Von dort aus wurde „Mulberry“ zum Verkauf angeboten. Auch ich trat mit dem Oberst in Verbindung, da ich es im Dog-cart gehen lassen wollte. Rennen waren ihm verschlossen und als Wallach kam es für die Zucht nicht in Frage. Ich nahm an, das Tier um wenig Geld erstehen zu können. Während die Verhandlungen noch schwebten, finde ich eines Tages zu meiner Verwunderung in der Kalkuttaer Sportzeitung meinen Namen als Käufer „Mulberrys“ mit einer langen Erklärung, weshalb, wozu und warum ich das Pferd erwerben wolle.
Kurz darauf war ich mit dem Oberst über den Preis handelseinig geworden und wollte einen Stallburschen nach Amballa — nicht so sehr weit von Kapurthala — senden, um „Mulberry“ holen zu lassen, als mir gedrahtet wurde, das Pferd sei einem Schlangenbiß erlegen — ein trauriges Ende für das schnellste Pferd Indiens.
Etwa zwei Monate später war ich in Ägypten und besuchte das Rennen in Alexandrien. Der Sieger im Hauptrennen dort erinnerte mich stark an das so rasch verstorbene Vollblut „Mulberry“, und ich sah mir das Tier etwas genauer an. Ich war sicher, es mit dem toten „Mulberry“ oder aber mit seinem Geist zu tun zu haben.
Als ich nach Indien zurückkam, suchte ich den Herrn Oberst auf. Er wagte zwar meine Behauptung, daß ich „Mulberry“ in Alexandrien gesehen habe, nicht zu bestreiten, versicherte aber, es einem reichen Ägypter verkauft zu haben, mit der ausdrücklichen Bedingung, das Pferd in keinem Rennen laufen zu lassen.
Nun gilt Disqualifizierung durch den Kalkutta Turf Club ebenso wie in Indien auch in Australien und in Ägypten. Um sie zu umgehen, war der Verkauf an mich mit allen Einzelheiten veröffentlicht worden. Dann kam der so glaubhafte Schlangenbiß, der durch meine, eines völlig Unbeteiligten, Vermittlung unter meinen vielen Turf-Bekannten auf völlig unauffällige Weise verbreitet wurde. Der Weg war frei, und der tote „Mulberry“ konnte für den „inneren Ring“ wieder auferstehen, um nach einigen überlegenen Siegen durch Zügelverhalten und ähnliche Leistungen die Taschen seiner unauffindbaren und unbekannten Besitzer zu füllen. Ob der englische Oberst außer Dienst zu ihnen gehörte, konnte ich nicht entscheiden. Und ob ich seine Geschichte glaubte oder nicht, war meine Sache. Aber ändern ließ sich an der Schiebung nichts, es sei denn, ich setzte ganz Indien in Bewegung. „Mulberry“ wäre dann möglicherweise zum zweiten Male gestorben und hätte mir als einziges Beweisstück für meine Behauptung recht gefehlt.
Jockeys
Für alle solche Sachen sind die indischen Jockeys nur allzu leicht zu haben. Englische Berufsjockeys verirren sich recht selten jenseits Suez. Die australischen Bundesbrüder und Berufsgenossen sind zu wenig entgegenkommend. Um ihre eigenen Kreise nicht stören zu lassen, dulden sie nur Australier auf den indischen Rennplätzen. Sie wissen, daß sie sich auf ihre Landsleute aus Australien in allen dunklen Renn-Machenschaften verlassen können! Sollte jemals ein nicht australischer Jockey es wagen, in Indien in den Sattel zu steigen, so scheuen die Braven aus Australien auch nicht vor einem Mord zurück. Im Flachrennen drängten sie einen englischen Berufsgenossen, der es gewagt hatte, nach Indien zu kommen, so an den Hang, daß er mit seinem Pferde zu Tode stürzte. Natürlich konnte man den Übeltätern nichts beweisen.
Eher gestatteten sie noch indische Jockeys als Mitreiter, denn mit ihnen ist immer eine Verständigung möglich. Auch sind sie keine Spielverderber, wenn es sich um einen Gewinn handelt. Dabei machen die Inder keine großen Ansprüche und sind im schlimmsten Falle unschwer einzuschüchtern.
In Bombay und Poona sind von arabischen und indischen Rennstallbesitzern Inder als Jockeys angestellt, meistens Mohamedaner, für arabische Pferde. Doch der Turf-Klub hat stets große Bedenken, einem Inder das Patent als Rennjockey auszustellen. Sie sind stets bestechlich und immer für unlautere Tricks zu haben. Außerdem sind sie Stümper. Sie haben weder den Verstand noch die feinen Nerven, die unerläßlich für einen Rennreiter sind. Vor allem aber haben sie kein Handgelenk. Ihre harte Faust reißt den Pferden viel zu sehr ins Maul.
So ist das indische Rennleben, von welcher Seite man auch mit ihm in Berührung kommen mag, eine recht indische Angelegenheit, erfüllt mit Lug und Trug, mit Intrigen und Geldgier. Mögen sich nun vizekönigliche Sekretäre mit Renngeschäften befassen oder mögen unwissende Inder als gelehrige Schüler bei den durch und durch verrohten Abkömmlingen früher nach Australien deportierter englischer Diebe, Mörder und Totschläger in die Schule gehen.