Aus dem Gebiete von Venedig, welches nur zweiundeinehalbe Million Einwohner zählte, gingen innerhalb zehn Jahren 2.760.164 Scudi nach Rom, und aus Österreich unter Maria Theresia binnen vierzig Jahren 110.414.560 Scudi! Sind diese Angaben richtig - und sie sind zuverlässigen Quellen entnommen -, so erscheint die Berechnung viel zu gering nach welcher innerhalb 600 Jahren aus der katholischen Christenheit nur 1.019.690.000 Gulden nach Rom gezahlt wurden.

Und wofür wurde dies Geld bezahlt? Für Dinge, welche zum Elend und zur Demoralisation des Volkes mehr beitrugen als irgend etwas in der Welt, und an wen gingen die 1019 Millionen? - An einen italienischen Bischof, der uns so wenig angeht wie der Mikado von Japan und der sich mit demselben Recht Statthalter Christi nennt, wie ich es tun könnte, und der unter diesem Titel zu seiner Zeit behauptete, Herr der ganzen Erde zu sein, von welcher derjenige, dessen Statthalter er zu sein vorgibt, nicht einmal soviel besaß, um sein Haupt daraufzulegen! - Was aber diese "Statthalter Christi in Rom" für Menschen waren und wie wenig sie die Verehrung verdienen, welche ihnen die Christen zollten, werden wir im nächsten Kapitel mit Abscheu und Ekel erfahren.

Die Statthalterei Gottes in Rom

"Als die Leute schliefen und stockdumm waren, hat der böse Feind, der Teufel, das Papsttum gestiftet."

Mit konsequenter Unverschämtheit kann in der Welt alles durchgesetzt werden, es mag auf den ersten Anblick noch so abgeschmackt und verrückt erscheinen. Beweise davon liefert die Geschichte in Menge; aber den schlagendsten und demütigendsten die des Papsttums.

Eine Geschichte des Papsttums würde die Grenzen überschreiten, die ich mir notwendig setzen muss; ich beabsichtige nur in der bisher befolgten skizzenhaften Weise zu zeigen, dass das Papsttum auf den gröbsten Betrug gegründet ist, welche nichtswürdigen Wege die Päpste einschlugen, welche verbrecherischen Mittel sie anwendeten, sich die Welt tributpflichtig zu machen, und welchen moralischen Wert die Menschen hatten, welche von der römischen Kirche als "Statthalter Gottes" an ihre Spitze gestellt wurden.

Ich schreibe mit der unverhüllt ausgesprochenen Absicht, den als Aberglauben früher charakterisierten religiösen Glauben zu vernichten, und da derselbe auf die Autorität der Päpste und der römischen Priester gestützt ist, so trachte ich zunächst danach, diese Autorität dadurch zu vernichten, dass ich auf geschichtlichem Weg die unreinen Quellen der Glaubenssätze nachweise und durch Erzählungen der Handlungen der Päpste den Gläubigen beweise, dass sie auf die Aussagen von Menschen vertrauten, die ihres Vertrauens in jeder Beziehung unwürdig sind.

Dieser offen ausgesprochene Zweck macht mir die äußerste Vorsicht in Angabe von Tatsachen zur Pflicht und erlaubt mir nur, solche zu berichten, welche historisch so klar bewiesen sind, dass eine Widerlegung unmöglich ist. Aus dem Folgenden wird es dem Leser verständlich werden, warum ich es für nötig hielt, diese Bemerkung voranzuschicken. -

In dem ersten Kapitel habe ich in der Kürze nachgewiesen, wie die Pfaffen entstanden sind und wie die Bischöfe eine geistliche Obergewalt über ihre Gemeinden usurpierten.

Die Bischöfe begnügten sich mit der erlangten Macht nicht und je besser es ihnen glückte, ihre Brüder zu knechten, desto ausschweifender wurden sie in ihren Ansprüchen. Die Macht der jüdischen Hohenpriester, ihrer Vorbilder, war es, nach welcher sie trachteten. Das Bild des Priesters Samuel schwebte ihnen beständig vor Augen.