Rani Kanari auf ihrer ersten Europareise
Als ich abends zurückkam, fand ich den Maharadscha, von indischen Dienern umringt, im Salon unserer Wohnräume, freudestrahlend in die Betrachtung des Ordens versunken, den ihm die Königin eigenhändig überreicht hatte, wobei ich gesprächsweise erwähnte, wo ich meinerseits den Abend zugebracht hatte.
Im nächsten Jahre waren wir wiederum in England, und der Maharadscha wurde von neuem von der Königin eingeladen, nach Windsor zu kommen. Ich hatte noch nicht die Handschuhe abgestreift, als der oberste Hausverwalter, der „Chief Stewart“ der Königin, vor mir stand und mir die bittersten Vorwürfe machte. Zuerst verstand ich den Sinn der langen Rede durchaus nicht, bis mir klar wurde, daß meine vorjährige Bemerkung dem Maharadscha gegenüber hinsichtlich meines abendlichen Besuches des „Weißen Hirschen“ von den indischen Dienern gehört und der Königin überbracht worden war. Sie hatte dann den unglückseligen Vorstand der Hofverwaltung zur Rede gestellt, der selbstverständlich über den unerhörten Vorfall, daß Gäste ihrer britischen Majestät sich mühsam ihr Abendbrot in einem, sei es auch noch so nahen Gasthofe beschaffen mußten, entsetzt gewesen war, ganz abgesehen von dem Verweis, den er sich dank der indischen Zwischenträgerei zugezogen hatte.
Als ich ihm sagte, daß man doch nicht erwarten könne, ich werde, um meinen Hunger stillen zu können, in dem Riesenbau des Schlosses zu Windsor aufs Geratewohl umherirren, versprach er, mich dieses Mal selbst abzuholen, wodurch mir Gelegenheit geboten wurde, mit den hohen Dienern der hohen englischen Hofgesellschaft zu essen.
Nachdem ich dem Maharadscha sein Turban-Diadem und sein großes Perlenhalsband ausgehändigt hatte — die Verwahrung der Millionenwerte an Schmucksachen, die er mit sich führte, hatte ich übernommen, denn die Unerfahrenheit eines Inders wäre nur zu leicht von der Schlauheit irgendeines europäischen Liebhabers solcher Gegenstände ausgenutzt worden —, erschien dann auch der oberste aller oberen Diener der Königin, befrackt und besternt, und führte mich in das Speisezimmer der „unteren“ Hofgesellschaft. Dort fand ich die Stewarts und Kammerzofen der Elite der oberen englischen Zehntausend versammelt, alle in großer Toilette und von einer Haltung, die der der Herzöge, Lords und Barone an der „oberen“ Hoftafel nichts nachgab. Da war der Post- und Telegraphenverwalter, der Obergärtner, der Chef der Palastpolizei, die Vorsteherinnen der königlichen Wäschekammern, die der Kleiderschränke und was sonst noch Rang und Würde im königlichen Haushalt hatte. Ich selbst saß neben dem Großmogul dieser unmittelbaren Trabanten der Person ihrer großbritannischen Majestät, dem Chief-Stewart.
Auf der weißen Tafel lief ein zierliches Schienengleis ringsum, das in einem silbernen Behälter alle Sorten von Getränken enthielt, von denen ein jeder sich nach Belieben bedienen konnte. Jedoch dies Belieben unterlag einem leichten Zwange, indem nach jedem Gang — und ihre Zahl gab der der „oberen“ königlichen Tafel kaum nach — der Chief Stewart sich erhob und der Reihe nach das Wohl der Königin, das des Prinzen von Wales und absteigend der weiterfolgenden Mitglieder des königlichen Hauses ausbrachte, was jedesmal stehend unter Leerung der Gläser getrunken wurde. Diese „libationes ad majestatem“ brachten die Herrschaften sehr bald in eine etwas angeregte Stimmung. Als ich aber nach Aufhebung der Tafel und dem Abmarsch der Damen nach englischer Sitte in den anstoßenden Salons bat, mir ein Glas von dem berühmten alten Whisky des Schlosses zu geben, sah mich — fast hätte ich gesagt, Seine Hoheit — der Chief Stewart erstaunt an und erklärte mir, daß jeglicher Likör ebenso wie das Rauchen in den Schlössern ihrer Majestät verboten seien. Doch der Postverwalter erbarmte sich meiner und lud mich ein, das Ende des Abends bei ihm zu verbringen, wo, wohl wegen der Wahrung des Postgeheimnisses, die Überwachung der Befehle der Königin auf gewisse nur ihm bekannte Schwierigkeiten stieß.
Der Maharadscha war von seiner Abendunterhaltung weniger befriedigt als ich. Er hatte auf die nächsthöhere Klasse des ihm im vergangenen Jahre verliehenen Sternes von Indien gehofft, aber nur ein, wenn auch annehmbares Abendessen erhalten.
Am nächsten Morgen saß ich vor acht Uhr, noch im Schlafanzuge, in dem Wohnraume unserer Zimmerflucht, als plötzlich ein Herr gemeldet wurde, Lord Strafford, der Oberhofmarschall der Königin, der dem meldenden Diener auf dem Fuße folgte. Mit liebenswürdiger Handbewegung schnitt er meine Entschuldigung über meinen unvollkommenen Anzug ab, und sagte, er müßte unbedingt und sofort den Maharadscha sehen, der, da er nie vor elf Uhr aufstand, natürlich noch zu Bett lag. Ich entschloß mich aber, den Fürsten zu wecken.
Vergeblich zerbrach sich der Maharadscha den Kopf, wo, wie und wann er wohl gegen die Hofetikette verstoßen haben könne und war entsetzt, als er hörte, daß ich mit dem Oberhofmarschall im Nachtanzug gesprochen habe. Zum Schluß sollte ich versuchen, festzustellen, was denn die Ursache dieses ungewöhnlichen und frühen Besuches sei, während er sich ankleidete.