[22] Vgl. meine Darstellung der Entwickelung des historischen Stiles in Beckers deutschem Stil, S. 457 flg.
[23] Bei einer Predigt besteht die narratio facti in der Verlesung des Bibeltextes.
B. Die Mittel zur Ausbildung des Stiles.
36. Das Studium guter Muster.
Der Ausbildung der Sprache und des Stiles dient genau genommen der gesamte Unterricht, den jemand genießt, aber es sind doch auch besondere Mittel für diesen Zweck vorhanden, deren Gebrauch die Fähigkeit, seine Gedanken klar und in gefälliger Form darzustellen, außerordentlich fördert. Diese Mittel sind: a) Das Studium guter Muster; b) eigene Versuche, seine Gedanken über irgendein Thema zusammenhängend und wohlgeordnet darzustellen (Aufsätze).
Das Studium guter Muster ist die erste Bedingung, die erfüllt werden muß, wenn jemand auch nur einige stilistische Gewandtheit sich erwerben will. Die Hauptwerke unserer großen Dichter und Schriftsteller vor allem sollten von jedem, der seine deutsche Sprache liebt und achtet, immer und immer wieder nicht etwa bloß flüchtig gelesen, sondern gründlich studiert werden. Man scheide beim Lesen die Hauptgedanken von den Nebengedanken, mache sich immer die Anordnung der Gedanken (Disposition) klar, lerne die vorzüglichsten Stellen auswendig und präge sich gute und geschmackvolle Redewendungen ein; man lese nicht vielerlei neben- und durcheinander, sondern bleibe bei einem, und zwar so lange, bis man mit dem Inhalte völlig vertraut geworden ist. Die Schule wählt zwar eine Anzahl unserer bedeutendsten Dichtungen für die gemeinsame Lektüre in der Klasse aus, aber sie muß doch bei dem Mangel an Zeit vieles der Privatlektüre überlassen. Man lese auch zu Hause laut, das bloße stille Lesen mit den Augen fördert das eigentliche Stilgefühl, das Gefühl für die Schönheit und den Wohllaut des Satzbaues viel zu wenig.
Anmerkung. Neben dem Lesen ist ganz besonders der Umgang mit Gebildeten für die Entwickelung des sprachlichen Ausdrucks von großer Wichtigkeit. Vgl. hierüber Herders Rede: „Von der Ausbildung der Rede und Sprache in Kindern und Jünglingen.“
37. Der Aufsatz.
Jeder Aufsatz handelt über einen bestimmten Gegenstand, welchen das Thema nennt, das dem Aufsatze voraufgestellt wird. Ist das Thema festgestellt, so wird zunächst der Stoff gesammelt, d. h. alles aufgesucht und zusammengestellt, was sich über den Gegenstand sagen läßt. Der gesammelte Stoff wird dann in eine bestimmte, zweckmäßige Ordnung gebracht. Diese Ordnung der Gedanken nach Inhalt und natürlicher Folge heißt Disposition. Hieran endlich schließt sich die Ausarbeitung, die das, was in der Disposition getrennt erscheint, in einen angemessenen Zusammenhang bringt, und das, was in der Disposition bloß allgemein angedeutet werden konnte, im einzelnen ausführt. Demnach lassen sich die Tätigkeiten, die sich bei der Abfassung eines Aufsatzes nötig machen, in folgende vier Gruppen bringen: