Jeder gute Katholik, der das Vergnügen haben will, nach seinem Tod unter die Heiligen versetzt zu werden, konnte dies unter dem vorigen Papst noch haben - von dem jetzigen weiß ich es nicht - der den Toten für 100.000 Gulden kanonisierte. Wunder fanden sich, da eben niemand ohne Wunder Heiliger werden kann.
Die Christen der ersten Jahrhunderte wussten von Heiligen nichts. Sie verehrten allerdings die Märtyrer oder Blutzeugen, welche ihres Glaubens wegen hingerichtet wurden, sie erwähnten dieselben in ihren Versammlungen und stellten sie der Gemeinde als Muster hin; und das war sehr natürlich und durchaus zu billigen. Erst als Konstantin zum Christentum übertrat und viele der heidnischen Bräuche in die christliche Kirche übergingen, kam auch der Heiligendienst in Aufnahme. Die Heiden waren gewohnt, ihren Heroen zu opfern; die christlichen Priester trugen diesen Gebrauch auf ihre Glaubensheroen über.
Solange jeder Mensch Gott gleich nahe zu stehen glaubte, musste der Heiligendienst als Unsinn betrachtet werden; als jedoch die Pfaffen sich als Makler zwischen Gott und den übrigen Menschen stellten, war der Schritt zu dem unsinnigen Glauben nicht weit, dass die Heiligen im Himmel gleichsam wie Minister und Kammerherren den Hofstaat Gottes bildeten und dass, wer bei Sr. himmlischen Majestät etwas durchsetzen wollte, nur diese durch Gebete und Opfer zu bestechen brauchte!
Ärger konnten die Pfaffen die christliche Religion nicht verhöhnen als durch diesen Heiligendienst, der dadurch noch unwürdiger wird, als es schon seiner inneren Natur nach der Fall ist, dass viele dieser Heiligen, wie uns die Geschichte lehrt, die verworfensten, lasterhaftesten Menschen, ja, geradezu Schufte waren. Selbst die besten waren nicht ganz richtig im Kopf und entweder Schwärmer oder Wahnsinnige. Es gibt noch heute eine Menge solcher Heiliger unter Protestanten und Katholiken, nur dass man sie nicht mehr anbetet, sondern in Narrenhäuser sperrt.
Carl Julius Weber, einer unserer geistreichsten Schriftsteller, charakterisierte diese Heiligen derb aber richtig. Er sagt: "Bei weiblichen Mystikern sitzt der Jammer gewöhnlich auf dem Fleckchen, das man nicht gerne nennt, und bei den männlichen hat den Fleck Hudibras getroffen. -
So wie ein Wind in Darm gepresst
Ein - wird, wenn er niederbläst,
Sobald er aber aufwärtssteigt,
Neu Licht und Offenbarung zeugt."
Der Hysterie und den blinden Hämorriden verdankt die römische Kirche die meisten ihrer Heiligen, und sie darf sich daher nicht wundern, wenn wir dieselben - als Afterheilige betrachten.
Die heilige Trödelbude
Die Welt hat es erfahren, dass einst der Glaub' in Priesterhand mehr Böses tat in tausend Jahren, als in sechstausend der Verstand.
"Geld ist Macht." Das erkennt niemand besser als die römische Kirche, die nach beiden und durch das eine zum anderen strebte. In der römischen Kirche gibt es keine Einrichtung oder Satzung, welche nicht auf irgend eine Gelderpressung hinausliefe, und so lange die Welt steht, gab es keine Institution, die ein umfangreicheres, frecheres und einträglicheres Schwindelgeschäft betrieb, als die römische Kirche.