Die Unverschämtheit der Pfaffen kannte keine Grenzen, denn die Dummheit
der Menschen war unbegrenzt. Oben habe ich ein Pröbchen sowohl von der
Unverschämtheit als von der Dummheit in der Geschichte mit dem Mönch
Eiselin gegeben; hier mag noch eine Probe folgen, welche Poggio
Bracciolini erzählt, der beinahe vierzig Jahre lang päpstlicher
Geheimschreiber war und 1459 als Kanzler der Republik Florenz starb.
Ein Mönch hatte sich in eine hübsche Frau verliebt und versuchte es auf alle Weise, sie zu verführen. Es gelang ihm auch. Sie stellte sich sehr krank und verlangte nun den Mönch als Beichtvater. Dieser kam, blieb mit ihr der Sitte gemäß allein, um ihr die Beichte abzunehmen, und wurde erhört. Am andern Tag kam er wieder und legte, um es sich bequemer zu machen, seine Hosen auf das Bett der Frau. Dem Manne schien die Beichte etwas lange zu dauern; er wurde neugierig und trat unvermutet in das Zimmer. Der Mönch absolvierte so schnell als möglich und floh, aber - vergaß, seine Hosen mitzunehmen.
Diese fielen nun dem racheschnaubenden Ehemann in die Hände. Er stürzte damit auf die Gasse und zeigte diese Verräter seinen Nachbarn, entflammte sie zur Wut und brach mit ihnen in das Kloster ein. Der Mönch sollte sterben! Ein alter besonnener Pater versuchte es vergebens, den Hitzkopf zu beruhigen, der übrigens jetzt die Sache gern vertuscht hätte, wenn es angegangen wäre. Das merkte der alte Pater und sagte ihm: er brauche wegen dieser Hosen nichts Übles zu denken, denn dieses wären die Beinkleider des heiligen Franziskus, welche Krankheiten wie die, woran seine Frau litte, gründlich heilten. Zu seiner Beruhigung wolle er die Hosen feierlich abholen.
Alsbald zogen Mönche mit Kreuz und Fahne nach dem Hause des ehrlichen Dummkopfes, legten die heilige Reliquie auf ein seidenes Kissen, stellten sie zur Verehrung aus und reichten die heiligen Hosen des liederlichen Mönchs den Gläubigen zum Kuss herum. Dann trug man sie in feierlichem Bittgang zum Kloster zurück und legte sie hier zu den übrigen heiligen Reliquien. *)
—— *) Es ist dies keine erfundene Anekdote oder ein Scherz des genannten Autors. Die Erzählung findet sich in einem ganz ernsten Werk, in welchem Poggio mit großer Entrüstung von der Verderbtheit der Geistlichen redet. Überhaupt verschmähe ich es durchaus, auf Kosten der historischen Wahrheit zu scherzen, und alle in diesem Werk gemachten Angaben kann ich historisch nachweisen, so seltsam sie auch manchmal klingen mögen. ——
In dieses Kapitel von den Reliquien gehören auch die wundertätigen Heiligenbilder und ihre Verehrung. Die Pfaffen hatten mit den heiligen Knochen und Lumpen noch nicht genug. Bald fanden sich Bilder von Christus und der Jungfrau Maria, welche der Evangelist Lukas gemalt haben sollte. Sie zeugten weder von der Kunst des Malers noch von der Schönheit der Personen, welche sie vorstellen sollten, denn sie waren ganz schauderhaft! Andere, nicht bessere Bilder fielen vom Himmel, und endlich ließ man sie ganz ungescheut von Malern malen.
Diese Bilder verehrte man wie Reliquien, und die Verehrung ging bald in förmliche Anbetung über. Über den Bilderdienst entstanden die blutigsten Kämpfe, und endlich wurde er der Grund zur Trennung der Kirche in die griechische und lateinische. Dieser Bilderstreit dauerte zwei Jahrhunderte lang. Kaiser Konstantin V., welcher 741 starb, erklärte alle Bilder für Götzenbilder und fegte das ganze Land von Bildern und Reliquien rein. Er verwandelte die Klöster zu Konstantinopel in Kasernen, und Mönche und Nonnen machte er lächerlich, indem er sie zum Beispiel paarweise einen Umzug im Zirkus halten ließ.
Im Westen fand dieser Bilder- und Reliquiendienst anfangs auch viele Widersacher. Der Bischof Claudius von Turin meinte: "Wenn man das Kreuz anbetet, an dem Jesus gestorben, so muss man auch den Esel anbeten, auf dem er geritten ist", was denn auch in der Folge wirklich geschah! Andere aber hielten diesen Bilderdienst für sehr wichtig. Ein Mönch hatte, um den Unzuchtsteufel zu besänftigen, diesem das Gelübde getan, das tägliche Gebet vor den Bildern in seiner Zelle zu unterlassen. Im Zweifel darüber, ob er eine Sünde damit begangen, beichtete er dies dem Abt, und dieser sagte zu ihm. "Ehe du das Gebet vor den heiligen Bildern unterlässt, gehe lieber in jedes Bordell der Stadt." - So behielten wir denn in Europa die Bilderanbetung, und die griechische Kirche erhielt sie gar bald auch wieder. -
Sobald das Heilige Grab aufgefunden war, strömten die frommen Christen dorthin; die Wallfahrten nach dem Heiligen Land kamen auf und nach allen Stellen desselben, welche durch die Bibel eine besondere Bedeutung erlangt hatten. Man wallfahrtete sogar zu dem Misthaufen, auf welchem Hiob gesessen!
Den Pfaffen gefiel es indessen nicht im allergeringsten, dass das schöne Geld so weit hinweggetragen wurde, und ihre Heiligenbilder und Reliquien taten Wunder über Wunder, um die frommen Scharen anzulocken. Schrecklich waren die Erzählungen von den Strafen, welche die Ungläubigen und Spötter getroffen. Die Heiligen wussten ihre Ehre zu schützen, wie zum Beispiel der heilige Gangulf. Dieser wurde von einem Priester, dem Liebhaber seiner Frau, totgeschlagen und fing plötzlich an, im Grab Wunder zu tun. Das liederliche Weib, welches am besten wusste, dass ihr Alter durchaus kein Wunder tun konnte, lachte, als sie es hörte, und rief. "Der tut ebenso wenig Wunder, als mein Hintern singt" und - o Graus! - dieser fing an zu singen!