Ihre Hauptträger sind überall die herrenlosen Pariahunde, die in unzähligen Mengen die Straßen jeder Stadt und jedes Dorfes bevölkern. Außer den Bauris, der verachteten Kaste, aus der die Hindu-Schikari stammen, und den kastenlosen Straßenfegern, tötet kein Hindu einen von Tollwut befallenen Hund.

Die Tiere infizieren sich an dem Unrat, den sie fressen, oder sie werden von Schakalen gebissen, unter denen diese Krankheit wohl deshalb so verbreitet ist, weil sie sich fast ausschließlich von Aas nähren.

Im April, dem Beginn der heißen Jahreszeit, tritt die Krankheit am stärksten auf. Die erkrankten, um sich schnappenden Tiere laufen durch die Menge der nur dünn bekleideten Eingeborenen und beißen naturgemäß eine ganze Anzahl. Da der Biß oft nur eine leichte, kaum schmerzhafte Rißwunde hinterläßt, beachtet die unglaubliche Stumpfsinnigkeit des Inders ihn nicht weiter, bis nach einiger Zeit die Krankheit zum Ausbruch kommt. Die britische Regierung hat wohl seit verschiedenen Jahren schon Anstalten für das Pasteursche Heilverfahren in Indien errichtet, doch die Inder, besonders die abseits der Städte wohnenden glaubens- und kastenstrengen Landbewohner, suchen sie selten auf. Schon einen Kranken ins Krankenhaus zu bringen ist schwer. Er schreckt vor den unbekannten Gefahren der Eisenbahnfahrt zurück. Seine Familie und Kastengenossen raten ab. Die Priester sind dagegen. Jeder fürchtet das Teufelswerk der Einspritzungen. Auch gibt es ja den „Garun ke Hakim“ — den Dorfdoktor —, der alles weiß! Er ist dagegen. Er weiß sicherlich, was zu tun ist. Und da er keine große Meinung von der Kunst der weißen Ärzte hat — und dies aus guten und für ihn sehr wichtigen Gründen —, so weiß er die Kranke zu bestimmen, sich seiner Geschicklichkeit anzuvertrauen. Soll man an der Tollwut sterben, so ist es eben so bestimmt. Weshalb sich gegen das Schicksal auflehnen?!

Unbekümmert über die religiösen Anschauungen seines Volkes, wenn es sich um seine eigene Person handelte, gab mir der Maharadscha von Kapurthala, der sehr große Angst vor der Hydrophobia, der Tollwut, hatte, unbeschränkte Schießerlaubnis gegen die Pariahunde innerhalb und außerhalb der Stadt. Auch erteilte er mir den Auftrag, durch die Bauri möglichst stark unter den Pariahunden in Kapurthala aufräumen zu lassen, ganz gleich, ob toll oder nicht. Sie wurden mit Knüppeln totgeschlagen, und für jede eingelieferte Schwanzspitze wurden zwei Anna, oder 30 Pfennig, gezahlt, so viel, wie für eine unter Wasser erstickte Ente.

Doch man konnte noch so viele töten. Die Schwanzspitzen der erschlagenen Köter konnten sich zu Haufen türmen, der Hunde in Kapurthala wurden nicht weniger. Ihre Vettern vom Lande strömten, die Gefahr nicht achtend, in Scharen herbei, um die Lücken in der Menge der Stadthunde aufzufüllen.

Dazu kam die Unredlichkeit und die vollständige Verständnislosigkeit des mit der Rechnungsführung betrauten Beamten, der auch die Prämien auszahlte. Obgleich er ein orthodoxer Hindu war, denen das Töten jedes lebendigen Wesens verboten ist, nahm er keinen Anstand, sich an dem Hundemord in Kapurthala, den der Maharadscha befohlen hatte, „gesund zu machen“.

Auch einer meiner „Tschaprassi“ — Torhüter — wurde im Schlafe vor seiner Türe von einem tollen Hunde gebissen. Ich versuchte alles, ihn zu bewegen, nach der nächsten Pasteurstelle in Dalhousie im Himalaja zu gehen. Er weigerte sich aber hartnäckig, seinen Posten zu verlassen, der zwar von keiner großen Bedeutung war und ihm viel Zeit zum Schlafen ließ, den er aber seit Jahren zu meiner Zufriedenheit ausgefüllt hatte. Da er der Kaste der Brahminen angehörte, einer höheren Kaste, ließ er sich von seinem „Hakim“ behandeln mit dem selbstverständlichen Erfolge, daß er eines Morgens zu mir kam — die kleine Bißwunde war längst verheilt — und mir sagte, er habe ständig einen unwiderstehlichen Drang zum Beißen, und bitte mich, sich auf sein Bett legen zu dürfen. Als ich ihm dies gestattet hatte und ihn, vielleicht eine Stunde später, aufsuchte, fand ich ihn, von seinen Kameraden, die wohl ahnen mochten, was bevorstand, so auf seinem Bett festgebunden, daß er sich nicht bewegen konnte. Als ich zu ihm trat, war die Tollwut eben ausgebrochen, Schaum stand ihm vor dem Munde. Er gab kurze, bellende und knurrende Laute von sich, fletschte mit den Zähnen, kurz, bot einen grausigen Anblick.

Von Zeit zu Zeit kehrte das Bewußtsein zurück, und er erkannte mich. In einer solchen Pause bat er mich um irgendeinen Gegenstand zum Hineinbeißen, und ich ließ ihm ein Säckchen mit Kokosfasern zwischen die Kiefern schieben, in das er sich festbiß. Gegend Abend war er tot.

Und wie er, sterben jährlich viele Tausende in Indien; aus Stumpfsinn, Unwissenheit und, für uns, lächerlichen Vorurteilen. Nichts vermag diese Leute zu rationellen Heilmethoden, die ihnen auf allen Seiten zu ganz geringen Sätzen, oft sogar umsonst, von der anglo-indischen Regierung geboten werden, zu bekehren.

Als die Beulenpest Indien mehr als dezimierte, gab es unter den über dreihundert Millionen Eingeborenen sicherlich kein halbes Prozent, das sich impfen oder von weißen Ärzten behandeln ließ.