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GRÖSSERES BILD
Nichts Herrlicheres kann es geben, als an einem frischen, indischen Morgen auf einem Vollbluthengst, der selbst die Jagd liebt, die Lanze in der Faust, zur Jagd auf den wilden Eber aufzubrechen. Der Ritt hinter dem Keiler, der hartnäckige Kampf mit dem wendigen, gelenken Tiere ist mit irgendeiner Parforce-Jagd überhaupt nicht zu vergleichen. Dort fehlt alle Spannung, jede Gefahr, und der Wettstreit zwischen den Reitern, als Erster zum Lanzenstoß auf den wehrhaften Eber zu kommen.
Doch es ist eine Jagd, die nur wenigen in Indien möglich ist. Nur auf Einladung eines Fürsten oder des Offizierskorps eines der vornehmsten Kavallerieregimenter oder aber als Mitglied des Zelt-Klubs — des „tent-club“ — kann man Gelegenheit dazu erhalten. Und Mitglied des Zeltklubs zu werden, ist außerordentlich schwer, ganz abgesehen, daß man den Besitz von wenigstens drei guten, ausdauernden Pferden nachweisen muß.
Denn als erstes und wichtigstes für die Jagd kommt das Pferd in Frage. Es muß so fußsicher sein, wie nur möglich. Das Gelände ist überall stark zerklüftet, uneben, mit Fallen und Löchern besät, besonders wenn die Jagd durch Gestrüpp geht. Das gefährlichste sind die Elefantenspuren, von den schweren Tritten dieser Tiere verursachte, im dichten Gras ganz unsichtbare Löcher, die bis zu zwei Fuß Tiefe haben und die die Elefanten im Dschungel hinterlassen, wenn sie während der Regenzeit zum Grasholen ausgeschickt werden.
Die beste Zeit zur Eberjagd ist die Zeit nach der Ernte, die schon in den Anfang der heißen Jahreszeit fällt. Daher muß man ganz früh aufbrechen, denn nach neun Uhr beginnt die Hitze Mensch und Tier zu erschlaffen. Der Gaekwar von Baroda hielt die Hofjagden von Ende Dezember bis Anfang Februar ab. Während dieser sogenannten kalten Jahreszeit ist es schwieriger, den Eber auf das offene Feld zu bringen, da er sich dann mit Vorliebe in den Dschungeln oder den hohen Baumwoll-, Zuckerrohr- und Getreidefeldern aufhält, aus denen er sich ungern vertreiben läßt. Die Grasdschungel sind große, mit mehr denn zwei Meter hohem, dicht verschlungenen, zu Fuß und zu Pferde beinahe undurchdringlichem Gras bestandene Strecken. Zum Treiben hier eignet sich der Elefant am besten.
In Baroda befanden sich die Eberjagdgründe in der Nähe von Dabkar, unweit der Mündung des Mahiflusses in den Golf von Cambay. Das Gelände dort war mit fast manneshohen, dornigen Büschen besetzt, deren dicke Wurzeln in verschlungenem Gewirr den Boden bedeckten. Man muß ihnen sorgfältig aus dem Wege gehen, und selbst der Eber meidet sie, bieten sie doch auch für ihn natürliche Fallen. Dazwischen stehen vereinzelte Kaktushecken, die die Bauern zum Schutze ihrer Felder vor Wildschaden um die Anpflanzungen ziehen. Sie sind oft bis zwei Meter hoch, und man muß sich hüten, sie als Abschluß eines Jagdgalopps zu wählen. Auch ist verschiedentlich Wasser im Gelände: Bäche, Kanalrinnen, Tümpel und Sumpflöcher. Alle diese Hindernisse tauchen ganz plötzlich auf der Eberjagd auf, und nicht so sehr Vorsicht, als schnellste Entschlossenheit sind erforderlich, sie zu überwinden oder zu umgehen, denn der Eber selbst ist nicht wählerisch in seinem Wege. Einmal aus seiner Ruhe im Dickicht aufgejagt, versucht er zunächst durch dick und dünn nach dem mit Gestrüpp bewachsenen Teile des Jagdgrundes durchzubrechen. Gelingt ihm dies nicht, so schlägt er einen Haken, um, wenn möglich, in dem nächsten Zuckerrohr- oder Baumwollfeld zu verschwinden.
Von den Teilnehmern einer Eberjagd, vielleicht zwölf, wird der erfahrenste zum Jagdmeister — master of the Hunt — gewählt. Seinen Anordnungen ist unbedingt Folge zu leisten. Er teilt die Gesellschaft in Gruppen von je drei Mann, von denen wieder einer zum Führer der anderen beiden bestimmt wird.
Wer mit der Lanze nicht umzugehen versteht, ist für die Jagdteilnehmer wie auch für sein Pferd eine ernste Gefahr. Die Lanze besteht aus einem sehr festen (männlichen) Bambusschaft, auf dem eine haarscharfe Stahlspitze aufgesetzt ist, die in eine dünne Nadel ausläuft. Die Länge hängt von der Größe des gerittenen Pferdes ab. Zum Angehen des Ebers eignet sich am besten eine sieben bis acht Fuß lange Lanze, besonders wenn der Eber angreift, während die kurze Lanze, die oberhalb der Stahlspitze mit Blei beschwert ist, mehr dem wohlgezielten Todesstoße dient. Verliert der Reiter die Lanze, oder zerbricht sie im Kampfe, so bleibt ihm nur übrig, sich von den Treibern eine neue zu holen, denn andere Waffen sind nach den Jagdregeln nicht zulässig.
Es erfordert große Ruhe und Geschicklichkeit, in der ganzen Aufregung der bewegten Jagd richtig mit dieser Eberlanze umzugehen. Einmal habe ich erlebt, wie ein Neuling die Lanze zu Boden gesenkt hielt, ehe er überhaupt an den Keiler heran war. Mitten im Galopp prallte er damit gegen einen harten Gegenstand. Der Schaft brach und das Vorderende schoß aufwärts in den Hinterschenkel des Pferdes, den es bis zum Schweif durchbohrte. Glücklicherweise wurde kein Knochen verletzt, so daß das Tier nach einigen Wochen wieder gesund war.
Sind nun die verschiedenen Gruppen von dem Jagdmeister zusammengestellt, so erhalten sie ihre Plätze in Abständen von etwa einem Kilometer hinter hohen Baumbeständen und Gebüsch angewiesen. In ihrem Rücken liegt die Linie der Treiber, die durch die Dschungeln näherkommen, sobald der Jagdmeister das Zeichen zum Beginn gibt.