33. Prosaischer und poetischer Stil.

Die Prosa ist mehr auf die Mitteilung der Gedanken gerichtet, die Poesie dagegen strebt vor allem nach Schönheit der Darstellung. Der Schöpfer der prosaischen Rede ist daher im allgemeinen der Verstand, der Schöpfer der poetischen Rede die Phantasie. Während die prosaische Rede vor allem Deutlichkeit und Übersichtlichkeit erfordert, verlangt der poetische Stil in erster Linie Anschaulichkeit, Lebendigkeit und Schönheit der Form. Selbstverständlich darf auch der prosaische Stil nicht unschön und der poetische Ausdruck nicht unklar und ohne Verstand sein, aber es handelt sich hier darum, was an erster Stelle dem Stile das eigentümliche Gepräge gibt. Die höchste Stufe erreicht der poetische Ausdruck, wenn er in genau abgemessenen Rhythmen, in Versen und Strophen sich darstellt, und gewöhnlich nennt man poetischen Stil nur den, der in diesen Formen zur Erscheinung kommt. Doch spricht man auch von poetischer Prosa, und man sieht schon hieraus, daß die Begriffe „prosaischer und poetischer Stil“ sich wegen ihrer Dehnbarkeit wenig zu einer wissenschaftlichen Bestimmung der Stilgattungen eignen. Man teilt daher den Stil besser in folgende Arten: a) Stil des Verstandes; b) Stil des Gemütes.[21] Der Stil des Verstandes soll berichten und belehren, der Stil des Gemütes rühren und bewegen.

Anmerkung. Prosa, entstanden aus oratio prorsa, d. i. die vorwärts gerichtete, geradeaus gehende Rede (proversa), bei der sich nicht wie bei der poetischen Rede (oratio versa) die gleiche rhythmische Gliederung wiederholt; die poetische Rede kehrt gleichsam immer wieder um, während die Prosa vorwärts schreitet.

34. Der Stil des Verstandes.

Der Stil des Verstandes zerfällt zunächst in den berichtenden und belehrenden (didaktischen) Stil.

Zu dem berichtenden Stile gehören:

a) Der Geschäftsstil. Hierher rechnet man alle Arten von amtlichen Berichten, Verträgen, Vermächtnissen, Zeitungsanzeigen, Geschäftsbriefen, Beschreibungen von Bauten, Maschinen usw. Der Geschäftsstil fordert vor allem Deutlichkeit, Sprachrichtigkeit, Bestimmtheit und Kürze. Bilder, veraltete und neugebildete Wörter, mehrdeutige Ausdrücke, müßige Attribute sind streng zu meiden. Die Uneigentlichkeit des Ausdruckes wird hier zum Fehler; man gebe jedem Begriffe die gebräuchlichste Benennung und suche nicht etwa das Abstrakte durch Bilder zu versinnlichen oder den einfachen Ausdruck durch Redefiguren auszuschmücken.

b) Der erzählende Stil. Hierher gehören alle Erzählungen von Begebenheiten, alle Beschreibungen und Schilderungen von Naturereignissen, Erlebnissen usw. In der Idylle, im Roman, in der Novelle und im Märchen verbindet sich der erzählende Stil mit dem Gemütsstil und erhebt sich zu poetischer Darstellung. Der erzählende Stil verlangt vor allem Anschaulichkeit und Lebendigkeit; Bilder und Figuren sind hier oft von guter Wirkung. Doch darf darüber niemals einfache Deutlichkeit und Natürlichkeit der Rede verloren gehen. Lange Perioden, Häufung von Attributen und präpositionalen Ausdrücken, Überladung mit Nebensätzen sind ganz besonders zu meiden. Die Sätze seien vor allem leicht zu überschauen und unmittelbar verständlich.

c) Der historische Stil. Da die Geschichte die Schicksale und Taten einzelner Menschen und Völker darstellt und in diesen Schicksalen zugleich die ewigen Gesetze einer göttlichen Weltordnung zeigt, so muß in der Erzählung weltgeschichtlicher Ereignisse immer ein gewisser feierlicher Ernst mit zum Ausdrucke kommen. Durch diesen sittlichen Ernst unterscheidet sich der historische Stil vom erzählenden. Während der erzählende Stil oft zum einfachen Volkston herabsteigt und gerade dadurch seine schönsten Wirkungen erzielt, verlangt der historische Stil vor allem geistige Durchdringung und völlige Beherrschung des Stoffes und eine glänzende Form, die dem Gedanken genau entspricht. Bestimmtheit und Kürze, vor allem aber Wahrheit und Sachlichkeit sind die ersten Erfordernisse dieser Stilart. Der eigentliche Schöpfer eines deutschen historischen Stiles ist Schiller.[22] — Im Epos wird der historische Stil zum poetischen Stile.

Den belehrenden Stil kann man in zwei Unterarten einteilen, nämlich in: