Da nun diese Extras sowieso nur fingiert waren, kam es Daulet Ram und seinen Genossen nicht darauf an, nur die Hälfte dieser Beträge, außer den 40-50% der Überaddition, einzustecken. Der begleitende englische Offizier sah bald ein, daß es sein Dasein in keiner Weise verschönere, wenn er sich mit der ihm übrigens gar nicht zustehenden Kontrolle der fürstlichen Ausgaben beschäftigte, und unterließ es in Zukunft, dem Maharadscha in dieser Hinsicht Vorhaltungen zu machen.

Doch nicht nur aus den Hotelrechnungen erwartete Daulet Ram einen Zufluß in seine eigene Tasche zu finden. Überhaupt sollten alle Ausgaben des Fürsten für ihn tributpflichtig gemacht werden. Nun hatte der Maharadscha die Absicht, sein neuerbautes Schloß in Mussoorie im Himalajagebirge durch die weltbekannte Firma Waring & Gillow in London in der luxuriösesten Weise mit Möbeln und Teppichen ausstatten zu lassen. Daulet Ram aber hatte schon vor der Abreise von Indien, unter Empfangnahme einer hohen Provision, einer Firma in Kalkutta versprochen, daß diese Bestellung auf seine Befürwortung hin ihr übertragen werden würde. Als der Fürst den Wunsch aussprach, mit der Londoner Firma in Verbindung zu treten, sandte Daulet Ram einen Vertrauensmann zu ihrem Direktor, um zu erfahren, wieviel man ihm, als dem Finanzminister des Maharadscha, an Provision zahlen würde, wenn es seinen Bemühungen gelänge, daß der Maharadscha die Möblierung seines indischen Schlosses der Firma Waring & Gillow in Auftrag gäbe? Dabei stellte er kaltblütig die Forderung, daß man, wenn er sich überhaupt darum bemühen solle, zunächst einmal tausend Pfund Sterling im voraus an ihn zahlen müsse.

Samuel Waring war über diese Forderung des Ministers ebenso erstaunt wie entrüstet und machte dem Vertrauensmann Daulet Rams klar, daß er wohl bereit sei, eine ansehnliche Provision zu bezahlen, nachdem seine Firma in den Besitz des Gegenwertes der gelieferten Gegenstände gekommen sei, daß er aber keinen Penny im voraus zahlen würde, um schon jetzt einen der Beamten des Maharadscha zu bestechen, damit seiner Firma der Auftrag des Maharadscha erteilt werde. Der Fürst habe persönlich die Pläne und Kostenanschläge geprüft und ihm die Erteilung des Auftrages in Aussicht gestellt. Er rechne daher sicher darauf, daß der Kontrakt regelrecht von ihm unterschrieben werde.

Dies paßte jedoch nicht in die Geschäftsprinzipien Daulet Rams, der für Versprechungen nichts übrig hatte. Gerissen, wie er war, und als Günstling des Maharadscha, wußte er seinen Herrn zu überreden, den Vertrag nicht zu unterschreiben. Er stellte ihm vor, daß die Möbel nicht eher bezahlt werden dürften, als bis sie fix und fertig im Schlosse aufgestellt wären.

Auf diese Forderung konnte selbstverständlich eine erstklassige europäische Firma nicht eingehen, weil es keinen Klageweg gegenüber einem indischen Fürsten gibt. Die anglo-indische Regierung ist der Ansicht, daß, wer immer sich auf Verträge mit indischen Fürsten einläßt, dies auf sein eigenes Risiko tut, denn sie unterstehen in dieser Hinsicht nicht dem englischen Gesetz.

Für die Firma Waring & Gillow war das Nichtzustandekommen des Vertrags ein ziemlicher Schlag, denn durch das Möblieren des Schlosses des Maharadscha von Kapurthala in Mussoorie hatte sie gehofft, eine gute Kundschaft in Indien zu erwerben. Diwan Daulet Ram aber genoß die Erfolge seiner Lebensregel nicht allzulange, denn er starb selbst für indische Verhältnisse als noch recht junger Mann.

Im Laufe seiner Krankheit kam, trotz seiner abendländischen Erziehung, wieder der wahre indische Charakter zum Vorschein. Der Maharadscha ließ ihn, um ihm die beste Pflege zu verschaffen, durch einen anerkannt tüchtigen englischen Arzt behandeln. Ohne dessen Wissen jedoch wurde von den Familienangehörigen ein indischer Hakim (Eingeborenen-Doktor) herangezogen, der die Verordnungen des weißen Arztes durch seine Pfuschereien zunichte machte. Dem englischen Arzt war die Erfolglosigkeit seiner Behandlung unbegreiflich, doch er hatte immer noch Hoffnung, den Kranken zu retten. Kurz nach seinem letzten Besuch aber erfuhr er, daß der Patient gestorben sei. Als ich ihm mitteilte, daß Daulet Ram auf den Rat des Hakim als einziges Mittel, das ihn wiederherzustellen vermöge, einen Liter Ganges-Wasser getrunken habe, wurde ihm jedoch die Ursache der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen verständlich.

Vielleicht daß die lieben Verwandten mit Rücksicht auf die Erbschaft etwas Gift unter das Gangeswasser gemischt hatten, um den Kranken von seinen Schmerzen zu befreien! Immerhin, ein Liter des schmutzigen Gangeswassers sollte genügen, den gesündesten und robustesten Menschen von seinem irdischen Leben zu erlösen. Festgestellt konnte nichts werden, da schon vier Stunden nach dem Tode der Körper verbrannt war.

Ebenso wie Dschagatdschit Singh über die Unehrlichkeit des oben erwähnten Duma Mal sich keiner Illusion hingegeben hatte, so wußte er auch, daß Diwan Daulet Ram stets zuerst für seine eigene Tasche besorgt gewesen war. Auf die Dauer fand er es aber etwas kostspielig, auch in Europa überall mit „fürstlichen“ Trinkgeldern standesgemäß auftreten zu müssen, wie seine indischen Beamten sie ihm in so virtuoser Weise abzunehmen wußten.

Der Hausorden