GRÖSSERES BILD

Der Polizei-Inspektor, der nichts auf seine und seiner Leute Überlegenheit jedem Diebe gegenüber kommen lassen will, bestreitet das Lob und behauptet, daß, solange seine Sachen unter der Obhut seiner selbst und seiner braven Polizisten seien, ihm niemand etwas stehlen könne.

Diese Gelegenheit benutze ich zu einem Versuch, meinen Dschamadar zu schützen, und trage daher dem Polizei-Inspektor eine Wette an, daß Kalru ihm noch in dieser Nacht irgend etwas aus seinem Zelte entwenden werde, wenn ich ihm den Auftrag dazu gäbe. Natürlich müsse er straffrei bleiben, und alle seine Missetaten in der Vergangenheit sollten im Buche der hohen Polizei gelöscht und ausgestrichen werden. Es handelte sich dabei nur um Diebstähle ohne große Bedeutung, die mehr mit Schlauheit und Geschicklichkeit ausgeführt worden waren, als daß dabei irgendwelche besonderen Werte Kalru bereichert hätten.

Gegen den Freispruch meines Dschamadars auf dieser etwas eigentümlichen Grundlage setze ich eine Kiste Champagner. Die Wette wird unter Gelächter eingetragen und abgeschlossen. Da wir am nächsten Morgen wieder früh zur Jagd aufbrechen wollen, geht ein jeder bald darauf in seinem Zelte zu Bett. Ich aber lasse mir Kalru kommen, rede ihm meinerseits ins Gewissen und stelle ihm vor, welchen Vorteil er in dieser Nacht erringen könne, wenn es ihm gelänge, den Polizei-Inspektor zu bestehlen: Vergessen aller seiner Straftaten und Ehre und Ansehen bis nach Ahmedabad!

Kalru natürlich schwört bei dem Seelenheil seines Vaters und seiner Mutter, daß er niemals das geringste gestohlen habe und weist, wegen vollkommener Unerfahrenheit in solchen Sachen, meine Zumutung entsetzt von sich. Übrigens, wie könne er es wagen, einen so hohen Beamten, wie den Polizei-Sahib, auch nur anzusehen, geschweige denn einem so gewaltigen und mächtigen Manne etwas, und sei es das geringfügigste, zu entwenden.

Ich schätzte nun aber Kalru als Dschamadar sehr, und es lag mir viel daran, die Wette zu gewinnen, um ihn so wenigstens von den begangenen Sünden rein zu waschen. So drohte ich ihm denn mit der Auslieferung an die britischen Behörden und versprach ihm zum Schluß vor Zeugen, daß ich alle Folgen selbst auf mich nähme, wenn er in derselben Nacht noch irgend etwas aus dem Zelte des Polizei-Inspektors zu stehlen vermöge. Endlich stellte ich ihm noch eine ganze Flasche Eingeborenen-Schnaps in Aussicht, und er versprach mir, sein Bestes zu tun, um mir meine Wette zu gewinnen.

In der Frühe des nächsten Morgens kommt er, mit tausend Bitten um Vergebung und sich vor Unterwürfigkeit auf der Erde wälzend, an mein Bett. Dabei hält er mir ein weißes Bündel hin, von dem er sagt, daß er nur auf meinen ganz ausdrücklichen Befehl hin gewagt habe, es aus dem Zelte des Polizei-Inspektors zu entwenden. Es war das Betttuch des Inspektors, das Laken, auf dem er am vergangenen Abend fest und sicher eingeschlafen war!

Niemand begriff, wie es möglich gewesen sei, einen so außerordentlich frechen Diebstahl auszuführen. Endlich gestand Kalru, daß er auf meinen Befehl in das Zelt des Polizei-Sahib geschlichen sei — dies war für einen geschmeidigen Jäger kein so großes Kunststück, sobald er unter der Zeltwand ein Loch zum Durchschlüpfen gegraben hatte —, als der Polizei-Dschokitar, der Wächter des Zeltes, tief geschlafen habe. Im Zelt habe er sich neben das Bett des Inspektors auf den Boden gesetzt und sich überlegt, was er nun wohl am besten mitnehmen könne? Ein indisches Zeltbett ist schmal wie eine Schiffskoje. Statt der Matratze liegt man auf einem „Ressai“, einem dünnen, kühlen Kissen, das von einem Gurtnetz getragen wird, und über das das Laken gebreitet ist.

Kalru setzte sich nun neben den im Nachtanzug schlafenden Polizei-Inspektor und begann, behutsam das Laken der Länge nach bis an den Rücken des Schläfers zu einer dünnen, festen Rolle zusammenzurollen. Diese etwa einen Zentimeter dicke Rolle mußte vom Schläfer bei einer Bewegung lästig empfunden werden, und Kalru rechnete damit, daß er sich aus diesem Grunde im Schlafe auf die andere Seite drehen würde.

Er wartete geduldig, bis diese von ihm vorausgesehene Bewegung gemacht war, worauf er das Laken nur auf der anderen Seite bis zum Rande zusammenzurollen brauchte, um mit seiner Beute das Zelt verlassen zu können.