Dieser Vorfall bewirkte, daß er nicht länger zögerte, Kanari zu seiner Rani zu machen. Nach Kapurthala zurückgekehrt, vollzog er unter großen Festlichkeiten die Erhebung des schönen Mädchens zu seiner fünften Gemahlin und Lieblingsfrau. Die Zenanaräume, in denen die Frauen des Maharadscha wohnten, lagen im zweiten Stock des Palastes, wo nun auch Rani Kanari ihre Zimmer erhielt. Bis zu ihrer Ankunft hatten die Damen es stets für unvereinbar mit ihrer Würde als Radschputen gehalten, mit dem Maharadscha, der aus einer niederen Kaste stammte, zusammen zu speisen. Denn wenn sie auch nichts dagegen hatten, seine Frauen zu sein, so ist die Zeremonie des Essens doch von bedeutend größerer Wichtigkeit. Als sie aber gewahr wurden, daß die Rani Kanari keinen Anstoß nahm, mit dem Maharadscha sogar auf europäische Weise zu Tisch zu sitzen, ließen sie sich herbei, den Maharadscha einmal wöchentlich zu ihren gemeinsamen Mahlzeiten zu bitten; vielleicht auch, um über der neuen Gemahlin nicht ganz vergessen zu werden.
Eine Gouvernante mußte der Rani Kanari französischen Unterricht erteilen. Die blendendsten Kleider, die prächtigste Unterwäsche traf für sie aus Paris ein, die ihrer schlanken, biegsamen Gestalt entzückend standen. Schon träumte der Maharadscha davon, die große Welt Europas zu den Füßen seiner Rani liegen zu sehen. Sie sollte Weltdame in höchster Vollendung werden, und sein Ehrgeiz war, zu zeigen, daß eine reine Inderin es fast in jeder Hinsicht mit den Damen der europäischen Völker aufzunehmen vermöge.
So anerkennenswert auch dieses Bestreben unter gewissen Gesichtspunkten sein mag, und so gut sich auch die von ihrer Heimat im Gebirge her nicht so kastenstreng und orthodox erzogene Rani Kanari dazu eignete, eins übersah Dschagatdschit Singh und mußte es übersehen — denn Psychologie war ihm von seinen englischen Lehrern nicht ausreichend nahe gebracht worden. Der gegenüber seiner eigenen robusten Natur feiner und reizbarer geschaffene Organismus des jungen Mädchens verfiel viel zu schnell den Einflüssen europäischer Genußmittel. Die Anregung, die Weine, Sekt und Liköre auf sie ausübten, wurde ihr bald zum Bedürfnis, und sie fand nur zu viele Helfer, die ihr bereitwillig auch in ihre Gemächer Kognak und ähnliche starke Spirituosen zusteckten.
Dem Maharadscha, dem dies nicht verborgen blieb, ging diese Neigung des schönen, jungen Mädchens sehr nahe, war er doch selbst bei aller Wertschätzung, die er einem Glase Wein oder Champagner entgegenbrachte, stets mäßig geblieben. Er hoffte, daß die so lange geplante Reise nach Europa, die er nun bald anzutreten beabsichtigte, die Rani Kanari von ihrer fatalen Angewohnheit heilen würde.
Solche Reisen der Vasallenfürsten Indiens unterliegen aber der Genehmigung der anglo-indischen Regierung, die in jedem einzelnen Falle besonders eingeholt werden muß. Im Prinzip besteht eine starke Abneigung, die Erlaubnis zu erteilen, was seine guten Gründe hat. Es hat sich stets gezeigt, daß die Behandlung, die in Europa den indischen Fürsten zuteil wird, nur zu geeignet ist, ihr Selbstbewußtsein zu stärken. Nicht nur behandelt man sie dort ganz allgemein als gleichberechtigt, wirbt um ihre Gunst als Kunden und Gäste und ergeht sich in Ehrenbezeugungen, sondern in London wurden Maharadschas als Ehrengäste an der königlichen Tafel empfangen; auf Dampfern und in den Bahnzügen konnten sie sich die besten Plätze mit ihrem Gelde kaufen, und die teuersten Zimmerfluchten standen ihnen in den besten Gasthäusern auf Wunsch anstandslos zur Verfügung.
In Indien jedoch, wie in allen englischen Besitzungen des Ostens, ist das anders. Überall macht die Unterkunft in den Gasthöfen Schwierigkeiten und muß sehr teuer bezahlt werden. Die besten Zimmer zu erhalten, ist ganz ausgeschlossen. Die Gäste englischer Abstammung wenden sich sowieso sofort an die Hotelleitung mit Beschwerden über die Anwesenheit eines „dreckigen Negers“ im Hause, drohen mit dem Boykott oder mit Veröffentlichung der Tatsache, die nur zu geeignet ist, die betreffenden Häuser bei den reisenden Engländern in schlechten Ruf zu bringen. Daß man jemals einen indischen Fürsten, sei er auch noch so reich, zu irgendwelchen Geselligkeiten der englischen Gesellschaft an den besuchten Plätzen einlüde, ist eine vollständige Unmöglichkeit.
Wenn dies seinen Grund auch zunächst in der allgemeinen Überheblichkeit und Unwissenheit des Europäers, und ganz besonders des Engländers, über die wirklichen Grundlagen der verschiedenen asiatischen Kulturen hat, deren, von der seinen so ganz verschiedenen, Aufbau und Entwicklung er verständnislos gegenübersteht, so spielen doch ebenfalls auch sehr praktische Fragen mit, diesen Standpunkt überall und weitestgehend durchzuführen. Im Verhältnis zwischen besonders Engländern und Asiaten — von afrikanischen Negern ganz zu schweigen — ist alles auf schärfste Betonung der Gegensätze zwischen Weißen und Farbigen angelegt. Nicht zum wenigsten dadurch, daß man immer und überall ohne jeden Unterschied der Bildung, der Stellung, der Würde, des Vermögens jeden Farbigen sich mit hochmütiger Geste vom Leibe hält und ihn vollständig von der Teilnahme am inner-gesellschaftlichen Leben ausschließt, hat man es erreicht, daß das ungeheuere Land Indien mit seinen weit über dreihundert Millionen Einwohnern sich einer Handvoll Engländern so viele Jahrzehnte hindurch willenlos gebeugt hat.
Dies hindert jedoch keinen der weißen Herren und Damen, ihrerseits die Gastfreundschaft eines reichen indischen Fürsten so viel wie nur immer möglich in Anspruch zu nehmen, seine Feste mitzufeiern, seine Pferde zu reiten, seine Jagden mit ihrer Gegenwart zu beehren, seine Geschenke anzunehmen, — und mögen über die Zustände an irgendeinem großen indischen Fürstenhofe noch so skandalöse Klatschereien im Umlauf sein, und Klatsch ist das Öl in den Rädern des anglo-indischen Gesellschaftslebens, — keiner der so hochmoralischen englischen Damen würde es einfallen, sich dadurch von einer Eintragung in das Besuchsbuch eines indischen Fürsten abhalten zu lassen.
Selbstverständlich waren diese Zusammenhänge auch Dschagatdschit Singh bekannt, und wie alle Inder, die in ihrer Eitelkeit äußerst empfindlich sind, fühlte er scharf und bitter das Zurücksetzende und Beleidigende dieser Behandlung. Daher auch seine Sehnsucht nach Europa und seine Vorliebe für den Westen, die sein erster Besuch nur um so fester gründen sollte.
Mit der Rani Kanari als zukünftige europäische Modedame zur Seite, drängte er darauf, die vizekönigliche Erlaubnis zu erhalten, die ihm 1893 auch zum ersten Male erteilt wurde. Sofort begannen die praktischen Vorbereitungen, die besonders hinsichtlich der nach Hindu-Begriffen unmöglichen Mitnahme der Rani Schwierigkeiten machten. Doch es wurde ein Ausweg gefunden. Die Rani reiste als Jüngling verkleidet, und wenn sie als solcher auch überall wegen ihrer Schönheit das größte Aufsehen erregte, so war dies doch immer noch nicht so schlimm, als sie in ihrer wirklichen Rolle als Rani des Maharadschas die Überfahrt von Indien nach Europa machen zu lassen[5].