Der Maharadscha von Kapurthala war einer der ersten Fürsten, der sich einen Kraftwagen kaufte. Als er dieses damals in Indien noch unbekannte Gefährt einem der alten Schule angehörenden Bruderfürsten, dem Radscha von Nabha, zeigte und ihn zu einer Spazierfahrt einlud, gab ihm dieser mit Abscheu zur Antwort, wie er, Dschagatdschit Singh, sich nur soweit vergessen könne, das Pferd, das edelste und dem Menschen treueste Tier, soweit zu verachten, um in einem solchen Scheusal von Karren in der Welt herumzufahren. Er, Nabha, ziehe es vor, seinen Palankin zu benutzen, denn wenn er irgendwo hingelangen wolle, so nehme er sich nicht nur, sondern er habe auch die dazu nötige Zeit. Niemals solle ein Radscha seine Würde durch Eile erniedrigen. Der Radscha von Nabha hatte noch nie einen Eisenbahnzug bestiegen. Wenn er Reisen auf größere Entfernung unternahm, so stand ihm die Wahl frei, auf einem Elefanten zu reiten, sich in einem Palankin tragen zu lassen oder in einem von Pferden oder Ochsen gezogenen Wagen den Weg zurückzulegen. Dieser alte Fürst war einer von denen, die nicht geneigt sind, sich um Haaresbreite der abendländischen Kultur zu nähern. Er galt deshalb auch bei den Engländern als besonders loyal und stand aus diesem Grunde in hohem Ansehen.
Ein Gegenstück zu ihm war der schon in einem der vorhergehenden Kapitel erwähnte Maharadscha von Patiala. Als ich einst bei ihm zu Besuch war, frug er mich, was denn eigentlich sein Bruderfürst von Kapurthala daran finde, so oft nach Europa zu reisen? Ihm scheine es, als ob er dort nur Gelegenheit zu Abenteuern mit weißen Frauen suche. Natürlich war es meine Pflicht, das Ansehen meines Fürsten zu verteidigen, wobei ich dem Maharadscha von Patiala vorschlug, doch selbst einmal Europa aufzusuchen, wo es Anregung und Sport und allerlei Veranstaltungen gäbe, die Indien nicht biete.
„Ja,“ erwiderte mir der Maharadscha, „wie Sie ja selbst wissen, Captain, besitze ich hier in meinem Heimatlande alles, was das Herz eines Sportsmanns nur wünschen kann. Ich habe die beste Jagd der Welt, die schnellsten Rennpferde, den anerkannt vorzüglichsten Polo team und in meiner Zenana die schönsten Frauen. Warum soll ich dieses Paradies verlassen, um mich ins Ungewisse zu begeben?“
Als ich ihm auseinandersetzte, daß, ungeachtet aller dieser Vorzüge, er als Sportsmann in Europa doch mehr sehen und lernen könne, als in Indien, und daß sich ihm auf alle Fälle doch auch Neues bieten werde, was von Interesse für ihn sei, gab er mir zur Antwort:
„Sie mögen ja recht haben, aber eben deshalb, weil es mir in Europa vielleicht zu gut gefallen würde, wage ich es nicht, die Reise zu unternehmen. Es könnte mir einfallen, mich nicht mehr davon zu trennen. Ich kenne meine eigene Schwäche. Jedoch die Schmach, nicht mehr in mein Land zurückzukehren, will ich weder meiner fürstlichen Würde, noch meinen Untertanen zufügen, und deshalb unterlasse ich es, mich nach dem mir so oft geschilderten, gelobten Lande Europa zu begeben.“
Leider ist dieser vortreffliche Sportsmann, trotz seiner guten Vorsätze, nicht lange darauf an den Folgen seiner indischen Ausschweifungen gestorben.
Daulet Ram
Unter den an den eingeborenen Fürstenhöfen diensttuenden Beamten sind die mit den Finanzgeschäften der Fürsten betrauten Minister wohl die einflußreichsten. Diwan Daulet Ram, wie der diese Stellung in Kapurthala bekleidende Herr hieß, hatte es verstanden, sich dem Maharadscha unentbehrlich zu machen. Schon sein Vater hatte den Posten vor ihm inne gehabt. Auch hatte die Familie besonderen Anspruch auf das Wohlwollen des Fürsten, weil der Vater Daulet Rams Dschagatdschit Singh mit zu seinem Aufstieg auf den Thron verholfen hatte. Er war es gewesen, der seinerzeit mit dem Steueraufseher, dem wirklichen Vater des Maharadscha, den Übergabevertrag abgeschlossen hatte.
Als junger Mann hatte Daulet Ram einige Jahre in England studiert und dort das juristische Examen bestanden. Neben dieser Errungenschaft der Zivilisation hatte er sich, wie üblich, alle schlechten Eigenschaften des Abendlandes angeeignet, ohne doch die mannigfaltigen Laster des Orients abzulegen. Nach dem Tode seines Vaters wurde ihm vom Maharadscha der verantwortungsreiche Posten des Diwan (Hoffinanz-Minister) übertragen, wozu ihn seine Ausbildung in England besonders befähigte. In europäischer Gesellschaft benahm er sich wie ein englischer Gentleman, was einen ganz besonders großen Eindruck auf den Maharadscha ausübte, bei dem er daher auch in sehr hoher Gunst stand. Die Richtschnur seines Tun und Denkens bestand darin, keine Rupie aus dem fürstlichen Schatz auszugeben, ohne daß ein guter Teil davon den Weg in seine eigene Tasche fand. Um diesem Prinzip ständig treu bleiben zu können, wandte er alle denkbaren Mittel an, wobei er vor keiner noch so unehrlichen Art und Weise zurückschreckte, wenn es ihm nur gelang, dieser Lebensregel gemäß zu leben.
Als der Maharadscha die erste Reise nach Europa unternahm, zeigte sich der Fürst sehr freigebig, oft sogar verschwenderisch. Da Daulet Ram während dieser Reise das Amt des Zahlmeisters innehatte, so kam er bedeutend reicher nach Indien zurück, als er es verlassen hatte. Unterwegs jedoch war der Maharadscha von den ihn begleitenden englischen Offizieren auf die sehr unverständlichen hohen Ausgaben aufmerksam gemacht worden, wie sie die Hotelrechnungen aufwiesen. Er beschloß infolgedessen, die ihm von Daulet Ram vorgelegten Belege, besonders die Hotelrechnungen, etwas genauer zu prüfen. Doch Daulet Ram kannte ganz genau die schwache Seite seines Herrschers und ließ sich in seinen Bereicherungsabsichten dadurch nicht beirren noch beeinträchtigen. Er wußte, daß der Fürst vom Addieren keine Ahnung hatte. Daher richtete er es mit dem Direktor oder Kassierer des Hotels, in dem die Gesellschaft für längere Zeit Aufenthalt genommen hatte, auf folgende Weise ein: außer der richtig stimmenden Rechnung wurde jedesmal noch eine zweite, zugunsten Daulet Rams falsch zusammengerechnete ausgestellt, die für den Maharadscha bestimmt war. Auf dieser letzteren wurden etwa 40-50% aufgeschlagen. Um aber ja den Verdacht des Maharadscha einzuschläfern oder abzulenken, standen unter dieser Rechnung als „Extra“ ein oder zwei Soupers mit verschiedenen Flaschen Sekt, und dies so, daß sie dem Maharadscha bei der Durchsicht besonders in die Augen fallen mußten. Der Zweck dieser „Extras“ war, daß der Fürst daran Anstoß nehmen und der großen, falsch zusammengezählten Summe keine Beachtung schenken solle. Wurde nun der Sekretär über die Extras zur Rede gestellt, so entschuldigte sich Daulet Ram damit, daß die Summe auf seine Privatrechnung hätte geschrieben werden müssen, und durch ein Versehen der Hotelleitung auf die Rechnung des Maharadscha gekommen wäre; er werde sofort die nötigen Schritte unternehmen, um die Umbuchung ausführen zu lassen. Der Maharadscha, stolz auf seine Schlauheit, dieser Unregelmäßigkeit auf die Spur gekommen zu sein, erklärte, daß er nicht mehr als die Hälfte der Ausgaben für derartige Schlemmereien seines Gefolges bezahlen werde, da er vorher nicht um Erlaubnis gefragt worden sei. Die andere Hälfte müßten die, die an dem Gelage teilgenommen hätten, aus ihrer eigenen Tasche begleichen.