Eitelkeit

Er wurde deshalb auch von der englischen Gesellschaft recht nachlässig behandelt, ausgenommen man konnte sich auf seine Kosten bereichern. Großen Verdruß bereitete es ihm jedoch stets, wenn, was oft geschah, ein eingebildeter junger englischer Leutnant in Gegenwart aller Eingeladenen mit dem Hut auf dem Kopf auf ihn, den hohen indischen Fürsten, zutrat und ihm mit einem nachlässigen: „How do you do, Rajah?“ (Wie steht’s Radscha?) die Hand schüttelte. Dschagatdschit Singh empfand dies stets als einen groben Schimpf und fühlte sich schwer beleidigt. Wenn er mir dann des langen und breiten sein Leid klagte und ich ihm riet, doch bei der ersten Gelegenheit ein so ungehöriges Benehmen zurückzuweisen, so nahm er sich wohl stets vor, meinen Ratschlag zu befolgen, ohne doch auch nur einmal den Mut dazu aufbringen zu können.

Eine Staatskarosse

Um in dieser Hinsicht den Engländern möglichst gleichzukommen und sie, oder wenigstens doch seine Standesgenossen, zu übertreffen, war dem Maharadscha von Kapurthala nichts zu teuer. Teilweise aus diesem Grund und dann auch, um dem Kaisar-i-Hind zu beweisen, wie sehr er der britischen Regierung ergeben sei, sandte er mich einige Monate vor den Krönungsfeierlichkeiten des Königs Eduard VII. nach Paris, um dort eine dem Ansehen seiner Würde entsprechende Staatskarosse zu erstehen, die während der Abhaltung des Krönungs-Durbar alle anderen an Glanz und Pracht übertreffen sollte. Er gab mir den Auftrag, besonders darauf zu achten, daß mit dem Anbringen des fürstlichen Wappens, das oben eine siebenzackige Krone hatte, nicht gespart würde. Dieses Wappen sollte, in besonders großen Schildern, an allen dazu geeigneten Plätzen an dem Wagen wie am Geschirr angebracht werden. Ich ließ diesen Wagen in Paris bei der Firma Rothschild bauen, und das Gefährt fiel zur vollsten Zufriedenheit aus. Es übertraf in der Tat alle anderen Wagen durch seine elegante und geschmackvolle Ausstattung. Nebenbei hatte mir der Maharadscha noch einen Auftrag erteilt. Mit Hilfe eines ihm befreundeten Marquis, der zur Zeit als Vize-Präsident dem Concours hippique vorstand, sollte ich vier oder sechs Pferde zur Bespannung der neuen Staatskarosse kaufen. Diese Pferde sollten ebenfalls etwas ganz Außergewöhnliches sein, etwas, was man in Indien vorher noch nie gesehen habe.

Nun hätte ich auf Grund meiner langjährigen Praxis in Pferdesachen sehr wohl meinen eigenen Erfahrungen in der Auswahl von geeigneten Pferden, die dem verräterischen Klima Indiens zu widerstehen vermochten, vertrauen dürfen, um das richtige Material auch ohne Hilfe ausfindig zu machen. Seine Hoheit der Maharadscha glaubte aber, daß seine Beziehungen zu der französischen Aristokratie so intim und herzlich seien, daß er dabei in ganz freundschaftlicher und uneigennütziger Weise beraten werden würde. Ich fand aber bald heraus, daß der französische Marquis in Sachen Pferdehandel auch nicht besser war, als die verschiedenen englischen Lords, die sich mit derartigen Geschäften abgeben. In seinem Klub am Place de la Concorde gab er mir zu verstehen, daß man dort, wo Pferde in Betracht kämen, weder den eigenen Vater noch die eigene Mutter, noch die Geschwister schonen dürfe, um wieviel mehr wäre es daher selbstverständlich, daß ein so reicher Mann wie der Maharadscha daran glauben müsse! Folglich müßten wir unbedingt an dem Geschäft 50% als Provision verdienen, das heißt, diese Summe auf den wirklichen Kaufpreis aufschlagen. Da ich Befehl hatte, die von dem Maharadscha gewünschten Pferde unbedingt mit diesem Herrn zusammen zu kaufen, und keinen Grund sah, den Moralisten zu spielen, ging ich auf seinen Vorschlag ein, war aber fest entschlossen, dem Maharadscha von dem Überpreis nach meiner Rückkehr Kenntnis zu geben. Der Kauf kam denn auch zustande, und sechs gewaltige Apfelschimmel der Percheron-Rasse, die in Indien noch nie eingeführt worden war, kamen zur Verschiffung. Mit dem edlen Marquis teilte ich die Provision, die für jeden dreitausend Franken ausmachte.

Als ich, in Kapurthala angekommen, dem Maharadscha Bericht über den abgeschlossenen Pferdekauf erstattete und ihm die 3.000,— Franken, die mir in Paris ausbezahlt worden waren, auf den Tisch legte, war er aufs Tiefste entrüstet,; nicht über die Gaunerei seines Freundes, sondern, daß ich mir erlaubte, über einen so hochstehenden Herrn ihm etwas Derartiges mitzuteilen. Wahrscheinlich, äußerte er, wäre ich als Deutscher gegen die so außerordentlich ritterliche und hochstehende Nation der Franzosen gehässig gesinnt und habe deshalb versucht, seinen aristokratischen Freund in dieser Weise bei ihm in Mißkredit zu bringen. Seine Entrüstung ging so weit, daß er sich absolut weigerte, die fraglichen 3.000,- Franken zurückzunehmen, und ich hatte unter solchen Umständen keinen Grund, sie nicht zu behalten.

Der Galawagen, die Pferde und das Geschirr landeten wohlbehalten in Kapurthala. Da die Pferde die lange Überfahrt gut ausgehalten hatten — denn 4 bis 5 Wochen auf dem Dampfer in enge Boxen eingepfercht, verlangen eine wirkliche „Pferdenatur“ —, hatte ich schon Hoffnung, daß die Tiere sich doch vielleicht an das ungesunde indische Klima gewöhnen möchten. Jedoch war dies leider nicht der Fall; trotz aller Pflege und Vorsicht waren alle sechs nach zwei Jahren eingegangen.

Der Wagen und das Gespann indessen bereiteten beim Krönungs-Durbar in Delhi dem Maharadscha sehr große Freude. Sein Wagen wurde ganz allgemein als der schönste und eleganteste des ganzen Zuges anerkannt. Doch die Freude war nicht von langer Dauer. Der allmächtige britische Sirkar führte sich in vieler Hinsicht dem indischen Fürsten gegenüber oft recht kleinlich, ja sogar kindisch auf. Der geringste Verstoß gegen eine der bestehenden Verordnungen, oder eine Überschreitung der den Vasallenfürsten zustehenden Rechte, wird von einem engherzigen Vizekönig oft als ein Staatsverbrechen angesehen, und der „Schuldige“ wie ein dummer Junge bestraft.

Nun war in diesem Falle die Führung einer siebenzackigen Krone am Wagen, am Geschirr und auf den Uniformen der reitenden Kutscher und der hintenauf stehenden Diener ein Verstoß gegen die vizeköniglichen Vorschriften. Sie gaben Anlaß zu langwierigen Beratungen im vizeköniglichen Staatsrat. Schon nach der ersten Galaausfahrt des Maharadscha in seiner prunkvollen Staatskarosse traf tags darauf eine Mahnung vom Gouverneur der Provinz Pundschab ein, in der mitgeteilt wurde, daß ihm „nur fünf Zacken“ an der Krone zuständen und er daher in Zukunft davon abzusehen habe, den am Tage vorher benutzten Wagen nochmals auf britischem Gebiet in Gebrauch zu nehmen. Dschagatdschit Singh, der sich diesen Wagen besonders hatte machen lassen, um den britischen Machthabern seine unfehlbare Ergebenheit durch Glanz und Pracht bei den Krönungsfeierlichkeiten zu beweisen, war trostlos, in einer so schroffen Art und Weise abgefertigt zu werden. Selbstverständlich war es unmöglich, ohne den Wagen und das Geschirr gänzlich zu ruinieren, die Ärgernis erregenden überzähligen Zacken an den Kronen zu entfernen. So war er denn gezwungen, von seiner alten Staatskalesche Gebrauch zu machen und die neue nur in den Grenzen seines eigenen Landes zu besteigen.

Maharadscha