Justus Möser (1720–1794), der berühmte Verfasser der Osnabrückischen Geschichte und der patriotischen Phantasien, beantwortet in einem Aufsatze, der dem letztgenannten Werke entnommen ist, die Frage: „Wie gelangt man zu einem guten Vortrage seiner Empfindungen?“ „Ihre Klage, liebster Freund“, schreibt er, „daß Sie sich in Ausdruck und Vorstellung selten ganz vollkommen genug tun können, wenn Sie eine wichtig und mächtig empfundene Wahrheit anderen vortragen wollen, mag leicht gegründet sein; aber daß dieses eben einen Mangel der Sprache zur Ursache habe, davon bin ich noch nicht überzeugt. Freilich sind alle Worte, besonders die toten auf dem Papiere, welchen es wahrlich sehr an Physiognomie zum Ausdrucke fehlt, nur sehr unvollkommene Zeichen unserer Empfindungen und Vorstellungen, und man fühlt oft bei dem Schweigen eines Mannes mehr als bei den schönsten niedergeschriebenen Reden. Allein auch jene Zeichen haben ihre Begleitungen für den empfindenden und denkenden Leser, und wer die Musik versteht, wird die Noten nicht sklavisch vortragen. Auch der Leser, wenn er anders die gehörige Fähigkeit hat, kann an den ihm vorgeschriebenen Worten sich zu dem Verfasser hinauf empfinden und aus dessen Seele alles herausholen, was darin zurückblieb.

Eher möchte ich sagen, daß Sie Ihre Empfindungen und Gedanken selbst nicht genug entwickelt hätten, wenn Sie solche vortragen wollen. Die mehrsten unter den Schreibenden begnügen sich damit, ihren Gegenstand mit aller Gelassenheit zu überdenken, sodann eine sogenannte Disposition zu machen und ihren Satz danach auszuführen, oder sie nützen die Heftigkeit des ersten Anfalles und geben uns aus ihrer glühenden Einbildungskraft ein frisches Gemälde, was oft bunt und stark genug ist und doch die Wirkung nicht tut, welche sie erwarteten. Aber so nötig es auch ist, daß derjenige, der eine große Wahrheit mächtig vortragen will, dieselbe vorher wohl überdenke, seinen Vortrag ordne, und seinen Gegenstand, nachdem er ist, mit aller Wärme behandle, so ist dieses doch noch der eigentliche Weg nicht, worauf man zu einer kräftigen Darstellung seiner Empfindung gelangt.

Mir mag eine Wahrheit, nachdem ich mich davon aus Büchern und aus eigenem Nachdenken unterrichtet habe, noch so sehr einleuchten, und ich mag mich damit noch so bekannt dünken, so wage ich es doch nicht, sogleich meine Disposition zu machen und sie danach zu behandeln; vielmehr denke ich, sie habe noch unzählige Falten und Seiten, die mir jetzt verborgen sind, und ich müßte erst suchen, solche soviel möglich zu gewinnen, ehe ich an irgendeinen Vortrag oder Disposition und Ausführung gedenken dürfe. Diesem nach werfe ich zuerst, sobald ich mich von meinem Gegenstande begeistert und zum Vortragen geschickt fühle, alles, was mir darüber beifällt, aufs Papier. Des anderen Tages verfahre ich wieder so, wenn mich mein Gegenstand von neuem zu sich reißt, und das wiederhole ich so lange, als das Feuer und die Begierde zunimmt, immer tiefer in die Sache einzudringen. So wie ich eine Lieferung auf das Papier gebracht und die Seele von ihrer ersten Last entledigt habe, dehnt sie sich nach und nach weiter aus und gewinnt neue Aussichten, die zuerst noch von näheren Bildern bedeckt wurden. Je weiter sie eindringt und je mehr sie entdeckt, desto feuriger und leidenschaftlicher wird sie für ihren geliebten Gegenstand. Sie sieht immer schönere Verhältnisse, fühlt sich leichter und freier zum Vergleichen, ist mit allen Teilen bekannt und vertraut, verweilet und gefällt sich in deren Betrachtung, und hört nicht eher auf, als bis sie gleichsam die letzte Gunst erhalten hat.

Und nun, wenn ich so weit bin, womit insgemein mehrere Tage und Nächte, Morgen- und Abendstunden zugebracht sind, indem ich bei dem geringsten Anscheine von Erschlaffung die Feder niederlege, fang’ ich in der Stunde des Berufs an, mein Geschriebenes nachzulesen und zu überdenken, wie ich meinen Vortrag einrichten wolle. Fast immer hat sich während dieser Arbeit die beste Art und Weise, wie die Sache vorgestellt sein will, von selbst entdeckt, oder wo ich hierüber noch nicht mit mir einig werden kann, so lege ich mein Papier beiseite und erwarte eine glücklichere Stunde, die durchaus von selbst kommen muß, und leicht kommt, nachdem man einmal mit einer Wahrheit so vertraut worden ist. Ist aber die beste Art der Vorstellung, die immer nur einzig ist, während der Arbeit aus der Sache hervorgegangen, so fang’ ich allmählich an, alles, was ich auf diese Art meiner Seele abgewonnen habe, danach zu ordnen, was sich nicht dazu paßt, wegzustreichen und jedes auf seine Stelle zu bringen.

Insgemein fällt alles, was ich zuerst niedergeschrieben habe, ganz weg, oder es sind zerstreute Einheiten, die ich jetzt nur mit der herauskommenden Summe zu bemerken nötig habe. Desto mehr behalte ich von den folgenden Operationen, worin sich alles schon mehr zur Bestimmung geneigt hat, und der letzte Gewinn dient mehrenteils nur zur Deutlichkeit und zur Erleichterung des Vortrages. Die Ordnung oder Stellung der Gründe folgt nach dem Hauptplan von selbst, und das Kolorit überlasse ich der Hand, die, was die erhitzte Einbildung nunmehr mächtig fühlt, auch mächtig und feurig malt, ohne dabei einer besonderen Leitung zu bedürfen.

Doch will ich nicht eben sagen, daß Sie sich sogleich hierin selbst trauen sollen. Jeder Grund hat seine einzige Stelle, und er wirkt nicht auf der einen, wie auf der anderen. Gesetzt, ich wollte Ihnen beweisen, daß das frühere Disponieren sehr mißlich sei, und finge damit an, daß ich Ihnen sagte: „Garrick bewunderte die Clairon als Frankreichs größte Aktrice, aber er fand es doch klein, daß sie jeden Grad der Raserei, worauf sie als Medea steigen wollte, vorher bei kaltem Blute und in ihrem Zimmer bestimmen konnte“, so würden Sie freilich die Richtigkeit der Vergleichung leicht finden, aber doch nicht alles dabei fühlen, was ich wollte, daß Sie dabei fühlen sollten. Garrick disponierte seine Rolle nie zum voraus, er arbeitete sich nur in die Situationen der Personen hinein, welche er vorzustellen hatte, und überließ es dann seiner mächtigen Seele, sich seiner ganzen Kunst nach ihren augenblicklichen Empfindungen zu bedienen. Und das muß ein jeder tun, der eine mächtige Empfindung mächtig ausdrücken will.

Das Kolorieren ist leichter, wenn man es von der Haltung trennt, aber in Verbindung mit derselben schwer. Hierüber lassen sich nicht wohl Regeln geben; man lernt es bloß durch eine aufmerksame Betrachtung der Natur und viele Übung, was man entfernen oder vorrücken, stark oder schwach ausdrücken soll. Das mehrste hängt jedoch hierbei von der Unterordnung in der Gruppierung ab, und wenn Sie hierin glücklich und richtig gewesen sind, so wird die Verschiedenheit des Standortes, woraus die Leser, wofür Sie schreiben, Ihr Gemälde ansehen, nur eine allgemeine Überlegung verdienen.

Unter Millionen Menschen ist vielleicht nur ein einziger, der seine Seele so zu pressen weiß, daß sie alles hergibt, was sie hergeben kann. Viele, sehr viele haben eine Menge von Eindrücken, sie mögen nun von der Kunst oder von der Natur herrühren, bei sich verborgen, ohne daß sie es selbst wissen; man muß die Seele in eine Situation versetzen, um sich zu rühren; man muß sie erhitzen, um sich aufzuschließen, und zur Schwärmerei bringen, um alles aufzuopfern. Horaz empfahl den Wein als eine gelinde Tortur der Seele, andere halten die Liebe zum Gegenstande für mächtiger, oder den Durst zu Entdeckungen; jeder muß hierin sich selbst prüfen. Rousseau gab nie etwas von den ersten Aufwallungen seiner Seele. Wer nur diese und nichts mehr gibt, der trägt nur solche Wahrheiten vor, die dem Menschen insgemein auffallen und jedem bekannt sind. Er hingegen arbeitete oft zehnmal auf die Art, wie ich es Ihnen vorgeschlagen habe, und hörte nicht auf, solange noch etwas zu gewinnen übrig war. Wenn dieses ein großer Mann tut, so kann man so ziemlich sicher sein, daß er weiter vorgedrungen sei, als irgendein anderer vor ihm. So oft Sie sich mächtiger in der Empfindung als im Ausdrucke fühlen, so glauben Sie nur dreist, Ihre Seele sei faul, sie wolle nicht alles hervorbringen. Greifen Sie dieselbe an, wenn Sie fühlen, daß es Zeit ist, und lassen sie arbeiten. Alle Ideen, die ihr jemals eingedrückt sind und die sie sich selbst aus den eingedrückten unbemerkt gezogen hat, müssen in Bewegung und Glut gebracht werden; sie muß vergleichen, schließen und empfinden, was sie auf andere Art ewig nicht tun wird, sie muß verliebt und erhitzt werden gegen ihren großen Gegenstand. — Aber auch für die Liebe gibt es keine Disposition; kaum weiß man es nachher zu erzählen, wie man von einer Situation zur anderen gekommen ist.“[25]

[24] Eingehend handelt über die Disposition: Deinhardt, in seinen Beiträgen zur Dispositionslehre, die allen empfohlen seien, die sich weiter über den Gegenstand unterrichten wollen. Wir folgen hier im allgemeinen den nämlichen Grundsätzen, wie sie schon von Quintilian und Cicero dargelegt worden sind.