Wilde Elefanten

Das für Indien besonders bezeichnende Tier ist unzweifelhaft der Elefant. Stolz thront sein Ansehen über dem aller anderen Lebewesen. An keinem Fürstenhofe darf er fehlen. Bei allen Paraden und Prunkvorstellungen spielt er die erste Rolle. Auf seinem Rücken reitet der Herrscher unbeweglich, stolz und würdevoll durch die Menge seiner Untertanen, und in einigen Tempeln Hinter-Indiens wird dem Dickhäuter sogar göttliche Ehre erwiesen.

Mir unterstanden in Baroda über dreißig ausgewählte prächtige Tiere. Der Maharadscha von Kapurthala dagegen hatte nur etwa zwölf Elefanten in seinen Ställen.

Zu Besuch bei dem Maharadscha von Rewa im Gebiete Teraj an den Grenzen von Nepaul hatte ich einmal Gelegenheit, am Einfangen von wilden Elefanten mit Hilfe zahmer Jagdelefanten teilzunehmen. Trotzdem ich an Jagdstrapazen aller Art gewöhnt war und gern jede sportliche Möglichkeit benutzte, so würde ich es mir sehr überlegen, diese besondere Art von Jagd nochmals zu unternehmen.

Durch Treiber war eine Herde wilder Elefanten ermittelt worden. Es kam nun darauf an, ein besonders starkes, mit vollen Stoßzähnen versehenes Tier von der Herde zu trennen. Sechs von „Mahout“ — Elefantenführern — geführte zahme Tiere stehen bereit, den von seinen Gefährten abgetrennten wilden Elefanten einzuholen und einzukreisen. Es muß gelingen, ihn von allen Seiten so einzuschließen, daß er zwischen den Leibern und Stirnen der anderen wie eingemauert steht und trotz allen Widerstandes dorthin gebracht werden kann, wo man ihn haben will.

Auf dem Rücken der zahmen Elefanten liegt nur eine dünne Matte, notdürftig mit ein paar Seilen befestigt. Mehr hängend als sitzend befinden sich je zwei der Jäger, denen ich mich zugesellt hatte, auf jedem Elefanten und führen als einziges Jagdwerkzeug Ketten und Stricke mit.

Das Tier, auf dem ich voller Spannung Platz genommen hatte, war eins der besten und schnellsten aus dem Stalle des Maharadscha von Rewa. Das durch die Treiber von der Herde abgesonderte Tier wurde von unseren sechs zahmen Elefanten in weitem Abstande umstellt. Und nun begann die Jagd. Der wilde Elefant bot alle seine Schnelligkeit auf, die die eines galoppierenden Pferdes übertrifft, und raste davon. Gebüsch, Bäume, Sträucher knickten wie Streichhölzer vor ihm zusammen. Ohne jedes Besinnen brach er sich durch das Dschungel Bahn. Unsere Tiere, aufgeregt und voll Eifer, jagten in gleichem Rasen hinter ihm her, suchten ihm den Weg abzuschneiden, stürmten durch peitschende Zweige, abgerissene Äste, splitternde Bäume dem wilden Bruder nach.

Wie von der brausenden Hand des Sturmes gepackt, schwankten wir auf dem Rücken unseres Tieres durch das Dschungel, über offene Stellen, durch Gebüsch und Baumbestand. Von Sitzen oder Liegen ist keine Rede. Mühsam, mit dem Aufgebot aller Energie, hielt ich mich krampfhaft an irgendeinem der dicken Stricke geklammert, welche die Matte auf dem Rücken des galoppierenden zahmen Elefanten befestigten. Im Freien, in „höchster Fahrt“ schwankte er wie ein Fischkutter im Nordseesturm. Nur nicht loslassen! Bald wurde der Körper nach oben geworfen, wenn man an irgendeinem Baume einen Ast streifte, bald fiel man in plötzlichem Sturze an der Seite des Elefanten hinab, um im nächsten Augenblick wieder nach oben geworfen zu werden. Jetzt verfing sich ein Zweig unter dem Kinn und riß einem fast den Kopf ab. Dann wieder schwamm man, nur die Hände an dem Strick festgeklammert, in einem grünen Blättermeer, das einen über den Rücken des Elefanten hob, um irgendwie wieder darauf zurückzufallen. Und ständig schwebte mir dabei die Gefahr vor Augen, an irgendeiner abgebrochenen Astspitze aufgespießt, zwischen dem Leibe des mächtigen Tieres und einem Baumstamm wie eine Fliege zerquetscht oder bei irgendeiner Wendung ganz oder teilweise zerschmettert zu werden.

Und diese Hetzjagd auf den wilden Elefanten dauerte über eine Stunde; eine Stunde, wohl die längste meines irdischen Daseins, in der ich zu jeder Sekunde, ohne daß der dahinstürmende zahme Elefant es auch nur bemerkt haben würde, das Leben verlieren konnte, und das auf Arten, die selbst den überzeugtesten Selbstmordkandidaten einiges Bedenken einflößen dürften.

Endlich waren wir an den wilden Elefanten herangekommen. Wie auf Kommando lenkten die zahmen auf ihn ein, umringten ihn von allen Seiten und drängten ihre Leiber hart an den seinen. Starr und gewaltig wie Felsen schlossen die sechs riesigen Tiere des Maharadscha von Rewa ihren nicht minder mächtigen Bruder ein. Die eingeborenen Jagdgehilfen glitten zur Erde. Hin und her schwankte der Block der sieben Elefantenleiber. Wie sehr auch der Eingeschlossene drängte, sich zu befreien, die Zahmen hielten unerschütterlich stand. Zwischen den Beinen der Tiere arbeiteten die Gehilfen mit Ketten und Stricken, um die Füße des wilden Elefanten zu binden. Als dies geschehen war, wurde er langsam bis nach dem „Kedah“ — der Umzäunung — geschoben und dort bis zu seiner völligen Unterwerfung an einen starken Baum gefesselt.