Für den Hindu, wie überhaupt den Orientalen, ist das Zusammentanzen der Geschlechter ein Greuel. Tanzen ist eine bezahlte Kunstfertigkeit, die von dazu erzogenen Mädchen, den „Nautsch-Mädchen“, den Bajaderen gegen Entgelt ausgeübt wird. Daß diese es dabei zu großem Reichtum bringen können, und daß sie ganz allgemein große Achtung und besondere Vorrechte genießen, hat mit dem Tanzen an sich nichts zu tun. Von einem Manne zum Vergnügen und unter den Augen anderer ausgeübt, wird es dadurch nicht weniger verächtlich.
Doch da die Maharani auf ihrer Weigerung beharrte, ihn nach Europa zu begleiten, nahm der Maharadscha kurz hintereinander drei andere Frauen, die er zu seinen „Rani“ machte. Der Titel „Maharani“ kommt nur der ersten Frau und Mutter des Thronfolgers zu. Doch sie alle enttäuschten. Keine der drei wollte sich herbeilassen, europäische Sitten anzunehmen und vor allem auch noch so glänzende Pariser Toiletten oder gar die europäischen Spitzen und Unterkleidung zu tragen, für die der Maharadscha eine ganz ausgesprochene Vorliebe und Bewunderung an den Tag legte. Alle fürchteten, die Heiligkeit ihrer Kaste dadurch zu verletzen.
V.
Die Rani Kanari
Und doch, ohne „Rani“ nach Europa zu gehen, schien dem Maharadscha ebenfalls unmöglich. Nach allen Seiten sandte er Beauftragte, um ihm die zu suchen, die seinen Enthusiasmus für Europa zu teilen und gleich ihm alles Indische abzustreifen bereit war. Jedoch vergeblich. Endlich entschloß er sich, sein Glück selbst zu versuchen und nach einer geeigneten Rani Umschau zu halten.
Dschagatdschit Singh hatte die Erlaubnis des Vizekönigs erhalten, auf vierzehn Tage das ihm selbst in Simla, dem Sommersitz der anglo-indischen Regierung im Himalaja, gehörende Haus bewohnen zu dürfen. Der Aufenthalt dort ist aus Gründen der Rücksicht auf die Engländer Indiens für die Fürsten Indiens beschränkt. Sie vermehren durch den endlosen Troß ihrer Bedienung die sehr fühlbare Wohnungsnot dieser für die Gesundheit der Beamten unentbehrlichen Bergfrische und treiben durch protzenhafte Verschwendung die Preise in die Höhe. Es muß also jedesmal eine besondere Erlaubnis zum Besuche des Ortes erwirkt werden. Nur ausgewählte Günstlinge der Regierung, wie der Scindia von Gwalior oder das Haupt der Radschputen, der Maharadscha von Bikanir, die zu persönlichen Adjutanten des Königs von England und Kaisers von Indien ernannt worden sind, dürfen jederzeit den geheiligten Boden betreten.
Unweit von Simla findet alljährlich ein großer Markt, „Sibi-Markt“, statt, wohin Eltern ihre unverheirateten Töchter bringen, um sie heiratslustigen Männern zur Wahl vorzustellen. Es ist dies keineswegs entehrend. Achtbare Bauernfamilien, Semindare, Landbesitzer und höhere Kasten machen von dieser Gelegenheit, ihre unversorgten Töchter zu verheiraten, Gebrauch. Witwer oder kinderlose Ehemänner suchen sich dort eine neue Gattin zu kaufen. Zwar stimmen die so an den Mann gebrachten Mädchen nicht immer mit dem von den Eltern abgeschlossenen Handel überein, sei es, daß dem Mädchen der Käufer zu alt oder sonst nicht annehmbar erscheint. In solchem Falle verflüchtigen sie sich noch vor der festgesetzten Abreise. Der Bräutigam hat das Nachsehen und ist sein Geld an die Eltern losgeworden. Allzu bindend sind diese Kontrakte nicht, die von den Gerichtshöfen nicht ernst genommen werden.
Der Maharadscha von Kapurthala benutzte nun den Aufenthalt in Simla, um den Sibi-Heiratsmarkt zu besuchen. Dort sah er ein junges, sechzehnjähriges Mädchen, schlank, mit klugem Gesicht, in der Hautfarbe nicht dunkler als eine Italienerin; denn dies war für Dschagatdschit Singh die Hauptsache. Er selbst war zwar braun wie eine Ratte, hielt aber seine Gesichtsfarbe für rosig. Für diese Vorliebe hatte er gute Gründe. Die Verachtung der Engländer für „niggers“ gibt sich überall im Osten und in Australien in der auffälligsten und beleidigendsten Weise kund, und wird natürlich stets zunächst von der Gesichtsfarbe des Betreffenden ausgelöst. Es ist daher nicht verwunderlich, daß der Maharadscha in seinem Bestreben, möglichst europäisch zu wirken, auf recht hellen Teint größtes Gewicht legte. Das junge Mädchen, das Kanari hieß, wurde nun für die Summe von dreihundert Rupien oder etwa 450 damaligen Mark sein Eigentum. Unter der Etikette einer Kammerzofe der Maharani kam sie nach Kapurthala. Es dauerte nicht lange, und sie hatte die Lage vollkommen verstanden, fanden sich doch genügend Leute, sie über die Anschauungen und Absichten des Maharadscha aufzuklären.
Doch noch zögerte Dschagatdschit Singh, den entscheidenden Schritt zu tun. Zwar war auch ihm nicht unbekannt, daß Kanari bereit war, ihm in seinen europäischen Ansichten bis zur Grenze des Möglichen entgegenzukommen. Aber der Schritt, in so ausgesprochener Weise mit allen Anschauungen seiner Umgebung zu brechen, bereitete ihm doch noch Kopfzerbrechen. Da entschied ein indisch-ehelicher Zwischenfall über die Zukunft des klugen Mädchens.
Der Hof von Kapurthala war nach Dharamsala im Gebirge übergesiedelt, und dort überraschte der Maharadscha eines Tages die Rani Luxmi, seine zweite Frau, beim vertrautesten Zusammensein mit einem seiner Kammerdiener. Dieser Schlag traf den unwiderstehlichen Don Juan an seiner empfindlichsten Stelle. Er verlor sein sonst so ausgeprägtes Gleichgewicht, seine stoische Ruhe. Mit eigener Hand verprügelte er den Diener, und fast hätte er sich auch an der Rani Luxmi vergriffen.