"Seht doch, der Himmel steht Euch überall offen. Wollt Ihr jetzt nicht hineingehen, wann werdet Ihr denn hineinkommen? O Ihr unsinnigen und verstockten Menschen, die Ihr fast den wilden Tieren gleich seid und die große Verschwendung und Ausgießung der päpstlichen Gnade nicht zu würdigen versteht. Sehet! so viel Seelen könnt Ihr aus dem Fegefeuer erlösen! O ihr Hartnäckigen und Saumseligen! Ihr könnt mit zwölf Groschen euren Vater aus dem Fegefeuer reißen und seid doch so undankbar, dass Ihr euren Eltern in so großer Not nicht beisteht. Ich will am jüngsten Gerichte die Schuld davon nicht auf mich nehmen" usw.
Tetzel wusste die Sache den Leuten viel plausibler zu machen, und da war keine Dirne, die ihm nicht einige Groschen für irgendeine kleine Sünde, die sie begehen wollte, gezahlt hätte. Wie schnell er Geld zusammenzubringen wusste, beweist Folgendes: In Görlitz war die Peterskirche gebaut worden, und es fehlte nur noch das kupferne Dach, wozu 1800 Zentner Kupfer erforderlich waren, die damals 48.600 Taler kosteten. Man wandte sich an Tetzel, und in drei Wochen hatte er diese Summe gesammelt.
Luthers 95 Thesen gegen den Ablass ruinierten dem Pater den ganzen Handel. Vielleicht war es der Ärger darüber, der ihn in Leipzig auf das Krankenlager warf, von dem er nicht wieder aufstand. Er starb und liegt in dieser Stadt im Paulino begraben, wo sein Monument wahrscheinlich noch zu sehen ist. -
Die Ablassrechnung ist eine ganz kuriose Rechnung, und es ist schwer, sich hineinzufinden. Manche Leute kauften Ablass für mehrere hundert Jahre, während sie doch höchstens auf hundert zählen konnten. Aber die Jahre im Fegefeuer zählten mit, und das änderte die Rechnung! Für diese Sünde hatte man, nach Angabe der Pfaffen, zwanzig Jahre zu braten, für jene gar dreißig, und so kamen bei einem geübten Sünder leicht schon einige hundert Jährchen zusammen. Wollte er nun dennoch direkt in den Himmel spazieren, so musste er schon für so viele Jahre Ablass kaufen, als ihm kraft seiner Sünden im Fegefeuer zukamen.
Das war übrigens noch nicht so schwer, denn wer eine Reliquie küsste und besonders wer dafür bezahlte, erhielt auf drei oder mehr Jahre Ablass, je nach der Heiligkeit der Reliquie. Erzbischof Albrecht besaß einen solchen Schatz von Reliquien, dass damit Ablass zu gewinnen war auf "neununddreißig Mal tausend, zweihundert Mal tausend, fünfundvierzigtausend, hundert und zwanzig Jahre, zweihundert und zwanzig Tage."
Unter den Reliquien, die er von Halle nach Mainz schaffen ließ, befanden sich aber auch sehr rare und heilige Stücke! Achtmal vom Haar der Jungfrau Maria; fünfmal von ihrer Milch; dann das Hemd, in welchem sie Jesus geboren, ein halber Kinnbacken von St. Paulus nebst vier Zähnen usw.
Man glaube ja nicht, dass diese Ablassrechnungen der vergangenen Zeit angehören und mit dem Mittelalter abgetan sind; sie werden noch heutzutage von römischen Priestern angestellt und den Gläubigen vorgetragen. In den "geistlichen Neujahrsgeschenken" der Diözese Mans in Frankreich, welche vor etwa zwanzig Jahren erschienen, wird folgende Berechnung über den Ablass gegeben: Wenn man einen geweihten Rosenkranz hat, sagt die heilige Brigitte, so erlangt man hundert Tage Ablass, so oft man das Credo, das Gloria Patri, das Paternoster und das Ave betet. Wenn man also den gewöhnlichen Rosenkranz betet, der aus 53 Ave, 6 Paternoster, 6 Gloria Patri und einem Credo besteht, so erlangt man 6600 Tage Ablass, den man den Seelen im Fegefeuer zuwenden kann. Sagt man den Rosenkranz von 150 Gebeten her, so erhält man 19.000 Tage Ablass, und überdies 7 Jahre und 7 vierzigtägige Fristen! - Für "eine Viertelstunde frommer Betrachtung" erhält man 7 Jahre und 289 Tage Ablass; für die Begleitung des Sanktissimum, wenn es zu Kranken getragen wird, 5 Jahre und 200 Tage; wenn man es aber mit einer Kerze begleitet, erlangt man 2 Jahre und 83 Tage mehr.
Die Summen, welche die Geistlichkeit durch ihren Handel gewann, sind unberechenbar und lassen sich aus einzelnen Angaben nur annäherungsweise schätzen. Liest man solche Angaben, so kann man gar nicht begreifen, wie es nur möglich war, bei dem früheren hohen Wert des Geldes soviel zusammenzuscharren.
Als in der französischen Revolution die Klöster aufgehoben und die
geistlichen Güter eingezogen werden sollten, bot die Geistlichkeit der
Nationalversammlung vierhundert Millionen Franken bar Geld! - Die
Venezianer schätzten das Vermögen ihrer Geistlichkeit auf 206 Millionen
Dukaten.
Von der Einnahme der Geistlichkeit, die herrlich und in Freuden leben wollte und viel verbrauchte, ging nur ein kleiner Teil in die päpstliche Schatzkammer; und deshalb wird die Angabe dieser Summe den allerbesten Maßstab dafür abgeben, was dem schon ohnehin genug geplagten Volk von den Pfaffen abgeschwindelt wurde.