Doch die schöne Rani Kanari war rettungslos dem Trunkteufel verfallen. Unwohlsein vorschützend, zog sie sich in ihre Gemächer zurück und verbot jedermann, auch dem Maharadscha, ihre Türe, was nach Hindusitte nichts Ungewöhnliches hat. Doch sie benutzte diesen Vorwand nur, um sich halbe Wochen lang dem stillen Trunke hinzugeben. Als nun eine solche Periode sich länger als gewöhnlich hinzog, wurde der Maharadscha besorgt und befahl, nach dem Arzte zu senden, da er irgendeine Gefahr befürchtete, die seiner Rani drohen konnte. Er besprach die Sache mit mir und bat mich, das Erforderliche zu veranlassen, als sich sein anwesender Leibdiener einmischte und Zweifel an der Krankheit äußerte. Er wisse, die Rani könne noch immer flaschenweise Kognak trinken. Ein anderer Diener, der mit der Aya, der Kammerzofe der Rani Kanari, unter einer Decke stecke, habe ihr noch am Morgen vier Flaschen Hennessy gebracht, von denen zwei schon leer seien. Die beiden anderen stünden noch unberührt im Wandschrank.

Der Maharadscha war so entsetzt, daß er die Sprache verlor. Die Beschuldigung des Dieners gegen seine Lieblingsfrau traf ihn, nach allem, was sie versprochen hatte, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Endlich sprang er auf, um, allen Sitten und Gebräuchen zum Trotz, sich Zutritt zu den Gemächern der Rani zu erzwingen. Mir winkte er zu folgen. Mit wenig angenehmen Gefühlen kam ich seinem Wunsche nach und hoffte nur, daß es mir gelingen möge, allzuweit gehende Maßregeln zu verhüten.

Entsetzt fuhr die Rani Kanari von ihrem Bett in dem halbdunklen, kühlen Gemach, das sie als Schlafzimmer benutzte, in die Höhe, als der Maharadscha unangemeldet eintrat. Der Fluß der Räubergeschichten, welche die am Fußende des Bettes hockende Aya eintönig erzählte, brach jäh ab. Mit dem Aufgebot aller Willenskraft sammelte die arme Frau ihre halbbetäubten Geisteskräfte, und es gelang ihr auch, mit überzeugender Treue die Schwerkranke zu spielen. Flasche und Glas, die sie soeben noch benutzt hatte, waren unter der Bettdecke verschwunden.

Doch der Duft des Kognaks, der das Zimmer erfüllte, ließ sich durch keine Schauspielerkünste aus der Welt schaffen. Ohne ein Wort zu sagen, geht der Maharadscha zu dem Wandschrank, öffnet ihn und findet dort allerdings nur noch eine Flasche des scharfen Getränkes. Das war zu viel. Unter heftigen Vorwürfen über ihren Treubruch und über ihren Meineid vor den Göttern gießt er ihr den Inhalt der Flasche über den Kopf.

Weinend und mit den echtesten Zeichen tiefster Reue stürzt die Rani ihm zu Füßen und bittet um Verzeihung. Doch er bleibt unerbittlich. Anstatt mit ihm nach Europa zu reisen, soll sie den Sommer in ihrem gottverlassenen kleinen Heimatsort Dschubul im Gebirge in Verbannung verbringen.

Ohne sich umzusehen, geht er aufgeregt in sein Arbeitszimmer zurück, wo er mir ein Telegramm diktiert, in dem er die schon für die Rani bestellten Dampferplätze wieder frei gibt. Doch wie sollte der Maharadscha ohne seine ihm doch unentbehrliche Rani Kanari reisen? Alle Fehler, die sie zweifellos hatte, waren zum Schluß doch nur die Fehler oder wenigstens die Folgen ihrer Tugenden. Ich mußte suchen, die Verbannung nach Dschubul rückgängig zu machen. Die Rani mußte an der Europareise teilnehmen. Mein Plan war schnell gemacht. In aller Eile sandte ich das Telegramm wegen der Abbestellung der Dampferplätze ab.

In all den Jahren, die ich im Dienste des Maharadscha zugebracht hatte, war es zur Gewohnheit geworden, daß ich mich morgens beim Frühstück als erster zu seiner Begrüßung einstellte. Er hatte es gern, mich zu sehen. Die Frische meiner Gesichtsfarbe und meines Auftretens bringe ihm Glück den ganzen Tag über, meinte er oft.

Diese Gelegenheit benutzte ich, mich in seinem eigenen Interesse für die Rani Kanari zu verwenden. Wohl wies er mich zunächst ab, aber als ich immer und immer wieder darauf zurückkam und ihm auseinandersetzte, wie zum Schluß er selbst doch den Keim zu der unglückseligen Neigung in die Rani gelegt habe, siegte seine angeborene Gutmütigkeit. Ihm zuliebe habe sie sich an die ihr fremden Spirituosen gewöhnt, und es sei doch nicht ihre Schuld, daß ihr um so viel schwächerer Körper, als der seine, den Folgen des Trinkens nicht widerstehen könne; auch habe sie, um ihm zu gefallen, alle Vorschriften ihrer Kaste als Radschputin verletzt. Endlich willigte er ein, daß auf der „Arabia“, die vierzehn Tage nach seiner, des Maharadscha, festgesetzten Abreise Bombay verließ, Kabinen für die Rani Kanari bestellt würden. Ich aber sollte sie begleiten und dafür sorgen, daß sie an Bord nicht wieder in ihre alte Schwäche zurückfalle.

Mit zwei indischen Kammerzofen und einer englischen Beamtenwitwe als Gesellschafterin schifften wir uns zwei Wochen nach dem Maharadscha auf der „Arabia“ ein. Kurz vor seiner Abreise hatte er ihr noch persönlich seine Verzeihung ausgesprochen. Er glaubte sie jetzt gründlich und für immer von ihrem Leiden geheilt. Die Rani selbst war aber nicht sonderlich erfreut. Sie liebte Europa nicht, und es war ein Irrtum des Maharadscha, anzunehmen, daß jeder mit denselben Glücksgefühlen in den schönen Städten des Westens spazieren ginge, wie er selbst.

In Port Said kam zufällig die Ex-Kaiserin Eugenie an Bord, welche die „Arabia“ zur Rückfahrt nach Marseille benutzte. Ihre Kabinen waren denen der Rani benachbart. Wenn es der Rani Kanari gelang, in Berührung mit der Kaiserin zu kommen, so konnte sie sicher sein, daß der Maharadscha sie mit offenen Armen empfangen würde. Ich sprach daher mit ihr und empfahl ihr, das größte Entgegenkommen zu zeigen.