Doch der Inder kann den Tänzerinnen stundenlang zusehen und wird von den Tanzvorführungen und der uns vollständig unverständlichen Musik in das höchste Entzücken versetzt. Wahrscheinlich beruht dies auf der viel geringeren Reizbarkeit seiner Nerven, die bedeutend langsamer als europäische reagieren und die, um überhaupt in Schwingungen zu geraten, eine ständige, langdauernde Wiederholung desselben Eindruckes erfordern, also gerade das, was die Nerven eines Europäers am ehesten ermüdet.

Die Tänzerinnen in Indien, die diese Vorstellungen geben, heißen „Nautsch-Mädchen“ und erinnern in der Wertung ihrer gesellschaftlichen Stellung sehr an das Ansehen, das den Hetären Griechenlands zuteil wurde. Während die indische Durchschnittsfrau das unangesehenste, vernachlässigtste, um nicht zu sagen verachtetste Geschöpf innerhalb der indischen Gesellschaft ist — abgesehen natürlich von den Frauen der Fürsten, jedoch auch sie nur innerhalb gewisser Grenzen —, ohne jedes Wissen, ohne irgendwelche Begriffe, so sind die Nautschtänzerinnen nicht nur von den, überall den Frauen in Indien aufgelegten Sklavenfesseln frei, sondern sogar die anerkannten Herrscherinnen der indischen Gesellschaft.

Meistens stammen sie aus Tandschor und Travancor in Süd-Indien, denn den Mädchen Zentral-Indiens, wie denen der Nordwest-Provinzen und Kaschmirs oder gar Bengalens fehlt es an Schönheit und Körperhaltung für die Aufgaben des Tanzes. Frühzeitig schon werden sie für ihren Beruf ausgebildet; sie lernen lesen und singen und haben große Bewegungsfreiheit, trotzdem sie in vielen Fällen der Travancor-Brahminen-Kaste angehören.

Ein jeder Fürstenhof verfügt über ein besonderes Nautsch-Korps, das etwa dreißig, auch vierzig oder fünfzig Tänzerinnen umfaßt und ungefähr dem Ballet eines europäischen Hoftheaters entspricht. Die Mädchen müssen von möglichst hellbrauner Hautfarbe sein und werden von den mit ihrer Erwerbung oder Einkauf betrauten Beamten sorgfältig ausgesucht. Ein zu dunkler Hautton würde ihn unweigerlich seine Stellung kosten. Die indische Art, sich zu kleiden, oder besser den Körper mit unförmlichen Gewändern zu Bündeln zu verunstalten, Ohren, Nase, Fußknöchel, Arme und Hände mit goldenen und silbernen, dicken Schmucksachen zu überladen, bringt ihre oft erstaunliche Schönheit nicht vorteilhaft zur Geltung. Gewöhnlich tragen sie außer dem faltigen Obergewand ein an der Wade festanliegendes Beinkleid, das, im Oberschenkel weit geschnitten, in vielen Falten herabfällt.

Sie genießen ganz besonderes Ansehen und gelten im Tempel und im Hause für unentbehrlich. Allen Festlichkeiten der Eingeborenen wird erst durch ihre Gegenwart der rechte Glanz verliehen. Ein Nautschmädchen schmückt die Braut am Hochzeitstage. Ihr Erscheinen genügt, ein im Kastensinne verunreinigtes Haus wieder rein zu machen. Alle Kasten verehren sie, und ganz allgemein haben sie stets das Recht, selbst in Anwesenheit der höchststehenden Persönlichkeiten sich zu setzen.

In vielen indischen Gegenden werden sie wie Prinzessinnen geachtet. Ihre Gehälter sind für indische Begriffe fürstlich, erhalten sie doch bis tausend Rupien im Monat, mehr, als den meisten indischen Ministerpräsidenten an offiziellem Gehalt zusteht. Daher haben sie auch niemals Veranlassung, ihre Gunst zu verkaufen, sondern sind ganz im Gegenteil frei, ihren Neigungen zu leben.

Indische Diebe

Ebenso verachtet, wie die Nautschmädchen geachtet werden, ist der schon als vorzüglicher Hindu-Schikari (Jäger) erwähnte Angehörige der Baurikaste. Sein Gott ist der Gott der Diebe, zu dessen größerer Ehre alle Beute- und Raubzüge unternommen werden. Sein Bild steht unter dem großen, schattigen Maringenbaum des Dorfes, das nur von Mitgliedern ihrer Kaste bewohnt wird, auf dem freien Platze vor dem Hause des „Patel“, des Dorfältesten.

Aber auch die Bauri haben ihre Verehrer. Das sind die Polizisten. Aus verschiedenen Gründen. Kein Bauri darf sein Dorf vom Untergang bis zum Aufgang der Sonne verlassen, er sei denn bei einer Jagd beschäftigt. Für die Einhaltung dieser Vorschrift soll der Patel mit seinem Kopfe stehen. In den Vasallenstaaten nun wird es mit dieser Vorschrift nicht so genau genommen, da die Polizei dort wenig Neigung zeigt, sich mit Dingen zu befassen, die außer unangenehmen Handgreiflichkeiten nichts einbringen. Dafür aber steht der Polizist gern in einem nahen Verhältnis zu dem Bauri. Fängt er ihn als Dieb, ist er keines besonderen Lohnes sicher. Fängt er ihn nicht, so hat er nur Arbeit und Mühe mit ihm. Daher folgt er meistens liebevoll seiner Laufbahn im verborgenen und versucht, mit dem Bauri auf gutem Fuße zu stehen, der nicht abgeneigt ist, im Verhältnis zur allgemeinen Schlauheit des Polizisten, ihn an den — meist recht bescheidenen — Gewinnen seiner Unternehmungen teilhaben zu lassen.

Jedoch einen wird der Bauri nie bestehlen: seinen Jagdherrn. Lieber stellt er sich ihm mit seinen scharfen Sinnen als eine Art Detektiv zur Verfügung. So unterstand mir in Baroda ein ganz besonders gefürchteter Bauridieb, namens Kalru. Wenn er der gewandteste Dieb und geschickteste Gauner der nahen und ferneren Umgebung war, so war er auch unstreitig der beste Jägersmann. Ich machte ihn daher zum „Dschamadar“ oder Aufseher über seine Schikarigenossen, die in meinen Diensten als Oberjagdmeister des Fürsten standen.