Die Päpste wurden durch diese Erfolge immer geldgieriger gemacht. Sie konnten oft die 25 Jahre nicht abwarten, und bei besonderen Veranlassungen, um die man nie verlegen war, wurde ein Extra-Jubiläum angesetzt, oder Reisende, die in Ablass "machten", wurden in der Welt umhergeschickt. Sie waren noch zudringlicher als Weinhandlungsreisende, so dass sie von manchen Gemeinden, den Pfarrer an der Spitze, zum Dorf hinausgeprügelt wurden.
Die Reformation machte diesem Jubiläumsschwindel so ziemlich ein Ende, denn mit der Einnahme der späteren Jubeljahre wollte es nicht mehr recht "flecken". Sogar das Jahr 1825 wurde noch zu einem Jubeljahr erhoben; allein es kamen wenig mehr Fremde als gewöhnlich nach Rom, meistens nur italienisches Lumpengesindel, von dem nichts zu holen war. Auch trafen die Fürsten Anstalten, die Wallfahrten nach Rom zu erschweren, da sie das Geld ihrer Untertanen im Land selbst brauchten. Sogar die damalige österreichische Regierung verbot ihren italienischen Untertanen, ohne in Wien ausgestellte Pässe nach Rom zu wallfahrten. Wer da nicht beizeiten um einen Pass einkam, konnte leicht das Jubeljahr verpassen.
Nach einer wahrscheinlich viel zu geringen Berechnung haben die
Jubeljahre den Päpsten gegen 150 Millionen eingetragen.
Der Ablassschwindel wurde von Leo X. auf die höchste Spitze getrieben. Die ungeheuren Einnahmen, die aus ganz Europa in den päpstlichen Schatz flossen, genügten diesem üppigen und prachtliebenden Papst noch immer nicht, und doch waren sie fast unermesslich! Mehrere der Goldquellen, welche sich die Päpste zu öffnen verstanden, habe ich bereits genannt; alle anzuführen würde zu weitläufig sein, doch einige will ich noch angeben.
Eine nicht unbedeutende Einnahme für die Päpste sind die Annaten. So nennt man nämlich die erste Jahreseinnahme eines neuen Bischofs, welche an den Papst gezahlt werden muss. Man kann dieselbe durchschnittlich immer auf 12.000 Taler annehmen, und wenn man gering rechnet, dass wenigstens 2000 Bischöfe ihre Annaten an den Päpstlichen Stuhl zahlten, so macht dies schon 36 Millionen Taler.
Die Dispensationsgelder der Priester wegen ermangelnden Alters zu sechs Dukaten; die Dispensation von Fasten und die Erlaubnis zu Ehen zwischen Blutsverwandten brachten große Summen. Die Letzteren mussten natürlich sehr häufig vorkommen, dafür hatten die Päpste gesorgt, indem sie die Ehe zwischen Blutsverwandten bis zum vierzehnten Grad verboten. Es hat sich jemand die Mühe genommen, auszurechnen, wie viel jeder Mensch durchschnittlich solche Blutsverwandte als lebend annehmen kann, und - sechzehntausend gefunden. Werden alle Arten der Verwandtschaft berechnet, so steigt ihre Zahl auf wenigstens 1.048.576. Da konnte es natürlich an Dispensgeldern nicht fehlen. - Außerdem wurde noch für Kreuzzugs- und Türkensteuer und unter unzähligen andern Namen den Gläubigen Geld aus dem Beutel gelockt.
Ganz vortrefflich verstand sich auf dieses Wunder Papst Johann XXII. Er
ist der Erfinder der schändlichen Liste der für Dispensationen und
Absolutionen zu entrichtenden Taxen, von welchen ich später reden werde.
Dieser Papst scharrte so viel zusammen, dass er, der arme
Schuhflickerssohn, - sechzehn Millionen gemünztes Gold und siebzehn
Millionen in Barren hinterließ!
Doch, wie gesagt, alle diese reichen Einkünfte reichten nicht hin, die
"Bedürfnisse" des Papstes Leo X. zu befriedigen. Seine Kinder,
Verwandten, Possenreißer, Komödianten, Musiker wie seine Liebhaberei für
die Künste verschlangen unermessliche Summen, und der üppige Heilige
Vater geriet in große Verlegenheit.
Um sich derselben zu entziehen, beschloss er, den Ablass systematisch zur Erpressung von Geld zu benutzen. Eine Beisteuer zur Führung eines Krieges gegen die Türken und zur Fortsetzung des schon von seinem Vorgänger begonnenen Baues der Peterskirche gab den Vorwand. Die sehr verbrauchte Türkensteuer wollte nirgends mehr recht ziehen, und Kardinal Ximenes, der weise spanische Minister, verbot sogar dafür zu sammeln, "weil er ganz sichere Nachrichten habe, dass jetzt von den Türken durchaus nichts zu befürchten sei". Der Papst erließ also eine Bulle, worin allen, welche durch Geldbeträge den Bau der Peterskirche befördern würden, Ablass verkündigt würde.
Die ganze christliche Erde wurde nun in verschiedene Bezirke eingeteilt und Reisende des großen römischen Handelshauses dorthin geschickt, unter dem Titel päpstlicher Legaten oder Kommissarien. Die Ablassbriefe, welche diese commis voyageurs des Statthalters Gottes verkauften, lauteten wie folgt: