Maharani Dschanabai von Baroda

Der Maharadscha von Kapurthala in großer Galauniform

Der indische Vasallenstaat Kapurthala liegt in der Nähe von Lahaur, dem englischen Lahore. Lahaur war früher die Hauptstadt der kriegerischen Sikh. Auch die mohamedanischen Eroberer Nord-Indiens schlugen dort ihre Residenz auf, erst die Ghasnawiden, denen die Goriden folgten, bis es 1225 von Dschalal-ud-Din und 1397 von einem Heerführer Tamerlans, des großen Timur leng der Mongolen, geplündert wurde. 1525 nahm es Sultan Babar, seit welcher Zeit es zum Reiche des Großmogul gehörte und an Pracht und Glanz mit der Hauptstadt Nord-Indiens, mit Delhi, wetteiferte. 1846 besetzten die Engländer Stadt und Land, bemächtigten sich des letzten Sikhfürsten, Dalip Singh, eines elfjährigen Knaben, den sie nach England führten, wo er nach verschiedenen fehlgeschlagenen Versuchen, den Thron der Sikh wieder zu besteigen, 1893 starb.

Schon einige Jahre vor der Besitzergreifung Lahaurs durch die Engländer hatten sie, 1841, Hand auf das Zweistromland Dschalandhar gelegt, das den Staat Kapurthala umfaßt. Die dort herrschende Ahaluwalia-Dynastie hatte es vorgezogen, durch eine Tributzahlung an die Engländer sich ihren Besitz zu sichern, wenn auch die Briten die Verwaltung übernahmen. Bei dem großen indischen Aufstand 1857/58 unterstützte der damalige Maharadscha von Kapurthala, Ranghir Singh, die Engländer, wofür er durch die Übertragung großer Ländereien in Oudh[2] belohnt wurde. Ihm folgte 1870 sein Sohn Karag Singh.

Der Staat Kapurthala zählte etwa eine halbe Million Einwohner, während die in der Nähe der Bahnstation Kartarpur liegende Hauptstadt Kapurthala rund 20000 Einwohner hat.

Karag Singh führte ein allen Leidenschaften frönendes Dasein; viel Sekt, viel Kognak, viel Opium sind besonders in dem heißen Indien nicht geeignet, das Leben zu verlängern. Er kam also in jungen Jahren zum Sterben. Da er keine Kinder hatte, war der nächste Erbberechtigte sein Bruder, Harnam Singh. Doch Harnam Singh hatte eine indische Christin geheiratet und war selbst zum Christentum übergetreten.

Die, wenn es das Geschäft mit sich bringt, so gern ihr Christentum betonenden Engländer fanden es aber in diesem Falle nicht einträglich genug, „the spreading of the Gospel of our Lord and Saviour Jesus Christ“ — die Ausbreitung des Evangeliums unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus —, wie die pomphafte Redewendung im Englischen heißt, dadurch zu unterstützen, daß sie einem Christen die Besteigung des ihm rechtmäßig zustehenden Thrones eines indischen Fürstentums gestatteten.

Man beriet sich also mit dem Ministerpräsidenten des Staates Kapurthala, der ein offenes Herz für seine Hindu-Glaubensgenossen und sicherlich eine nicht minder offene Hand für christliche englische Goldstücke hatte, mit dem Ergebnis, daß, ehe noch der sterbende Maharadscha Karag Singh seine letzte Opiumpfeife zu Ende geraucht hatte, ihm plötzlich ein Sohn geboren war. Bevor er den vielen Freuden seines Genußlebens das Bewußtsein von Vaterfreuden zufügen konnte, drehte er sein Antlitz zur Wand und starb.

Der zu so geeigneter Zeit geborene Thronfolger war das Kind des Steueraufsehers Lala Harkischen Lal aus der Kaste der Tschatry[3]. Unter dem Namen Dschagatdschit Singh wurde er der Nachfolger seines Pseudo-Vaters, des Maharadscha Karag Singh. Der wegen seines Christentums von den Engländern von der Thronfolge ausgeschlossene Harnam Singh wurde, zum Trost über den erlittenen Verlust, zum Mitgliede des vizeköniglichen Staatsrates in Kalkutta ernannt.