In Baroda wurde das Treiben meistens von einem Dutzend Elefanten unterstützt, deren Führer auf Trommeln den notwendigen Lärm machten. Zwischen den Elefanten ritten Sowars des Gaekwar und Schikari. Zahllose freiwillige Fußtreiber aus den Bewohnern der Gegend vervollständigten die Treiberkette. Wenn die Jagd gut ist, sind die Jäger gern zu einem Geschenk bereit, und zehn bis zwanzig Rupien — etwa 15 bis 30 Mark — waren damals schon ein fürstliches Geschenk in dieser bettelarmen Gegend. Und dies nicht etwa für einen Mann, sondern für ein ganzes Dorf. Es wird dem „Patel“, dem Dorfältesten, übergeben, der es dann verteilt. Unsere „Kitmagar“ — Diener — verkauften den Leuten billig die hochgeschätzten leeren Sektflaschen, und in allen Fällen wird ihnen das Fleisch mehrerer erlegter Eber zugestanden. Dann ist der „Riot“ — der Ackersmann —, auf dem fast ausschließlich die ganze Steuerlast Indiens liegt, froh in seiner Armut und hat auch für den Sahib, den Herrn, nur gute Worte.

Sobald nun die lange Reihe der Treiber mit ohrenbetäubendem Lärm sich in Bewegung gesetzt hat, wird es überall im Dschungel lebendig. Zunächst kommt alles mögliche Getier zum Vorschein und flüchtet über die offene Strecke ins nächste Gebüsch. Zuletzt erscheint der Eber mit seiner Familie. Die Bachen mit den Frischlingen in Rudeln zu dreißig Stück und mehr machen die Spitze. Dann erst folgt der „gewaltige Eber“, manchmal auch eine vereinzelte Sau.

Nach den Jagdregeln darf eine Sau oder Bache nicht angegriffen werden. Doch auf große Entfernung ist es oft schwer, eine einzelne Sau von einem Eber zu unterscheiden. Es ist daher üblich, daß der an der Spitze jeder Gruppe reitende Führer die Lanze senkt, sobald er einen solchen Irrtum bemerkt. Die Gruppe bricht dann die aufgenommene Verfolgung ab und kehrt zu ihrem Standplatz zurück, um das Ausbrechen eines Keilers abzuwarten.

Sind die Treiber näher an den Rand des Dschungels gelangt, so steigt die Erwartung auf das äußerste. Ein Eber taucht auf. Erst hält er Umschau, und glaubt er die Luft rein, trottet er gemächlich über das freie Feld. Die Reiter, die er in ihrem Versteck nicht bemerkt hat, lassen ihm einen Vorsprung von 400 bis 500 Meter, ehe sie die Verfolgung aufnehmen.

Zunächst muß die Taktik des Ebers festgestellt werden, um ihn an einem Durchbruch nach rückwärts zu verhindern. Die Gruppe der Jäger teilt sich daher, und ein jeder galoppiert, ohne den Eber aus dem Auge zu lassen, seinen eigenen Weg. Jeder von ihnen hat den Ehrgeiz, den Eber zuerst anzunehmen. Der Keiler selbst galoppiert jetzt mit höchster Kraft. Es ist schwer, einen Begriff von der Behendigkeit und Schnelligkeit eines indischen Ebers zu geben. Beides kommt einem erst zu Bewußtsein, wenn man selbst zu Pferde in gestrecktem Galopp ihn an Geschwindigkeit zu übertreffen sucht.

Doch der vorderste und schnellste Reiter hat den Sieg noch nicht in der Tasche. Wird er dem Eber zu gefährlich, so beginnt der Keiler ein verzweifeltes Zickzackspiel, um der Lanze auszuweichen, wechselt plötzlich die Richtung, und bevor das mit dem Aufgebot aller Kraft galoppierende Pferd noch herumgeworfen werden kann, hat schon der rückwärts folgende Reiter Gelegenheit, einen ersten Stich abzugeben. Und nun packt den Keiler die Wut. Er wirft alle Hoffnung auf Sicherheit von sich und ist nur noch der Kampfeber, der sein Leben bis zum letzten Atemzug mit mächtigem Grimme verteidigt und nicht müde wird, immer und immer wieder anzugreifen, bis er den Todesstoß erhält. Dann sinkt er ohne einen Laut zusammen.

Aber nicht jeder Eber ergreift die Flucht, wenn er den Galopp des Verfolgers hört. Es gibt unter ihnen alte, gewitzigte Herren, die schon manchen Kampf bestanden und manche Erfahrungen hinter sich haben. Diese eisgrauen Helden — nach den Jagdregeln darf nie ein Eber unter zwei Fuß Höhe angenommen werden — verstehen, worauf es ankommt. Sie zeigen wenig Lust zum Galoppieren. Sie kennen die Überlegenheit der flinken Pferde. Daher machen sie halt, sobald sie die Angreifer merken, drehen um und gehen selbst sofort zum Angriff über. Mit voller Wucht wirft sich ein solcher Eber dem Reiter entgegen und sucht ihn zu überraschen, in der Hoffnung, das sichere Dschungelversteck wieder erreichen zu können, aus dem ihn dann kein noch so lauter Lärm der Treiber von neuem vertreiben wird.

Sein Angriff muß daher ohne Zögern aufgenommen werden. Er versteht keinen Spaß, erspäht sofort jedes Schwanken, jede Unentschlossenheit des Neulings und weiß blitzschnell, wohin er sich zu werfen hat, um dem Pferd den Leib aufzuschlitzen oder die Fesseln zu zerschneiden. Wehe dem, der zu Falle kommt. Er ist ihm unrettbar verfallen.

Sollte der erste Stich fehlgegangen sein, so muß der Eber ständig umkreist werden, bis man Gelegenheit zu einem neuen Stoß erhält. Dabei ist die Lanze nicht steif in der Hüfte, wie etwa bei der — vergangenen — deutschen Kavallerie, zu halten. Sie wird mit lockerer Schulter und gerecktem Arm geschwungen und mehr wie ein Speer im Abwärtsstoßen gebraucht. Bei der Schnelligkeit, mit der sich ein solcher Zweikampf zwischen Reiter und Keiler abspielt, ist zu einem Zielen nach dem geeigneten Körperteil keine Zeit. Nur Stiche gegen den Kopf müssen vermieden werden, da die Lanze dort abprallen und zersplittern könnte.

So kommt es vor, daß bei dem ersten Angriff die Lanze der Länge nach in die Weichteile des Tieres hineingestoßen wird, dabei im Vorbeigaloppieren der Hand des Reiters entschlüpft und nun zwischen Haut und Fell des Ebers stecken bleibt. Oder der Stoß gelang. Die Lanze steckt fest im Körper des Tieres, das, an dem Reiter vorbei, in entgegengesetzter Richtung davonstürmt. Dabei läßt der Jäger die Lanze nicht aus der Faust. Sie bricht ab, und der Lanzenkopf bleibt in dem verwundeten Keiler stecken.