Wer wäre nicht gern seiner Sünden ledig. Ein ganz kurzer Mord kann einem ehrlichen Menschen das ganze lange Leben verbittern; wer erhielte nicht gern die Versicherung, dass dieser fatalen Kleinigkeit am Tage des Gerichts nicht weiter gedacht werden soll? Kurz, von allen Seiten strömten die Sünder nach Rom. Im Jahr 1300 brachten 200.000 Fremde das Jahr in dieser Stadt zu und der Gewinn, den sowohl die Einwohner derselben als auch der Schatz des Papstes davon hatten, war unermesslich.
Was von den reichen Leuten an Gold und Silber geopfert wurde, hat die päpstliche Schatzkammer nicht für gut befunden, laut werden zu lassen; allein nur an Kupfergeld kamen in diesem goldenen Jahr 50.000 Goldgulden ein. Nach einer ungefähren Schätzung belief sich der ganze Ertrag des Jubeljahres auf 15 Millionen. Für die damalige Zeit war das eine ganz außerordentliche, unerhörte Summe.
Die ganz unerwartet reiche Ernte machte den Päpsten natürlich Lust zu einer baldigen Wiederholung. Hundert Jahre sind gar zu lang, und Papst Clemens VI. hatte die beispiellose Güte zu bestimmen, dass das Jubeljahr alle 50 Jahre gefeiert werden solle, denn ihm war ein ehrwürdiger Greis mit zwei Schlüsseln - also wahrscheinlich St. Peter - erschienen, der ihm mit drohender Gebärde zugerufen hatte: "Öffne die Pforte!" Da musste er natürlich gehorchen.
Urban VI. verkürzte diese Zeit noch bis auf 33 Jahre, zum Andenken an die Lebensjahre Jesu! An einem anständigen Vorwand hat es den Päpsten nie gefehlt. Sixtus IV. war "wegen der Kürze des Menschenlebens" noch gnädiger und setzte diese Zeit auf 25 Jahre herab.
Das zweite Jubeljahr unter Clemens VI. (1350) fiel noch reichlicher aus als das erste. In der Jubelbulle "befiehlt er den Engeln des Paradieses auch die vom Fegefeuer erlösten Seelen derjenigen, die auf der Reise nach Rom gestorben sind, in die Freuden des Paradieses einzuführen".
Solche überschwängliche Gnade war natürlich für die dummgläubige Menge höchst anlockend. Rom wurde so mit Fremden überschwemmt, dass die Gastwirte, die sich doch sonst auf das Geldnehmen vortrefflich verstehen, damit nicht fertig werden konnten.
Am Altar St. Pauls lösten sich Tag und Nacht zwei Priester mit Croupiersrechen in der Hand ab, die unaufhörlich das geopferte Geld einstrichen und fast unter der Last ihrer Arbeit erlagen. Das Gedränge in der Kirche war so groß, dass viele der Gläubigen erdrückt wurden. Zehntausend der Wallfahrer erhielten gleich Gelegenheit, die Nützlichkeit des Ablasses zu erproben, denn sie starben an der Pest; aber man merkte ihren Abgang gar nicht, denn ihre Zahl gibt man auf eine Million und einige Hunderttausende an und den Ertrag dieser Jubelernte auf mehr als zweiundzwanzig Millionen!
Es ist ordentlich spaßhaft zu sehen, wie nun jeder Papst auf ein neues
Mittel sann, die Erfindung seines Vorgängers Bonifazius noch
einträglicher zu machen, denn - preti, frati e polli non son mai satolli
(Priester, Mönche und Hühner werden nie satt).
Bonifazius IX. berechnete, dass viele Christen nicht nach Rom kämen, weil die Reise zu viel kostete und weil sie vielleicht auch wegen ihrer Geschäfte nicht abkommen konnten. Diesen schickte er die Gnade ins Haus, indem er Leute aussandte, welchen er die Macht beilegte, für den dritten Teil der Reisekosten nach Rom vollgültigen Ablass zu erteilen! - Trotz dieser Erleichterung strömten die Fremden doch noch nach Rom und in dem Jubeljahr unter Nikolaus V. konnte die Tiberbrücke die Menge der Menschen nicht tragen; sie brach zusammen, und zweihundert verloren dabei das Leben.
Papst Alexander VI. machte eine noch nützlichere Erfindung. Von ihm rührt nämlich die sogenannte Goldene Pforte der Peterskirche her. Beim Beginn des Jubeljahres tat der Papst mit goldenem Hammer drei Schläge an diese Tür; dann wurde sie geöffnet und am Ende des Jahres wieder vermauert. Wer durch diese Pforte einging, war seiner Sünden ledig; ja, für eine bestimmte Summe konnte man auch im Auftrag eines Entfernten hindurchgehen und diesen von seinen Sünden befreien. Diese Maßregel brachte viel Geld ein.