende, bereit mir zu folgen, die auf meinen Wink selbst in den Tod zu gehen bereit sind.“ Wenn mehrere Sätze zusammentreten, verlangt der Wohllaut gleichfalls, daß in Bau, Tonverhältnis und Stellung eintönige Gleichmäßigkeit vermieden werde (s. hierüber: Rhythmus des Satzes). — Besondere Mittel zur Hebung des Wohllautes, von denen aber nur ein mäßiger Gebrauch gemacht werden darf, wenn nicht das Gegenteil erzielt werden soll, sind die Alliteration und der Reim. Die Alliteration besteht darin, daß mehrere bedeutsame Wörter gleichen Anlaut haben, z. B.: „Roland der Ries, am Rathaus zu Bremen steht er ein Steinbild standhaft und wacht.“ In der Prosa erscheint die Alliteration namentlich in alten zweigliedrigen Redeformeln, z. B. Glück und Glas, Licht und Luft, Schirm und Schutz, Wort und Weise, Roß und Reiter, still und stumm, gäng und gäbe, ganz und gar, kurz und klein, hoffen und harren, zittern und zagen usw. Beim Reime dagegen sind die Anfangslaute verschieden, aber Mitte und Ende der Worte sind gleich, z. B. Pracht: Macht. Der Reim kann in der Prosa auch nur in bestimmten Redeformeln Verwendung finden, z. B. Gut und Blut, Weg und Steg, Schritt und Tritt, Stein und Bein (d. i. Totes und Lebendes), weit und breit, schalten und walten usw.
b) Die Neuheit des Ausdrucks besteht, abgesehen von der Neubildung der Wörter (s. hierüber 8, d), hauptsächlich darin, daß verbrauchte Redewendungen, Bilder und Modewörter gemieden werden. Solche Wendungen sind z. B. Anklang finden, aufs Tapet bringen, mit der Zeit fortschreiten, ins Leben treten, von etwas Umgang nehmen (statt: etwas umgehen), voll und ganz u. a. Bilder wie: der Zahn der Zeit, die Milch der frommen Denkungsart, die Rosen der Wangen, die Rosen und Dornen des Lebens, nach eines anderen Pfeife tanzen, der Winter des Lebens u. a. sind völlig verbraucht und wirken daher im edleren Stile nur störend. Unsere Zeit braucht ein Bild oft sehr rasch ab; man prüfe daher jede Wendung und jedes Bild genau, ob sie für eine geschmackvolle Darstellung sich noch eignen, und man suche selbst neue Wendungen und Bilder, die man am besten aus seiner eigenen Beobachtung und Erfahrung nimmt, und die sich oft ganz von selbst darbieten. Zuweilen kann man auch abgebrauchten Worten und Wendungen dadurch neues Leben einhauchen, daß man sie auf ihre sinnliche Grundbedeutung zurückführt. Dadurch erscheinen sie oft in einem überraschend neuen Lichte, wie z. B. das Wort Nimbus bei Goethe, wenn er sagt: „Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande, weil bei einer näheren Bekanntschaft mit dem Herrn der Nimbus von Ehrwürdigkeit und Heiligkeit wegschwindet, den uns eine neblichte Ferne um sie herum lügt, und dann sind sie ganz kleine Stümpfchen Unschlitt.“ Er verdeutlicht hier den Begriff Nimbus (d. i. eigentlich: Lichthof um den Kopf eines Heiligen) dadurch, daß er ihn dem Lichthof einer Laterne vergleicht.
In dem Streben nach Neuheit gehe man aber nicht zu weit; viele unserer neueren Schriftsteller überschreiten hier das rechte Maß, und ihr Stil wird dadurch unnatürlich und ungesund.
12. Anschaulichkeit und Lebendigkeit.
Die Anschaulichkeit besteht darin, daß die Begriffe und Gedanken in sinnlicher Faßlichkeit dargestellt werden. Um diese Sinnlichkeit des Ausdrucks zu erreichen, bedient man sich folgender Mittel:
a) Man wählt Worte, die noch nicht allzu abgeschliffen und verbraucht sind, sondern deren sinnliche Grundbedeutung noch von allen gefühlt wird (vgl. 11, b). Die Konkreta haben mehr sinnliche Anschaulichkeit als die Abstrakta, namentlich der poetische Stil gibt daher den ersteren den Vorzug. So ist das Wort Zügel anschaulicher als Zug und Zucht; Band anschaulicher als Bündnis usw. Ebenso ist der einfache Ausdruck sinnlich kräftiger als Ableitungen und Zusammensetzungen. Wörter wie ziehen, Zucht, Zug, Band, binden, Lust, Feind, Freund, Flucht, Schlaf usw. sind anschaulicher als: erziehen, züchtig, vorzüglich, unverzüglich, bändigen, ungebändigt, verbindlich, belustigen, feindlich, anfeinden, freundlich, befreunden, Flüchtigkeit, Schläfrigkeit usw. In den folgenden Versen von Haller ist daher die Wahl der Worte wegen des Mangels an sinnlicher Anschaulichkeit zu tadeln: „Der langen Einsamkeit gibt alles Überdruß.“ „Ihr allzustarker Trieb nach der Vollkommenheit ward endlich zum Gefühl der eignen Würdigkeit.“ — Besonders wird aber die Darstellung dadurch anschaulich, daß man statt ganz allgemeiner Bezeichnungen, wie: sein, sich befinden, werden, geschehen u. a., bestimmtere Ausdrücke wählt, welche die Art des Seins, Sichbefindens, Werdens, Geschehens usw. genauer angeben. Statt: „Der Vogel ist auf dem Baume“ sage ich anschaulicher: „Er sitzt auf dem Baume“; statt: „Das Pferd befindet sich in dem Stalle“ heißt es besser: „Das Pferd steht im Stalle“ usw. Solche Beispiele anschaulicher Darstellung sind: „Ich singe, wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet.“ Goethe. — „Dort wo der Gießbach vom Gebirg heruntertanzt mit hellem Ton, durch grüner Dämmerung Bezirk schweift wandelnd just des Waldes Sohn.“ Otto Roquette. — „Durch der Surennen furchtbares Gebirg, auf weit verbreitet öden Eisesfeldern, wo nur der heisre Lämmergeier krächzt, gelangt’ ich zu der Alpentrift, wo sich aus Uri und vom Engelberg die Hirten anrufend grüßen und gemeinsam weiden, den Durst mir stillend mit der Gletscher Milch, die in den Runsen schäumend niederquillt.“ Schiller. — Selbst sinnlich niedrige Ausdrücke sind durch die Anschaulichkeit, die sie gewähren, im poetischen Stile zuweilen von guter Wirkung. So gebraucht Platen in einem Gedichte, das mit einer Übertragung der Worte Vergils: Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor schließt, das Wort Knochen statt des Ausdruckes Gebeine: „Aber einst aus meinen Knochen wird ein Rächer auferstehn.“ Vgl. S. 15.