Als Friedrich der Große in Schlesien war, verschwanden von einem Muttergottesbild nach und nach allerlei Kostbarkeiten, und die Pfaffen entdeckten endlich den Dieb in einem Soldaten, der deshalb beim König verklagt wurde. Der Soldat entschuldigte sich und behauptete, er sei kein Dieb, denn die Mutter Gottes habe ihm alle die Sachen geschenkt, die man vermisste. Friedrich der Große fragte nun die geistlichen Herren, ob so etwas wohl möglich sei? - "Allerdings, möglich ist es", erwiderten die verwirrten Pfaffen, "aber durchaus nicht wahrscheinlich." Der Dieb kam ohne Strafe davon, aber nun verbot Friedrich seinen Soldaten bei Todesstrafe, dergleichen Geschenke von der Heiligen Jungfrau anzunehmen.
Nach Loreto war wohl Santiago de Compostela der berühmteste Gnadenort, und an hohen Festtagen sah man hier noch in neuerer Zeit mehr als 30.000 Wallfahrer.
In der Schweiz ist Einsiedeln sehr berühmt. Das dortige Gnadenbild ist ein ebenso elendes hölzernes Machwerk wie das zu Loreto, aber ebenso wie dieses ist es geschmückt mit den kostbarsten Juwelen.
In Deutschland gibt es unendlich viele Gnadenorte, aber ich will nur einige nennen. Waldthüren im badischen Main- und Tauberkreis ist berühmt wegen des wundertätigen Korporals. Es ist dies aber kein altösterreichischer Korporal mit seinem Wundertäter an der Seite, den man im Österreichischen als Haßling weniger verehrte als fürchtete; auch kein preußischer Korporal aus dem Wuppertal, sondern ein Tuch, welches zum Daraufstellen des Kelchs und Hostientellers dient und Korporale genannt wird. Im Jahr 1330 vergoss ein Priester etwas von dem Wein auf dieses Korporale. Der Wein verwandelte sich sogleich in Blut, und die einzelnen Tropfen auf dem Tuch in so viele mit Dornen gekrönte Christusköpfe. Dieses Korporale tut nach der Erzählung der Geistlichen entsetzlich viel Wunder, und vor und nach dem Fronleichnamfest wallfahrten die Scharen der Gläubigen nach Waldthüren, um sich hier am Korporale gestrichene rote Seidenfäden zu holen, welche die Pest, vorzüglich aber den Rotlauf, heilen - wenn man nämlich ein reines Gewissen und vor allen Dingen den rechten Glauben hat. Die Zahl der Wallfahrer belief sich jährlich auf ca. 40.000.
Ähnliche Wallfahrtsorte wie Waldthüren gibt es in allen katholischen
Distrikten Deutschlands, und ich will mich nicht bei ihnen aufhalten.
Noch einträglicher für die Geistlichen sind diejenigen Wallfahrten, welche zu solchen sehr heiligen Reliquien stattfinden, die nur alle sieben Jahre ausgestellt werden. Diese ökonomische Einrichtung hat nicht etwa ihren Grund darin, dass sich die Reliquien von dem Wundertun in der Ausstellungszeit erholen müssen, sondern einzig und allein in der Schlauheit der Pfaffen. Wären die "Heiligtümer" beständig zu sehen, so würde das Interesse an ihnen gar bald erkalten. Durch die Seltenheit ihrer Erscheinung locken sie an und den Leuten das Geld aus der Tasche, - das einzige Wunder, welches überhaupt irgendeine Reliquie jemals vollbracht hat.
Der allerkostbarste Schatz dieser Art wird zu Aachen aufbewahrt. Die höchsten Kleinodien desselben sind der riesenmäßige Rock der Maria, die Windeln Jesu von braungelbem Filz und das Tuch, auf welchem das abgeschlagene Haupt Johannes des Täufers gelegen hat.
Im Jahr 1496 strömten 142.000 Andächtige nach Aachen, um die heiligen Lumpen zu sehen, und die Ernte war vortrefflich. 1818, als die Reliquien nach langer Pause wieder einmal vierzehn Tage lang gezeigt wurden, fanden sich nur 40.000 Wallfahrer ein. Die Reformation, die Revolution und die verdammte Aufklärung hatten ein großes Loch in den Glauben gerissen!
Seitdem ist aber viel an diesem Loch geflickt worden, und dieser geflickte Glaube zeigte sich fast stärker als selbst im dunkelsten Mittelalter, dank der von den Regierungen beliebten Maßregel, die Schulen unter der Kontrolle der Pfaffen zu lassen. Mit Erstaunen erlebten wir es, dass noch im Jahr 1844 eine Million Wallfahrer nach Trier zogen, um hier einen alten Kittel zu küssen, der für den Leibrock Christi ausgegeben wird, um welchen die Soldaten neben dem Kreuz würfelten.
Zu jener Zeit verursachte diese heilige Rockfahrt nach Trier großes Ärgernis unter der ganzen gebildeten Welt, und sehr gelehrte und verständige Männer gaben sich die eigentlich überflüssige Mühe, nachzuweisen, dass dieser "heilige Rock" nichts vor den noch existierenden zwanzig anderen voraus habe, sondern durchaus unecht und ein plumper Betrug sei. Die schlagendsten Beweise dafür brachten die Herren Professoren Gildemeister und von Sybel herbei, und ich halte es nicht für nötig, darüber auch nur noch ein Wort zu verlieren.