Die Wallfahrten kamen aber erst recht in Gang, als damit der Ablass verbunden wurde. Der übergroße Missbrauch dieses Missbrauches wurde die Veranlassung zur Reformation, und wir müssen denselben etwas genauer betrachten. Der Ablass ist ein Kind des Fegefeuers und der Ohrenbeichte.

In der ersten Zeit der christlichen Kirche mussten diejenigen, welche wegen grober Vergehen aus der Gemeinde ausgestoßen waren, wenn sie in dieselbe wieder aufgenommen sein wollten, alle ihre Sünden und Verbrechen öffentlich vor der Gemeinde bekennen; diese Buße nannte man die Beichte. Als die Pfaffen mächtig wurden, verwandelten sie dieses öffentliche Bekenntnis gar bald in ein geheimes, um ihre Macht zu erhöhen. Papst Innozenz III. ordnete aber (1215) an, dass ein jeder jährlich wenigstens einmal einem Priester seine Sünden insgeheim bekennen und die ihm dafür auferlegte Buße tragen solle. Wer die Beichte unterließ, wurde von der Kirche ausgeschlossen und erhielt kein christliches Begräbnis.

Jeder begreift, welche ungeheure Gewalt die Priester durch diese Einrichtungen erlangten, denn abgesehen davon, dass sie von den Gläubigen die geheimsten Dinge erfuhren, die sie zu ihren Zwecken benutzen konnten, lag es auch ganz in ihrer Hand, den Beichtenden freizusprechen oder nicht, und sie wussten diese Gewalt trefflich zu benutzen, indem sie ihn freisprachen - absolvierten - je nachdem der Sünder zahlte.

Das Fegefeuer war eine Erfindung des römischen Bischofs Gregor des Großen (590-604). Fegefeuer hieß der Ort, wo seiner Erklärung nach die menschlichen Seelen geläutert wurden, damit sie rein in den Himmel kamen; also eine Art himmlischer Seelenwaschanstalt. Wer so halb zwischen Himmel und Hölle balancierte, der konnte darauf rechnen, dass er gehörig lange im Fegefeuer - denn Feuer war das Reinigungsmittel - schwitzen musste, wenn nicht die Pfaffen, die sich mit den Waschteufeln auf du und du standen, ihn für Geld durch gute Worte früher in den Himmel spedierten. Das Reglement im Fegefeuer war nur den Pfaffen bekannt, und daher konnten sie allein beurteilen, wie viele Messen dazu gehörten, um die Seele aus dem Fegefeuer loszubeten; - aber diese Messen wurden keineswegs umsonst gelesen.

Friedrich der Große kam einst in ein Kloster im Klevischen, welches von den alten Herzögen gestiftet war, damit darin Messen zu ihrer Befreiung aus dem Fegefeuer gelesen werden könnten. "Nun, wann werden denn endlich meine Herren Vettern aus dem Fegefeuer losgebetet sein?" fragte er ziemlich ernsthaft den Pater Guardian. Dieser machte eine tiefe Verbeugung und antwortete: "dass man dies so eigentlich nicht wissen könne, er es aber Sr. Majestät sogleich melden lassen wolle, sobald er die Nachricht aus dem Himmel bekäme".

Die Kreuzzüge waren anfangs eigentlich weiter nichts als bewaffnete Wallfahrten. Die Päpste begünstigten sie sehr, da sie hofften, dadurch auch ihre Macht auf Asien ausdehnen zu können, wo sie durch den Mohammedanismus verlorengegangen war. Sie wandten daher alle nur möglichen Mittel an, die Leute zu bewegen, "das Kreuz zu nehmen"; das hauptsächlichste und wirksamste war der Ablass. Der Papst ließ nämlich predigen, dass alle Sünden, die ein Mensch begangen, sie möchten auch noch so groß sein, vergeben wären, sobald derselbe sich das Kreuz auf seinen Rock geheftet habe. Diese Erfindung des Ablasses wurde nun von den Pfaffen auf alle Arten benutzt, und sie wurde für sie eine Goldgrube, unerschöpflich wie die Dummheit der Menschen.

Manche wollten nicht recht an die Macht des Papstes, die Sünden zu vergeben, glauben; aber Clemens VI. gab über sein Recht dazu und über das Wesen des Ablasses durch seine Bulle von 1342 die nötige und genügendste Erklärung. "Das ganze Menschengeschlecht", sagt er in der Bulle, "hätte eigentlich schon durch einen einzigen Blutstropfen Jesu erlöst werden können; er habe aber so viel vergossen, dass dieses Blut, welches doch gewiss nicht umsonst vergossen sei, einen unermesslichen Kirchenschatz ausmache, vermehrt durch die gleichfalls nicht überflüssigen Verdienste der Märtyrer und Heiligen. Der Papst habe nun zu diesem Schatz den Schlüssel und könne zur Entsündigung der Menschen ablassen, soviel er wolle, ohne Furcht, solchen jemals zu erschöpfen."

Ich werde später auf diese Ablasstheorie zurückkommen und zeigen, wie herrlich sich dieselbe entwickelte, jetzt aber zu den Wallfahrten zurückkehren. Als, wie gesagt, der Ablass mit ihnen verbunden wurde, kamen sie erst recht in Aufnahme. Wer zu diesem oder jenem Gnadenort wallfahrte und - notabene - das bestimmte Geld auf dem Altar opferte, der erhielt Ablass nicht allein für schon begangene Sünden, sondern sogar für einige Jahre im Voraus!

In Deutschland gab es wohl hundert Marienbilder, zu denen gewallfahrtet wurde, und in anderen Ländern noch mehr. Ein einziger Schriftsteller zählt 1200 wundertätige Marienbilder auf! Das berühmteste ist aber wohl das zu Loreto, in dem Haus der Maria, welches von St. Lukas aus Zedernholz abscheulich geschnitzt worden sein soll. Der Dampf der Millionen Wachskerzen hat das Bild allmählich schwarz geräuchert wie eine Kohle, aber das tut seiner Wunderkraft keinen Abbruch, die hauptsächlich darin besteht, den Leuten das Geld aus der Tasche zu locken. Der Marmor rings um das Häuschen ist von Wallfahrern so verrutscht, dass sich darin eine förmliche Rinne gebildet hat. Sonst kamen jährlich gegen 200.000 fromme Christen nach Loreto, allein in neuerer Zeit ist diese Zahl auf weniger als ihr Zehntel zusammengeschrumpft.

Als die Franzosen nach Loreto kamen, eigneten sie sich von dem Schatz an, was die Pfaffen nicht beiseite gebracht hatten. Ob ihnen die Heilige Jungfrau den Schatz schenkte, das weiß ich nicht, aber unmöglich ist so etwas nicht, wie folgende Geschichte beweist.