Die indischen Pferde — country bred — sind selten gute Eberjagdpferde, außer sie sind von besonderer Zucht, etwa aus einer Kathiawari-Stute von einem englischen, arabischen oder australischen Hengst. Im allgemeinen aber sind diese Mischlinge zu nervös und brechen im entscheidenden Augenblick vor dem anstürmenden Keiler aus.

Unter meinen eigenen Pferden befand sich ein arabischer Goldfuchs, „Foxy“, der in jeder Hinsicht vollkommen war. Er gelangte durch Zufall in meinen Besitz. Als ich zum Einkauf von Poloponies — Polo ist ein in Indien sehr beliebtes Rasenball-Spiel für Reiter, in seinen Regeln dem „Hockey“ verwandt — in Bombay war, machte mich ein mir bekannter englischer Tierarzt auf ein Tier aufmerksam, das, mit einer arabischen Pferdesendung zu Schiff eingetroffen, beim Verladen unglücklich gestürzt war und sich große Abschürfungen an den Knien zugezogen hatte. Ich erwarb Foxy für die Summe von 350 Rupien, etwa 550 Goldmark. Seine Verletzungen heilten bald, und ich ließ ihn vom offiziellen Messer des Poloklubs messen.

Rennpferde

In Indien muß jedes Pony, das in die Polo- oder Rennregister eingetragen werden soll, von dem Beamten des indischen „Turf-Club“ gemessen werden. Ist es nur zwei Jahre alt, so muß die Messung bis zu seinem fünften Jahre jährlich wiederholt werden. Dann gilt es als ausgewachsen. Alles kommt darauf an, daß das Tier nicht höher als 14½ Hand (145 cm) ist. Größere Pferde dürfen nicht mehr an den Rennen und Polowettspielen teilnehmen. Das Maß bestimmt auch die Gewichtsbelastung. Allerhand zum Teil direkt tierquälerische Praktiken werden angewandt, die Pferde so klein wie möglich erscheinen zu lassen. Die Hufe werden bis zur äußersten Grenze beschnitten, so daß das Tier nur unter großen Schmerzen stehen kann. Oder man legt ihnen vor der Messung tagelang schwere Säcke auf oder hindert sie am Schlafen, damit sie, dem Messer vorgeführt, mit eingebogenen Knien stehen und dadurch kleiner erscheinen. Der offizielle Messer ist ebenso unbestechlich wie scharfäugig und kann zur Vergewisserung über die Rennfähigkeit des Ponies einen Probegalopp verlangen. Allzu extreme Täuschungsmittel können also nicht in Anwendung kommen.

Nun maß mein „Foxy“ nur 13½ Hand. Hätte er eine Hand mehr gemessen, wäre seine Belastung im Rennen um 42 (englische) Pfund höher gewesen, was sehr viel ausmacht. Außerdem war Foxy schon fünf Jahre alt, brauchte also dem Messer nicht nochmals vorgeführt zu werden.

Damals, Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, war einer der großzügigsten und reichsten Rennstallbesitzer Indiens der Maharadscha von Patiala. Selbst einer der besten Herrenreiter und Polospieler, war ihm für ein gutes Pferd kein Preis zu hoch. Er war gleichzeitig mit dem Maharadscha von Kapurthala, in dessen Begleitung ich mich befand, 1899 zu den Rennen nach Simla gekommen, wo ich „Foxy“ für alle Hauptrennen hatte nennen lassen, und in denen auch die Pferde des Maharadscha von Patiala liefen. Jedoch „Foxy“ ging stets als erster durchs Ziel, sehr zum Verdruß des Maharadscha von Patiala und sehr zur Freude des von Kapurthala. In Simla gibt es außer Geldpreisen auch noch wertvolle, vom Vizekönig, irgendeinem Gouverneur, dem Höchstkommandierenden oder einem indischen Fürsten gestiftete Pokale.

Der Maharadscha von Patiala legte nun alles darauf an, weiteren Siegen „Foxys“ über die Pferde seines eigenen Rennstalles vorzubeugen und sandte mir seinen Trainer, Scott, einen Australier, um mit mir über den Verkauf „Foxys“ zu verhandeln. Da es mir nicht erlaubt war, zu meinem eigenen Ruhme Pferde und Ponies laufen zu lassen, machte ich mir diese Gelegenheit zunutze und verlangte 20000 Rupien (über 30000 Mark) für das Pferd, welche Summe mir anstandslos bewilligt wurde, denn zwischen den indischen Fürsten herrscht eine unglaubliche Eifersucht auch in den kleinlichsten Dingen. Dem Maharadscha von Patiala war es, ganz abgesehen von seinem eigenen Rennstall, ein unerträglicher Gedanke, daß ein Beamter des Maharadscha von Kapurthala ein Pferd besitze, dem er nichts Gleichwertiges an die Seite stellen konnte. „Foxy“ lief ein einziges Rennen für den neuen Stall — um zum erstenmal geschlagen zu werden.

In der folgenden kalten Jahreszeit wurde ich vom Maharadscha von Patiala zur Eberjagd eingeladen. Eigene Pferde brauchte ich nicht mitzubringen. Da ich aus einem anderen Fürstenstaat kam, stand mir die Auswahl unter den hunderten des Maharadscha frei. Ich erbat mir nun kein anderes Pferd als eben „Foxy“, und wir feierten ein frohes Wiedersehen.

Die Eberjagd, zu der der Maharadscha einen schönen Pokal gestiftet hatte, sollte nach den Regeln des „Tent-Club“ abgehalten werden. 64 Jäger, die Höchstzahl, die teilnehmen darf, werden zu 32 Gruppen zusammengegeben. Ein jedes Gruppenpaar jagt einen Eber. Wer zuerst Schweiß an der Lanze ausweisen kann — mehr braucht der erste Stich nicht zu ergeben —, bleibt in der Jagd, der andere scheidet aus. Der Jagdmeister bestimmt, welches der zusammengelosten Paare den ausbrechenden Eber verfolgt. Ein Schiedsrichter begleitet jede Gruppe. Auch die Art und Weise des Stiches wird durch bestimmte Punktzahlen bewertet. Mit dem ersten Gang scheiden so 32 Bewerber aus; aus dem Rest werden neue Gruppenpaare gebildet und so fort, bis das letzte Paar um den Pokal kämpft.

Der Zufall nun wollte es, daß dieses letzte Paar aus dem Maharadscha selbst und mir bestand. Selbstverständlich ließ ich ihn siegen und damit seinen eigenen Pokal gewinnen, denn wie hätte ich mir erlauben dürfen, über einen Maharadscha zu triumphieren, noch dazu auf seinem eigenen Pferde!