i) Nebensätze, die einander beigeordnet sind, müssen immer unmittelbar nebeneinander stehen, sie müssen also entweder beide Vordersätze oder beide Zwischensätze oder beide Nachsätze sein. Fehlerhaft ist z. B. der Satz: „Daß er der Heimat nahe sei, ward ihm jetzt immer deutlicher, und daß ihm große Freude bevorstehe.“
32. Rhythmus des Satzes.
Der Rhythmus des Satzes beruht auf dem Wechsel stärker und schwächer betonter Satzglieder und Sätze. Je wichtiger ein Begriff oder ein Gedanke ist, desto stärker ist seine Betonung. Der Rhythmus wird nur dann ein wohlgefälliger sein, wenn ein lebendiger Wechsel mannigfacher Tonverhältnisse stattfindet und wenn dieser Wechsel nicht unregelmäßig und willkürlich, sondern mit schönem Ebenmaß der Sätze verbunden ist. Man beobachte daher hauptsächlich folgende Regeln:
a) Ein zu geringer Wechsel der Betonung ist zu meiden, denn der Stil wird dadurch eintönig und schleppend. Eintönig wird der Stil z. B., wenn lauter kurze Hauptsätze aufeinander folgen: „Peter war groß und von edlem Anstande. Er hatte eine geistreiche Physiognomie. Er drückte sich gut aus und redete mit Feuer, er hatte viel natürliche Anlagen zur Beredsamkeit und hielt oft Anreden. Gegen äußere Pracht war er sehr gleichgültig und überließ es seinem Günstling Menzikof, sie, wo es nötig war, zu zeigen. Nie war wohl ein Mensch arbeitsamer, unternehmender und weniger zu ermüden.“ Man nennt solche Sätze zerhackte Sätze. Schleppend wird der Stil, wenn die Perioden zu lang sind, wenn die Unterordnung durch eine zu lange Reihe von Gliedern fortgesetzt wird, vgl. S. 47; wenn zuviel gleichartige Satzteile aneinandergereiht werden, vgl. S. 42, und wenn Nebensätze eingeschachtelt werden, vgl. S. 51.
b) Die Satzglieder und einzelnen Sätze einer Satzverbindung oder eines Satzgefüges müssen nach ihrem Inhalte und Umfange in möglichstem Ebenmaße stehen. Vgl. S. 45.
c) Anhäufungen schwach betonter oder unbetonter Wörter sind zu vermeiden. Fehlerhaft ist daher der Rhythmus in folgenden Sätzen: „Ich kann Ihre Briefe nicht entbehren: da Sie mir sie also nicht als ein Almosen wollen zukommen lassen“ usw. Lessing. „Er wunderte sich, wie sie, die sie es doch selbst gesehen habe, das bezweifeln könne.“
d) In einer Periode verhalten sich Vordersatz und Nachsatz zueinander wie Hebung und Senkung. Der Ton steigt bis zum Ende des Vordersatzes und sinkt dann allmählich bis zum Schlusse des Nachsatzes. Wenn der Nachsatz zu lang ist, namentlich wenn er aus mehreren beigeordneten Gliedern besteht, wird daher der Rhythmus leicht schleppend. Deshalb ist folgende Periode nicht mustergültig: „Wenn das Bücherlesen seinen eigentlichen Zweck erreichen, den Verstand aufklären, den Geschmack bilden, das Herz veredeln, Kraft und Stoff zum Denken, Handeln und Genießen geben, oder was ebensoviel heißt, wenn es uns weiser, besser und froher machen soll: so ist es nicht genug, gleich Irrenden in der Bücherwelt umherschwanken oder immer in einem Meere fremder Gedanken zu schwimmen, indes die Quelle der eigenen in uns vertrocknet; sondern wir müssen mit Wahl und Ordnung, mit Muße und Selbsttätigkeit lesen und dürfen keines der wenigen, aber guten Bücher aus der Hand legen, ehe wir uns über die Hauptgedanken des Verfassers befriedigende Rechenschaft zu geben imstande sind.“ Meisterhaft gebaut ist dagegen folgende Periode Schillers: „Wenn von der menschlichen Natur, solange sie menschliche Natur bleibt, nie und nimmer zu erwarten ist, daß sie ohne Unterbrechung und Rückfall gleichförmig und beharrlich als reine Vernunft handle und nie gegen die sittliche Ordnung anstoße; wenn wir bei aller Überzeugung sowohl von der Notwendigkeit, als von der Möglichkeit reiner Tugend uns gestehen müssen, wie sehr zufällig ihre wirkliche Ausübung ist und wie wenig wir auf die Unüberwindlichkeit unserer besseren Grundsätze bauen dürfen; wenn wir uns bei diesem Bewußtsein unserer Unzuverlässigkeit erinnern, daß das Gebäude der Natur durch jeden unserer moralischen Fehltritte leidet; wenn wir uns alles dieses ins Gedächtnis rufen; so würde es die frevelhafteste Verwegenheit sein, das Beste der Welt auf dieses Ungefähr unserer Tugend ankommen zu lassen.“ In dieser Periode sind nicht nur Vordersatz und Nachsatz zu einem rhythmisch schönen Ganzen verbunden, sondern auch jedes Glied der Periode hat für sich wieder einen wohlgefälligen Rhythmus.