Seinen jüngeren Bruder machte er zum „Diwan“, Minister, von Baroda, und der ältere wurde „Senepati“ oder Oberbefehlshaber der Armee.

Wohl besteht die Armee nur aus wenigen Truppenteilen, da der Maharadscha genau weiß, daß er doch nie Krieg wird führen können. Sie ist daher mehr ein Repräsentationsinstrument, für das Siyadschi Rao nicht gern viel Geld ausgibt, da ihm produktive, kulturelle Aufgaben näher am Herzen liegen.

Die berittenen Truppen, genannt „Dschawug Sowar“, dienen vornehmlich zu Eskorten der alten Maharani und der hohen Staatswürdenträger, die alle ständig auf der Straße je nach ihrem Range von einer bestimmten Anzahl solcher Reiter umgeben sind.

Wenn die Maharani, umringt von vierzig, fünfzig dieser Krieger, angefahren kommt, so ist das wirkliches, von Europa unberührtes, altes Indien. Wohl vor tausend Jahren mögen die gleichen Waffen, die gleiche Kleidung von Reitern getragen worden sein, die in gleichen Sätteln in derselben Weise die Wagen der Maharani jener Tage in wilder Jagd umschwärmten. Vorn der „Killadaur“, der Oberst, dem ein Paukenschläger folgt, der seinen „Nagara“ mit hageldichten Schlägen das lauteste an Tönen entlockt, was menschliche Ohren noch ertragen können, und daneben ein Trompeter, der aus einer Art Waldhorn ein Geräusch hervorzaubert, das jenseits aller Möglichkeiten europäischer Musikbegriffe liegt. Und neben dem Wagen reitet ein Herold, der mit gewaltiger Stimme die Pauken und die Trompete zu überbieten sucht, um all und jedem den Namen und die Tugenden der Insassin der Karosse zu verkünden. —

Die Artillerie Siyadschi Raos ist ein Teil der „Toscha Kana“, der Schatzkammer, denn sie besteht nur aus zwei massiv goldenen und zwei ebensolchen silbernen Kanonen, die als prunkvolle Erbstücke den Stolz der ganzen Einwohnerschaft bilden, wie überhaupt jede indische Bevölkerung den Glanz und die Prachtentfaltung ihres Herrschers mit Genugtuung als ihre eigene Ehre und Würde erhöhend empfindet und in dem Maharadscha den sichtbaren Ausdruck ihrer eigenen Macht erblickt. Eine wundervolle Sammlung von Smaragden und Diamanten, von denen der berühmte „Südstern“ nur bei großen Staatshandlungen von dem Gaekwar angelegt wird, bildet wie an allen indischen Fürstenhöfen auch in der Schatzkammer zu Baroda den Kern der Kostbarkeiten, unter denen hier aber als ein wohl auf Erden einzigartiges Schmuckstück ein Vorhang hervorgehoben zu werden verdient, der zwei Meter hoch und anderthalb Meter breit vollständig aus dichtaufgereihten Perlen besteht.

So ist der Maharadscha Siyadschi Rao, Gaekwar von Baroda, wohl einer der mächtigsten Vasallen des indischen Kaiserreiches — doch eben nur Vasall, Höriger einer höheren Gewalt, der er nichts als seinen Stolz und sein Selbstbewußtsein entgegenzusetzen vermag. Immerhin, auch die Macht der anglo-indischen Regierung muß mit den Verhältnissen rechnen, so wie sie dies bei Malar Raos Missetaten tat, mit der Meinung von vielen Millionen Menschen, eingeteilt in hunderte von kleineren und größeren Staaten, mit den Anschauungen der vielen verschiedenen Religionsgemeinschaften, die in der Zahl ihrer Anhänger und deren fast bedingungslosem Gehorsam jederzeit zu einer Gefahr werden können, der nur durch kostspielige Veranstaltungen politischer und militärischer Art zu begegnen ist. Und Indien soll doch nichts kosten, sondern vor allen Dingen Geld in den englischen Beutel bringen!

Für beide Tatsachen, die Hörigkeit der Vasallen und die Zurückhaltung der anglo-indischen Regierung, sind die folgenden Tatsachen bezeichnend:

Als der spätere Zar Nikolaus II., derselbe, der mit seiner ganzen Familie in Jekaterinburg durch die Bolschewisten ermordet worden ist, als Thronfolger, zusammen mit dem späteren König von Griechenland, auf seiner Weltreise Indien besuchte, wurde auch der Gaekwar von Baroda zur Ehre, ihn bewirten zu dürfen, befohlen. Doch die anglo-indische Regierung war eifrig bemüht, den russischen Thronfolger von jeder Berührung mit den einheimischen Fürsten fern zu halten. Folglich legte man auch dem Maharadscha Siyadschi Rao nahe, daß er wohl die Kosten des Besuches tragen dürfe, aber davon Abstand nehmen möge, Seine Kaiserliche Hoheit zu sehen. Der Gaekwar fügte sich und wurde rechtzeitig krank.

Trotzdem aber führte man den russischen Thronfolger nicht in die Stadt, sondern auf die vorbereitete Jagd. Ich hatte das große Empfangszelt aus der „Faraschkana“, der Jagdkammer, in aller Eile aufstellen lassen, wozu hunderte von Dienern notwendig waren.

Etwas ängstlich erschien endlich der Zarewitsch mit seinem russischen und englischen Gefolge und nahm ohne besondere Begeisterung an der Jagd, einem Lanzenreiten gegen Wildschweine, „pigsticking“, teil. Nach etwa einer Stunde wünschte er zurückzukehren, und ich, der ich die Verantwortung für die ganze Vorführung trug, ritt allein mit ihm nach dem Empfangszelt, ohne daß die englischen Beamten, darunter Oberst Cyrill Rhodes, der Bruder des Rhodesiers, Cecil Rhodes, dies bemerkten. Froh, der ihm wenig zusagenden Jagd entronnen zu sein, saß der Zarewitsch mit mir im Zelte und trank Moselwein mit Apollinaris. Zuerst unterhielt er sich mit mir auf englisch, fuhr dann französisch fort, um zum Schluß fließend deutsch zu sprechen.