Eine andere, allerdings sehr kostspielige Art der Jagd auf Antilopen ist die mit „Tschittahs“. Sie kann nur von Fürsten oder reichen Semindaren — Großgrundbesitzern — betrieben werden und findet daher selten anders als zur Ehrung persönlicher Freunde oder hoher englischer Beamter statt.
Der „Tschittah“ ähnelt dem Leoparden, er erreicht die Höhe eines ausgewachsenen russischen Barsoj-Hundes, dem er auch im Bau ähnelt, und ist von fabelhafter Schnelligkeit. Fast immer stammt er aus den Dschungeln Zentral-Indiens oder der Provinz Khattiawar, wo er in Fallen gefangen wird. Seine Dressur wird von indischen Jägern — „Schikari“ — berufsmäßig betrieben und erfordert außerordentliche Geduld, wie sie eben nur ein Inder aufbringen kann. Der Tschittah muß so zahm wie ein Jagdhund werden, obgleich er zur Familie der Katzen gehört. Sein Erzieher hängt auch mit ganzer Liebe an ihm, läßt ihn in seinem Schlafraum schlafen und führt ihn wie einen Hund in der Stadt spazieren, um ihn an den Anblick von Menschen zu gewöhnen. Wenn er zur Jagd gebracht wird, trägt der Tschittah anstatt eines Maulkorbes eine schwarze Lederkappe über den Augen. Mir standen in Baroda ein gutes Dutzend dieser Tiere zur Verfügung.
Zur Jagd wird der Tschittah entweder auf einem hochachsigen, zweirädrigen Ochsenkarren, wo er auf einer dünnen Matratze sitzt, gefahren, oder ein berittener Schikari nimmt ihn auf das Pferd. Zu diesem Zwecke wird für ihn am Hinterzwiesel des Sattels ein kleines, indisches Bett angebracht. Bei der Eigenschaft der Antilopen, allem Eingeborenen, sei es nun Pferd oder Bauer oder Karren, nur geringe Beachtung zu schenken, unterscheidet sich das Anschleichen mit dem Tschittah in nichts von dem Anpürschen mit der Büchse. Die in einiger Entfernung folgenden berittenen Zuschauer schwenken vorsichtig auf die Herde ein, sobald der Schikari mit dem Tschittah auf etwa 200 Meter an die äsenden Tiere herangekommen ist. Sein Wärter nimmt ihm die Kappe von den Augen, kettet ihn los, und er schlüpft zur Erde. Unter Ausnützung jeder sich ihm bietenden Deckung schleicht der Tschittah, seiner Natur gemäß, katzengleich bis auf etwa 50 Meter an die Herde heran, wählt sich den stärksten Bock zum Opfer, erhebt sich und springt in einigen gewaltigen Sätzen auf das Beutetier los, so daß es wie gelähmt sekundenlang verwirrt stehen bleibt. Gelingt es dem Tschittah nicht, die angegriffene Antilope für diese kurze Zeit unbeweglich zu halten — was höchst selten vorkommt —, so ist der Bock gerettet. Die anderen sind sofort bei seinem Aufrichten davongejagt und längst über alle Berge. Niemals wird es dem Tschittah gelingen, eine Antilope einzuholen. Er wird auch nie einen Versuch dazu machen, da ihm seine Unterlegenheit im ausdauernden Streckenlauf scheinbar ganz bewußt ist.
Hat er aber den Bock erreicht, so schlägt er ihm mit der Tatze ins Kreuz, so daß das Tier zusammenbricht, und beißt sich sofort an der Kehle fest.
Ein gut dressierter Tschittah wird niemals sich an einer Hindin vergreifen, sondern stets sich einen Bock erwählen, wie es ja in Indien überhaupt für schimpflich gilt, eine Hindin zu schießen, obgleich ihr Fleisch schmackhafter als das der Antilopenböcke ist.
Um den Tschittah von seinem Opfer zu lösen, was stets eine etwas heikle Sache ist, schneidet der Schikari meistens die Schlagader des Bockes unterhalb der Bißstelle durch und fängt das Blut in dem mitgeführten Freßnapf seines Zöglings auf. Der Geruch des frischen Blutes veranlaßt dann den Tschittah, von seiner Beute abzulassen und sich dem Napf zuzuwenden. Er darf das Blut aber nur nehmen, wenn an demselben Tage nicht weiter gejagt wird. Sobald sein Schikari ihm die schwarze Kappe wieder über die Augen gelegt hat, wird er fügsam und folgt ihm willig zu seinem Sitz zurück.
Von den Schikari, die zum Bestande jedes Hofes, wie überhaupt jeder Jagd gehören, ist ein Teil Mohamedaner, ein Teil Hindu. Verschieden wie ihr Glaube ist auch ihre Betätigung. Der gemessene, ruhige, würdevolle Mohamedaner beschäftigt sich vornehmlich mit dem Abrichten der Tschittah, der Liux, des Falken und des Habichts für die Beize. Der Liux, etwas kleiner als der Tschittah, wird selten gefangen, und es kostet unsägliche Mühe, diese starke Katze ihrer Raubtierinstinkte zu entwöhnen. In Baroda waren zwei vorhanden, ohne daß ich sie je zur Jagd hätte verwenden können.
Jagdhunde in Indien
Die Hindu-Schikari, die meistens der Kaste der Bauri angehören, beschäftigen sich vornehmlich mit dem Abrichten der Jagdhunde, wozu der Nepaul- und der Thibethund, auch der wilde Pariahund gebraucht wird. Sie dienen vornehmlich zum Aufstöbern des Wildes, besonders des Wildschweines. Der Versuch, europäische Jagdhunde nach Indien einzuführen, ist stets gescheitert. So schonend sie auch behandelt werden, das Klima zerstört unweigerlich ihren Geruchssinn und ihre Gesundheit. Ich habe als leidenschaftlicher Hundefreund mir die größte Mühe gegeben, europäische Hunde in Indien zu akklimatisieren. Im Sommer sandte ich sie hoch ins Gebirge, in die kühle Bergfrische Mussoorie, um sie vor der glühenden Hitze der Ebene zu bewahren. Am widerstandsfähigsten erwies sich noch der Fox-Terrier und der Bull-Terrier. Letzterer ist vorzuziehen, weil er sich nicht mit jedem Pariahunde herumbeißt, wie dies die Fox-Terrier tun. Da diese Pariahunde fast durchgängig verseucht sind, bringt die kleinste Bißverletzung dem Angreifer die Tollwut. Der Bull-Terrier ist ein stets kampfbereiter Kumpan und, dank seiner Abstammung von der Bulldogge, kräftiger als der Fox-Terrier, aber viel gewandter als die Dogge. Daher behält er im Kampfe leichter die Oberhand, und der Pariahund ist schon erledigt, bevor er überhaupt zum Biß kommen kann. Auch einen deutschen Schnauzerl und zwei belgische Schäferhunde habe ich nach Indien gebracht. Sie lebten fünf Jahre und verendeten dann an Krankheiten, die kein Tierarzt festzustellen vermochte.
Nur Fürsten und die Offizierkorps englischer Kavallerie-Regimenter können sich den Luxus erlauben, in den Ebenen den Schakal, so wie den Fuchs in England, mit einer großen Meute zu jagen. Infolge des starken Abganges in den Meuten ist ein sehr bedeutender Nachschub aus England notwendig. Hunde, die in diesen Meuten in Indien geworfen werden, degenerieren sehr schnell. Kreuzungen zwischen englischen Fuchshunden und indischen Rampurhunden ergeben zähe, angriffslustige Parforce-Jagdhunde, doch ohne besonders gute Witterung. Die Kreuzung ist äußerst wild und bissig. Sogar die Pariahunde nehmen Reißaus, wenn eine Meute solcher Hunde durch das Dorf rast.