Andererseits war man eifrig bemüht, Fräulein Cadière Teilnahme zu zeigen. Man wetteiferte darin, sie die erlittenen Kränkungen und Misshandlungen durch freundliche Bewirtung und Trost vergessen zu machen. Man pries ihre noch immer große Schönheit; - kurz, sie wurde Mode, wie das ja aber auch mit interessanten Verbrecherinnen in Frankreich und anderswo noch heutzutage der Fall ist.
Die Teilnahme, welche sie erregte, brachte ihr jedoch Gefahr. Man gab ihr den wohlgemeinten Rat, Aix schleunigst zu verlassen und sich verborgen zu halten. Sie reiste ab - aber von da an verlor sich ihre Spur für ewig. Man hat nie erfahren, was aus ihr geworden ist; aber die allgemeine Meinung ging zu jener Zeit dahin, dass sie von den Jesuiten heimlich aus dem Wege geschafft worden wäre.
Girard starb ebenfalls nach Verlauf eines Jahres. Die Jesuiten gingen ernstlich damit um, ihn zum Heiligen erheben zu lassen, und verglichen ihn hinsichtlich seines Schicksals mit - Christus!
Eine ganz ähnliche Geschichte wie mit Fräulein Cadière trug sich kurz vor der Aufhebung des Jesuitenordens in Frankreich zwischen einem seiner Angehörigen und der Tochter eines Parlaments-Präsidenten zu, welche auch mit Hilfe des Geißelns verführt wurde. Um die Ehre des Ordens zu retten und die Unmöglichkeit der Anklage beweisen zu können, hatte man einen Wundarzt erkauft und vereidigt, welcher den Schuldigen kastrierte. Das Geheimnis wurde indessen später entdeckt.
Trotz dieser und anderer an den Tag gekommenen Niederträchtigkeiten - und unter Tausenden wird vielleicht nur eine bekannt! - wurde den Jesuiten nicht das Handwerk gelegt; überall wurden sie als Beichtväter gerne gesehen, und besonders die Frauen ließen sich nach wie vor die angenehme Geißelung gefallen. Einer besonderen Blüte hatten sich diese Beichtinstitute mit Geißelung fortwährend in Spanien und noch mehr in Portugal zu erfreuen. König Joseph Emmanuel (1750-77) ließ sich häufig disziplinieren, und nur mit Mühe brachte ihn sein Minister, der Marquis von Pombal, davon ab. Die Damen, an ihrer Spitze die Marquise Leonore de Távora, waren nicht weniger närrisch als der König.
Die Jesuiten wurden bekanntlich durch Pombal vertrieben, allein seine Feindin, die Königin Donna Maria (1777-99), rief sie wieder zu sich, und die angenehmen Beichtzerstreuungen mit obligater Geißelung begannen ärger als zuvor. Der interessante und verschmitzte Pater Malagrida errichtete eine förmliche Bußanstalt unter den jungen Hofdamen. Man geißelte sich selbst in den Vorzimmern der Königin und diese soll an den frommen Übungen selbst teilgenommen haben. - Manche Geschichte à la Girard mag hier im Verborgenen vorgegangen sein, denn die Hofdamen waren nach dem Zeugnis von Jesuiten auf das Geißeln so versessen, dass sie mit einer ordentlichen Wut danach verlangten, die kaum zu befriedigen und in Schranken zu halten war. Ja, sogar fremde Prinzessinnen und die Damen der Gesandten wurden zu diesem wollüstig-unterhaltend-frommen Jesuitenspiel förmlich eingeladen.
Die Zahl der Beispiele von dem Missbrauch des Beichtstuhls ist unendlich groß und es ließe sich ein umfassendes Werk damit füllen; da aber dieses Kapitel ein Ende haben muss, so beschließe ich es mit dem Bericht über eine seltsame Beicht- und Bußanstalt, welche ein Kapuziner zur Zeit Napoleons I. errichtete. Über die zur Zeit Napoleons III. und seiner Kaiserin werde ich vielleicht einmal später zu berichten haben.
Der erwähnte Kapuziner hieß P. Achazius und lebte in einem Kloster zu Düren im jetzigen preußischen Regierungsbezirk Aachen. Der Kapuziner war abscheulich hässlich, aber er predigte vortrefflich, stand in dem Ruf ganz ausgezeichneter Frömmigkeit und erfreute sich trotz seiner faunischen Manieren des Zutrauens der Damen in so hohem Grade, dass sie ihn zum Direktor ihrer geistlichen Übungen wählten. Am liebsten aber hatte es Pater Achazius mit Witwen und Jungfrauen von reiferen Jahren zu tun.
Eine dieser Letzteren hat er sich zu seinem Privatvergnügen erkoren. Er brachte ihr folgende höchst seltsame Lehre bei: Der Mensch sei unfähig, die Begierden des Herzens völlig zu zähmen; aber der Geist könne doch tugendhaft bleiben, während der Körper nach gewöhnlichen Begriffen zu sündigen scheine. Der Geist gehöre Gott; der Körper der Welt; von diesem Letzteren selbst mache der Himmel auf die obere Hälfte, die Welt auf die untere Anspruch. Die Seele sei daher rein zu bewahren, während man den Körper ruhig fortsündigen lasse.
Die noch immer hübsche alte Jungfer, welche diesen angenehmen Lehren ein sehr lernbegieriges Ohr lieh, ging bald in des Paters Ideen ein. Nach vollendeter Beichte musste sie vor dem Kapuziner niederknien, Vergebung für ihre Sünden erflehen und ihm "des Teufels Anteil zeigen", das heißt sich bis zum jungfräulichen Zentrum ihres Körpers von unten herauf entblößen. Als dies geschehen war, schritt er zum letzten Teil der Andacht und weihte die Dame feierlichst zum ersten Mitglied des Ordens ein, den er zu stiften gedachte.