Die ganze Garderobe Christi, der Jungfrau Maria, des heiligen Joseph und vieler anderer Heiligen kam zum Vorschein. Man fand die heilige Lanze, mit welcher der römische Ritter Longinus Christus in die Seite stach; das Schweißtuch, mit welchem die heilige Veronika Jesus den Schweiß abtrocknete, als er nach Golgatha ging, und in welches er zum Andenken sein Gesicht abdrückte! Von diesem Tuch gab es so viele Stücke, das sie zusammen wohl fünfzig Ellen lang sein mochten. Ein sehr respektables Taschentuch.
Man fand auch die Schüssel von Smaragd, welche Salomon der Königin von Saba schenkte und aus der Christus sein Osterlamm verspeiste. Die Weinkrüge von der Hochzeit von Kana entdeckte man auch, und in ihnen war noch Wein enthalten, der nie abnahm. Ursprünglich waren es nur sechs, aber sie vermehrten sich, und man zeigte sie zu Köln und zu Magdeburg. - Splitter vom Kreuz gab es so viel, dass man aus dem dazu verwendeten Holz hätte ein Kriegsschiff bauen können und Nägel vom Kreuz viele Zentner. Dornen aus der Dornenkrone fanden sich (an jeder Hecke); einige bluteten an jedem Karfreitag.
Der Kelch, aus welchem Jesus trank, als er das Abendmahl einsetzte, fand sich auch vor, nebst Brot, welches von dieser Mahlzeit übriggeblieben war. Ferner die Würfel, mit welchen die Soldaten um Christi Rock spielten. Solcher ungenähter Röcke zeigte man eine ganze Menge, unter anderem zu Trier, Argenteuil, Santiago, Rom und Friaul usw. Die größte Wahrscheinlichkeit der Echtheit hat ein zu Moskau aufbewahrter, der durch den Soldaten, der ihn gewann, einen Georgier, mit nach Hause gebracht worden sein soll. Die Ausstellung des alten Kleidungsstücks in Trier im Jahr 1845, welche die ganze gebildete Welt empörte, veranlasste eine Menge Untersuchungen über diese heiligen Röcke, und es erschienen mehrere darauf bezügliche Broschüren, die noch im Buchhandel zu haben und zum Teil sehr interessant sind. Alle diese heiligen Röcke haben eine wohlbezahlte päpstliche Bulle für sich, in denen ihre Echtheit bezeugt ist. Da nur einer echt sein kann, so ist die Bestätigung der Echtheit mehrerer durch den Papst ein geflissentlicher Betrug.
Man fand Hemden der Maria, die so groß sind, dass sie einem dicken Mann als Paletot dienen können; einen sehr kostbaren Trauring der Maria, der zu Perusa gezeigt wurde; sehr niedliche Pantöffelchen und ein Paar ungeheuer großer roter, welche sie trug, als sie der heiligen Elisabeth ihren Besuch machte. Ja, man fand Haare der Heiligen Jungfrau von allen möglichen Farben nebst ihren Kämmen. Eine Zahnbürste ist aber nicht entdeckt worden. Dagegen fand sich so viel Milch von ihr vor, als schwerlich zwanzig Altenburger Ammen in einem ganzen Jahre produzieren könnten. Blut Christi fand sich bald tropfenweise, bald auf Flaschen gezogen. Etwas davon, so erzählt die Legende, hatte Nikodemus, als er Christus vom Kreuze nahm, gesammelt und damit viele Wunder verrichtet. Aber die Juden verfolgten ihn, und er sah sich genötigt, das heilige Blut in einen Vogelschnabel (!) zu verbergen und nebst schriftlicher Nachricht ins Meer zu werfen. An der Küste der Normandie, man kann denken nach welchen Irrfahrten, schwamm dieser Schnabel ans Land. Eine in der Nähe jagende Gesellschaft vermisste plötzlich Hunde und Hirsch. Man forschte nach und fand sie - sämtlich kniend vor dem wundervollen Schnabel. Der Herzog von der Normandie ließ sogleich auf der Stelle ein Kloster bauen, welches Bec (Schnabel) genannt wurde und welchem das heilige Blut Millionen eintrug.
Windeln Christi fanden sich in großer Menge; auch die jammervoll kleinen Höschen des heiligen Joseph entdeckte man nebst seinem Zimmermanns- Handwerkszeug. Einer der dreißig Silberlinge fand sich vor nebst dem ungeheuer dicken, zwölf Schuh langen Strick, an welchem sich der Verräter Judas erhängte; sein sehr kleiner, leerer Geldbeutel tauchte ebenfalls auf nebst der Laterne, mit welcher er leuchtete, als er Jesus verriet.
Sogar die Stange kam zum Vorschein, auf welcher der Hahn saß, als er Petri Gewissen wachkrähte, nebst einigen Federn dieses Vogels; ferner der Stein, mit welchem der Teufel Jesus in der Wüste versuchte; das Waschbecken, in welchem sich Pilatus die Hände wusch; die Knochen des Esels, der Christus am Palmsonntag getragen, wie auch einige der an diesem Tage gebrauchten Palmzweige. Ferner fand man die Steine, mit denen St. Stephanus gesteinigt wurde, - herrliche Achate! - die fabelhaft große Gurgel des fabelhaften St. Georg; eine Unmasse von Knochen der zu Bethlehem umgebrachten Kinder; die Ketten des Petrus und auch einen eingetrockneten Arm des heiligen Antonius, der sich aber als - die Brunstrute eines Hirsches erwies!
Sogar aus dem Alten Testament fanden sich Reliquien vor! Manche hatten demnach wohlerhalten Jahrtausende auf die fromme Entdeckung gewartet. Man fand den Stab, mit welchem Moses das Rote Meer zerteilte, Manna aus der Wüste, Noahs Bart, die eherne Schlange, ein Stückchen von dem Felsen, aus welchem Moses Wasser schlug, mit vier erbsengroßen Löchern; Dornen von dem feurigen Busch; den Schemel, von dem Eli herunterfiel und den Hals brach; das Schermesser, mit dem Delila den Samson schor; den Stimmhammer Davids, der zu Erfurt gezeigt wurde, usw.
Eine Reliquie von großem Rufe war das Gewand des heiligen Martin (capa oder capella), welches in den Feldzügen als Fahne vorgetragen wurde. Die Geistlichen, welche dieses Heiligtum trugen, hießen Capellani und die Kirche, in welcher es verwahrt wurde, Capella. Dieser Name erhielt bald eine weitere Ausdehnung, und daher die Kapellen und die Kapellane.
Der Glaube des Volks an diese Reliquien war so stark, dass die Pfaffen es wagen konnten, Dinge als solche zu zeigen, die unsinnig und unmöglich waren, und wenn ich einige derselben anführe, so werden die Leser glauben, ich scherze! Allein dies ist nicht der Fall; man zeigte sie einst wirklich und zeigt sie in echt katholischen Ländern wohl heute noch.
Da sah man eine Feder aus dem Flügel des Engels Gabriel, den Dolch und den Schild des Erzengels Michael, deren er sich bediente, als er mit dem Teufel kämpfte; etwas von Christi Hauch in einer Schachtel; eine Flasche voll ägyptischer Finsternis, etwas von dem Schall der Glocken, die geläutet wurden, als Christus in Jerusalem einzog; einen Strahl von dem Sterne, welcher den Weisen aus dem Morgenland leuchtete; etwas von dem Fleisch gewordenen Wort; einige Seufzer, die Joseph ausstieß, wenn er knotiges Holz zu hobeln hatte; den Pfahl im Fleisch, der dem heiligen Paulus so viel zu schaffen machte, und noch unendlich viel andern Unsinn.