Obgleich die fraglichen Zimmer von einem deutschen Prinzen bestellt waren, gab die Hotelverwaltung doch dem Maharadscha den Vorzug. Dschagatdschit Singh beabsichtigte nach dem Tee mit der Cavalieri im Hyde-Park aller Welt seine Überlegenheit als Herzensbezwinger vor Augen zu führen. Im Hofe wartete sein offener Landauer mit den indischen Dienern. Der Teekessel summte. Die Brötchen lagen bereit. Doch keine Cavalieri kam. Mir ahnte Böses.

Endlich wurde ein Groom in das nahegelegene Savoyhotel gesandt, der mit der Nachricht zurückkam: Madame Cavalieri sei um elf Uhr früh mit dem Nordexpreß nach Petersburg abgereist!

Wie ich einige Tage darauf von dem mir gut bekannten Leiter des Savoy-Hotels, dem berühmten Hotelier Ritz, erfuhr, hatte sie ihre langausstehende Rechnung mit einem Scheck des Maharadscha von Kapurthala über tausend Pfund beglichen und sich den überschießenden Betrag auszahlen lassen.

Dschagatdschit Singh war tief unglücklich. Nur die Rani Kanari, die selbstverständlich davon erfuhr, freute sich.

Möglicherweise trug diese Enttäuschung zu einem der für Dschagatdschit Singh sicherlich schwierigsten Entschlüsse bei, den er je durchgeführt hat: sich die Haare schneiden zu lassen. Es geschah dies in Ostende, und auf die Nachricht, daß Felix Faure eine offizielle Reise an den Hof von St. Petersburg machen würde, beschloß der Maharadscha, ebenfalls dorthin aufzubrechen. Vor dem Antritt dieser Reise vollzog sich nun dieses unerhörte Ereignis des Haareschneidens.

Dschagatdschit Singh gehörte der Kaste der Sikh an, deren Kastenabzeichen gerade das ungeschnittene Haar ist. Sie tragen es zu einem Knäuel geschlungen unter dem Turban, und es ist Todsünde, es mit der Schere zu berühren. Jedoch die langen Haare sind äußerst lästig, denn sie müssen oft gewaschen werden, und das Trocknen nimmt viel Zeit in Anspruch. Dazu bedingen sie das ständige Tragen eines Turban, und den Turban wieder muß ein Jeder kunstgerecht sich selbst binden, da es eine außerordentliche Kunstfertigkeit und Übung erfordert. Nur der Träger kann ihn so um den Kopf legen, daß er gut Halt hat und kleidsam wirkt. Jedoch mit dem Turban angetan war der Maharadscha auf einen Kilometer als Inder kenntlich. Den Turban aber ablegen und die Haare behalten war ebenfalls unmöglich, also ließ er sich, ohne jemandem ein Wort davon zu sagen, die verräterischen und lästigen Haare abschneiden. Und erschien im Hut!

Sein indisches Gefolge war entsetzt, bestürzt, ganz verstört, fürchteten sie doch alle von dem Sikh Guru, dem Priester, zu schwerer Rechenschaft gezogen zu werden. Doch der Maharadscha blieb gleichmütig; wie man die Sache in der Heimat vertuschen werde, würde sich schon finden.

Zunächst ging es nach St. Petersburg. Die erste Person, die er dort im Hotel Europa trifft, ist die Cavalieri. Sie stand unter dem Schutze des Prinzen Baratinski, der als vorzüglicher Pistolenschütze bekannt war und sehr eifersüchtig sein sollte.

Ein Duell zwischen ihm und dem Maharadscha um einer treulosen Neapolitanerin willen war keine Aussicht, die mich mit irgendwelcher Freude erfüllen konnte. Ich gab mir also redlich Mühe, den Maharadscha zu beruhigen, und es gelang mir auch, daß er seine Begegnungen mit der Dame in den Grenzen strikter Höflichkeit hielt.

Petersburg jedoch vermochte Dschagatdschit Singh nicht lange zu fesseln. Wohl wurde er zu einem Empfang im Winterpalast und zu einer Truppenschau in Krasnoje Selo geladen, im übrigen aber ziemlich gleichgültig behandelt. Auch erregte seine große Gestalt, trotz aller Orden und Edelsteine, unter den reichen Uniformen und den nicht minder kräftig gebauten russischen Offizieren kein besonderes Aufsehen. Dann war er als englandfreundlicher Fürst bekannt, und die Völker des nahen Ostens waren England wegen seiner Politik an den Grenzen Indien-Afghanistans nicht zugetan. Dazu noch die peinliche Nähe der Cavalieri!