Diese Stunde Elefantenhetze werde ich nie vergessen. Mein Anzug war selbstverständlich nur noch eine Erinnerung. Die Haut hing mir in Fetzen vom Gesicht, von Händen und Armen, und ich weiß nicht, von wieviel anderen Körperstellen. Ich blutete aus allen möglichen Rissen und Schrammen, und die blaue Oberfläche des Restes meines Körpers ließ nur an einzelnen Stellen erkennen, daß ich noch immer der weißen Rasse angehörte. Doch ich hatte festgehalten! Daß im wilden Dahinstürmen mir manchmal die Arme fast aus den Schultern gerissen worden waren, war mir gar nicht zu Bewußtsein gekommen. Ich hatte festgehalten! und fragte mich voller Freude, wieviel Weiße wohl jemals eine solche Urwaldfahrt mitgemacht haben mochten?

Die eingeborenen Jäger hatten wohl auch Verletzungen, Risse und Schrammen erhalten, doch viel weniger als ich. Ihre größere Geschicklichkeit, sich den Bewegungen des Elefantenkörpers anzupassen, gestattete ihnen, den Zweigen und Ästen leichter aus dem Wege zu gehen, indem sie sich, dicht an den Hals und Rücken des Dickhäuters geschmiegt, fest an ihn klammerten.

Zahme Elefanten

Der gezähmte Elefant im Stalle ist dagegen im normalen Zustande, das heißt, wenn er nicht krank oder in Aufregung ist, das ruhigste und friedlichste Tier, das man sich denken kann. Die den Elefantenwärtern, den „Mahout“, zugeteilten Jungen treiben die ganze Elefantenherde der Stallungen mühelos auf die Weide, wo sie die Tiere meistens sich selbst überlassen und ihre Zeit mit Spielen und Schlafen verbringen, bis die Herde abends wieder zurück in die Ställe muß.

Die Elefanten, die große Liebhaber von Zuckerrohr sind, beobachten die ganze Zeit über verstohlen ihre jugendlichen Hüter, um sich, sobald sie glauben, dies unbemerkt tun zu können, einer nach dem anderen vorsichtig „seitwärts in die Zuckerrohrbüsche“ zu schlagen. Sie sind aber viel zu klug, um dort zu bleiben, sondern fassen mit dem Rüssel nur so viel Zuckerrohrpflanzen, wie sie erraffen können, und beeilen sich, wieder mit der unschuldigsten Miene auf die Weide zurückzukehren. Wenn einer der Jungen den Elefanten auf seinem verbotenen Ausflug abfaßt, so läuft er mit viel Geschrei hinter ihm her, ruft ihm aus der in den indischen Sprachen so ausgebildeten Schimpfwörtersammlung die schönsten zu und schwingt weiter nichts als eine kleine Gerte, deren Hieb das Tier überhaupt nicht fühlen würde. Schuldbewußt macht der riesige Dickhäuter kehrt und eilt, seinen Platz auf der Weide wieder einzunehmen, von dem neben ihm winzigen Hütejungen angetrieben, den er, wenn er wollte, wie ein Insekt zertreten könnte.

Wenn nun auch der zahme Elefant im allgemeinen das gutmütigste und folgsamste Tier ist, so wird er unter gewissen Umständen doch zur rachsüchtigsten und gefährlichsten Bestie der Welt. Auch den in zu hohem Alter eingefangenen Elefanten ist nicht immer zu trauen, und es gibt selbst nach jahrelanger Abrichtung und Eingewöhnung bösartige und faule unter ihnen. Manche haben auch auf der Jagd eine unheilbare Verletzung erlitten, die sie dauernd in einer hochgradigen Reizbarkeit hält und zu jeder Beschäftigung unbrauchbar macht. Ich hatte im Staatsstall zu Baroda einen Elefanten, dem ein Tiger auf der Jagd das Ende des Rüssels abgebissen hatte. Seitdem war er nicht mehr zu benutzen. Jahraus, jahrein blieb er angekettet. Das Futter wurde ihm an einer langen Stange ins Maul geschoben, sonst wäre er verhungert. Doch trotz seiner Verstümmelung war er stets zum Kämpfen bereit und war an Gestalt und Kraft eins der stärksten Tiere des Stalles, das zu meiner Zeit kein Gegner in den Zweikämpfen bezwingen konnte, die an indischen Höfen zwischen Elefanten veranstaltet werden.

Dem gesunden Tiere kommt die Lust zum Kampfe nur in der Paarungszeit, die nicht vor dem vierzigsten Jahre eintritt. Man erkennt das Herannahen dieses Zustandes an einer wässerigen Flüssigkeit, die aus einem kleinen Riß zwischen Ohr und Auge zu sickern beginnt. Sobald dies bemerkt wird, muß der Elefant aus dem Stalle entfernt, muß in „Schutzhaft“ genommen werden, denn es überkommt ihn dann eine Art von Raserei, die man bei dem sonst so klugen und ruhigen Tiere fast als temporären Irrsinn ansprechen könnte. Der Elefant erkennt dann seinen eigenen Wärter nicht mehr. Zur Verhütung von Unfällen muß er fest angeschlossen werden, und sein Futter wird ihm auf einer langen Gabel gereicht. Von selbst nimmt er nichts zu sich.

In einem so großen Stalle, wie dem zu Baroda, tritt es öfter ein, daß mehrere Tiere zu gleicher Zeit „mousty“ werden, wie der Inder diesen Zustand nennt. Um sie für das Schauspiel eines Elefantenzweikampfes zur Hand zu haben, werden sie an einen der großen Bamiabäume, die überall gepflegt werden, in der Nähe der für diese Schaustellungen bestimmten Arena gefesselt.

Soll ein solcher Zweikampf zwischen den Tieren stattfinden, so werden sie mit gelockerten Ketten, die es ihnen gestatten, mit Vorder- und Hinterfüßen kurze Schritte zu machen, in die Arena getrieben, wobei der Wärter in respektvoller Entfernung von dem Rüssel bleibt. Die hölzernen Riegel der Tore werden vorgeschoben und, an die Mauer gelehnt, stehen sich die Gegner auf etwa 200 Schritt gegenüber. Schmale Öffnungen in der aus starken Holzplanken bestehenden Umzäunung, durch die ein Mann gerade noch schlüpfen kann, gestatten, sie von den letzten Fesseln zu befreien. Sobald die Tiere dies fühlen, stürzen sie zum Angriff. Mit lautem Krachen prallt Stirn gegen Stirn. Und schon ist über die Kräfteverteilung entschieden. Der Besiegte sinkt halbbetäubt in die Vorderknie. Kurze Zeit liegt er so unbeweglich, während der Sieger sich bemüht, ihm die Stoßzähne in die Seite zu bohren. Schwer verletzen kann er ihn nicht, denn die Spitzen der Zähne sind abgesägt.

Und ehe er in seiner blinden Kampfwut wirklichen Schaden anrichten kann, springen die Wärter mit ihren Gehilfen — jeder Elefant hat einen Mahout und etwa acht bis zwölf Diener — auf das Kampfpaar zu, schießen an lange Bambusstöcke befestigte Raketen vor ihren Köpfen ab und trennen so den Sieger von seinem unterlegenen Gegner. Die behendesten schlüpfen ihm zwischen die Beine und lähmen seine Bewegungen durch das Anlegen von breiten Ringen, die innen mit scharfen Eisenspitzen versehen sind, bis es gelingt, die Hinterfüße in Ketten zu legen.