Die Frage der Nachfolge des abgesetzten Maharadscha schien zunächst äußerst schwierig, denn Malar Rao hatte weder Kinder noch Verwandte, die man auf seinen Thron hätte setzen können. Trotzdem sah die anglo-indische Regierung klugerweise davon ab, den Staat Baroda den unmittelbaren britischen Besitzungen in Indien einzuverleiben, obgleich die Privilegien Barodas von Malar Rao schamlos zum Nachteile der Landesregierung ausgenutzt worden waren.

Doch die Witwe des verstorbenen Maharadscha Khandao-Rao, die Maharani Dschamnabai, war noch am Leben.

Zu ihr begab sich der englische Resident von Baroda, um im Namen des Vizekönigs ihren Rat in dieser Frage der Nachfolgerschaft zu hören. Die Unterredung fand in einem Zimmer statt, das durch einen Vorhang in zwei Teile geteilt war, von denen die Maharani den einen benutzte, während der andere für den Residenten bestimmt war. Beide konnten sich so verständigen, doch ohne daß die Maharani sich den Blicken des kastenlosen Europäers auszusetzen brauchte, was sie verunreinigt haben würde.

Im Laufe der durch den Vorhang hindurch geführten Unterhaltung erklärte nun die Maharani dem englischen Residenten, daß sich in Baroda kein geeigneter Anwärter auf den Thron des Gaekwar befinde. Auf ihrer letzten Pilgerfahrt jedoch, nach Dabkar am Flusse Narbuda, habe sie ihr Lager eines Tages in der Nähe einer Semindarfamilie, einer Bauernfamilie, aufgeschlagen, die ebenfalls dem Stamme der Gaekwar angehöre. Von den drei Söhnen dieser Familie habe sie einen zu adoptieren versprochen. Wenn man diese Kinder nach Baroda bringen wolle, so würde sie den auswählen, der Nachfolger des abgesetzten Maharadscha werden solle.

Dieser Ausweg kam der englisch-indischen Regierung sehr gelegen, die auf diese Weise die Möglichkeit erhielt, die Erziehung des Knaben nach ihren Plänen zu gestalten. Daher wurde der Rat der Maharani sogleich angenommen. Noch am selben Tage erhielt der Polizeihauptmann des Distriktes, John Pollen, den Auftrag, die drei Kinder herbeizuschaffen, die er in der Nähe von Dabkar, gemäß ihrem Stande als Gaekwar, als Hütejungen auf der Viehweide fand.

Nach Baroda gebracht und der Maharani vorgeführt, bestimmte sie den mittleren der Knaben zum Nachfolger des Maharadscha Malar Rao. Das Kind war damals etwa 9 Jahre alt; genaue Altersangaben sind in Indien nur sehr selten möglich, da keine Register geführt werden und den einzelnen der Zeitbegriff fehlt. Dieses damals von der Maharani Dschamnabai ausgewählte Kind ist der heutige Gaekwar von Baroda, der Maharadscha Siyadschi Rao, nach dem Nisam von Haiderabad der vornehmste Fürst Indiens.

Sobald die Maharani ihre Wahl getroffen hatte, schritt man dazu, die Ankunft des jungen Maharadscha mit allem Pomp zu feiern. In reiche Gewandung gehüllt, mit Gold und Juwelen geschmückt, hielt Seine Hoheit der junge Gaekwar von Baroda in einer kostbaren „Howdah“ auf dem Rücken des mächtigsten Elefanten der fürstlichen Ställe seinen prunkvollen Einzug in die Hauptstadt seines Landes. Aus dem einfachen Kuhhirten, der noch vor drei Tagen auf der Weide seines Dorfes spielte, war über Nacht einer der reichsten Fürsten des britischen Kaiserreiches Indien geworden.

Und die Maharani hatte klug gewählt. Siyadschi Rao erwies sich als ein eifriger und aufgeweckter Knabe. Er ist heute an Wissen und Bildung einer der höchststehenden Fürsten Indiens, der sein Land zu großem Ansehen gebracht hat. Dem britischen „Sirkar“ ist er wenig zugetan, und die Streitigkeiten nehmen kein Ende, was auch damit zusammenhängen mag, daß viele seiner Besitzungen als Enklaven im britischen Gebiet liegen.

Unter ihm hat Baroda eine erstklassige Universität und viele Schulen erhalten, besonders Gewerbeschulen, wo vor dem Kriege, sehr zum Leidwesen der Engländer, deutsche Lehrer wirkten. Als einziger Fürst Indiens hat er in Baroda den Schulzwang eingeführt. Das Straßen- und Bewässerungswesen ist ausgebaut und eine Eisenbahn angelegt worden. Die Mittel hierzu, ebenso wie die zum Bau des prächtigen „Luxmi Vilas“ fand er bei seiner Thronbesteigung vor. Sir Madava Rao und der englische Resident, die den Staat während seiner Minderjährigkeit geleitet und die Staatseinkünfte verwaltet hatten, waren beide besorgt gewesen, ihm eine gefüllte Schatzkammer zu hinterlassen.

Siyadschi Rao ist sogar gegen die abträglichen Seiten der Landessitten eingeschritten; so ist er gegen die Kinderheiraten vorgegangen und hat die Ausartungen des höheren Kastenwesens bekämpft, obgleich er ein orthodoxer Hindu geblieben ist. Seine Reisen nach Europa und Amerika haben stets seiner Ausbildung und damit seinem Lande gedient. Auch ist er einer der wenigen Fürsten Indiens, der nur eine einzige Gemahlin besitzt und keine Nebenfrauen hält.