Die Erziehung des jungen Dschagatdschit Singh lag vollständig in den Händen des englischen Residenten, und er entwickelte sich ganz nach dem Vorbilde seines Lehrers. Dieser Resident, ein Irländer von Geburt, großer Sportliebhaber und Lebemann, verbrachte seine Zeit mit Festlichkeiten, Jagden, sportlichen Veranstaltungen und glänzender Repräsentation, ohne daß die Verwaltung des Landes Schaden litt. Es wurde sparsam und umsichtig gewirtschaftet, und der Resident verstand sich meisterhaft auf die Behandlung der schwierigen indischen Charaktere.

Doch durch die ausschließliche Erziehung im englischen Sinne wurde in dem jungen Maharadscha schon früh der Keim zu seiner Vorliebe für alles Europäische, alles Westliche gelegt. Dschagatdschit Singh war, wie die meisten Inder, äußerst begabt, dabei ein offener und gutherziger Mensch, was unter Indern eine große Seltenheit ist, aber vielleicht auch auf Rechnung seiner Erziehung gesetzt werden darf. Er besaß ein unerschütterliches seelisches Gleichgewicht, das ihn auch in den unangenehmsten Augenblicken nicht verließ. Gegen seine Untergebenen war er herablassend und freundlich, konnte aber ebenso bei Verfehlungen sehr streng sein. Höchstens, daß er dazu neigte, die Grenzen zwischen rücksichtsvoller Teilnahme und kameradschaftlicher Anbiederung zu vergessen.

Von Gestalt ein starker, wuchtiger Mann, verstand er es ausgezeichnet, sich in der ganzen Würde eines indischen Fürsten zu geben. Er neigte zur Korpulenz, trotzdem er als Tennisspieler und Scharfschütze seinesgleichen suchte. Nur das Reiten, das er, wie es seine Stellung erforderte, wenigstens zweimal in der Woche ausüben mußte, machte ihm kein Vergnügen. Bei seinem kräftigen Körperbau war dies auch nicht verwunderlich. Es kostete mich stets die größte Mühe, für den schweren und im Sattel unbeholfenen Mann ein entsprechend starkes und doch ruhiges, repräsentatives Pferd zu finden. Glücklicherweise war die Auswahl in den prachtvollen Marställen des Fürsten groß, und in Einkauf und Aufzucht wurde mir vollständig freie Hand gelassen. Für den Maharadscha war das fetteste Pferd das schönste.

Im Trinken war er sehr mäßig. Sekt, Wein und Alkohol im allgemeinen, obgleich er seinem Körper entsprechend davon trank, hatten keine Anziehungskraft für ihn. Dafür aber war er einer der stärksten Esser, der mir je begegnet ist. Besonders von seinem und ganz Indiens Leibgericht „Curry mit Reis“ konnte er ganz außerordentliche Mengen vertilgen.

Doch er hatte eine große Schwäche, eine Schwäche, die, von seiner Erziehung genährt, wohl ebenfalls mit der starken physischen Entwicklung seines Körpers zusammenhing und in seinem westlich gerichteten Ehrgeiz ihn zu den unglaublichsten Streichen verführte. Er hielt sich für den geborenen „Lady-killer“, den hervorragendsten Don Juan beider Hemisphären. Keine noch so bittere Enttäuschung, keine Lächerlichkeit konnte ihm diesen Glauben rauben. Stets strebte er nach neuen Lorbeeren, aber sie mußten westlich orientiert sein, oder noch besser, durch westliche, europäische Schönheiten ihm zufallen.

Blutige Schweißtropfen hat mich oft diese unmögliche Einbildung gekostet. Immer wieder mußte ich die zerbrochenen Porzellanschalen umsichtig und geräuschlos außer Sicht kehren, immer von neuem die gordischen Knoten, die seine Abenteuer um ihn schürzten, mit oder ohne Hilfe des neuzeitlichen Schwertes, des Scheckbuches, lösen.

Den Auftakt zu dieser endlosen Kette seiner vor allen Dingen ehrgeizigen Unternehmungen bildete seine Heirat. Als Dschagatdschit Singh neunzehn Jahre alt war und die Regierung selbst übernehmen sollte, wurde beschlossen, mit der Thronbesteigung die Hochzeit des jungen Fürsten zu verbinden. Gegen die in Indien übliche Kinderheirat hatte der Resident Einspruch erhoben, und man suchte nun nach einem Mädchen, das der hohen Ehre, die Maharani von Kapurthala zu werden, würdig war. Als regierender und reicher Maharadscha konnte man ihm eine Frau aus einer höheren Kaste als seiner eigenen verschaffen[4]. Die Wahl fiel auf ein Mädchen aus einer der hochangesehenen Radschputfamilien, die im Kulu-Tal des Himalaja ansässig war, und dessen Vater nicht die Mittel gehabt hatte, seine vier Töchter noch in jungen Jahren entsprechend zu verheiraten. Die Hochzeit wurde mit dem üblichen Pomp im Beisein einer großen Menge von Gästen aus der hohen anglo-indischen Gesellschaft gefeiert, und der junge Maharadscha lebte, beraten und geführt von seinem englischen Residenten, zwischen den indischen Gebräuchen und Sitten im Innern seines Palastes, den Zenanagemächern seines Haushaltes und den freien Vergnügungen seiner englischen Freunde, welche die mit dem Reichtum des Fürsten verbundenen Annehmlichkeiten wohl zu schätzen wußten.

Doch die Erzählungen seiner europäischen Umgebung, die Beschreibungen der durchreisenden Weltbummler, die gern an dem gastlichen Hofe von Kapurthala haltmachten, steigerten immer mehr seinen Wunsch, die Wunderländer Europas und Amerikas kennenzulernen und in den glänzenden Städten des Westens, in Paris und London, eine seinem Ehrgeiz entsprechende Rolle zu spielen. Mit großem Eifer lernte Dschagatdschit Singh aus eigenem Antriebe sowohl Englisch wie Französisch und war bald imstande, sprachbegabt wie es alle Inder sind, sich in beiden Sprachen mit absoluter Vollkommenheit auszudrücken.

Als er diese Vorstufe zu seinen Reiseplänen hinter sich hatte, beschäftigte er sich mit den Einzelheiten ihrer Ausführung. Sein Wunsch war, daß die Maharani, die ihm in der Zwischenzeit einen Sohn geschenkt hatte, ihn begleite. Sie aber hielt mit starrem Eigensinn an den alten Sitten und Gebräuchen ihrer eigenen Kaste fest, die es ihr unbedingt verboten, mit kastenlosen Europäern, die sich ohne jede Rücksicht auf den Stand ihrer Diener einfach und wahllos von ihnen bedienen lassen, in enge Berührung zu kommen, mit fremden, unbekannten Menschen das große Meer zu kreuzen und Indien zu verlassen. Wer sollte ihr die Speisen bereiten? Wie sollte man sicher sein, daß nicht Unreines mit ihnen in Berührung gekommen war? Wie sollte man es vermeiden, inmitten der ungebildeten Bevölkerung Europas, durch ihre Nähe, ihr Anstarren, ihre Handreichungen beschmutzt zu werden? Wo sollte man die Zeit und das heilige Wasser hernehmen, um durch religiöse Waschungen sich wieder von so viel Unrat zu reinigen? Nein, die Maharani konnte unmöglich sich solchen Gefahren aussetzen. Sie blieb unter allen Umständen in Indien.

Vor der Hand schickte sich Dschagatdschit Singh in Geduld ... und lernte Tanzen. Daß er damit die Entrüstung selbst der liberalsten Hindu erregte, kümmerte ihn nicht weiter.