Der römische Präfekt Orestes wollte der Verfolgung Einhalt tun, allein er verlor darüber beinahe sein Leben, indem er von einem wütenden Mönch mit einem Stein am Kopfe schwer verwundet wurde. Die römische Regierung schwieg, da sie die Schuldigen nicht zu strafen wagte. So hoch war die Macht der Pfaffen bereits gestiegen.

Die schändlichste Grausamkeit verübten diese christlichen Mönche aber gegen die Geliebte dieses Präfekten, die Tochter des Mathematikers Theon, die liebenswürdige Philosophin Hypatia. Zur Fastenzeit rissen die Mönche dies herrliche Weib aus ihrem Wagen, zogen sie nackend aus und schleppten sie wie ein Opferlamm in die Kirche. Hier ermordete man sie auf die grausamste Weise: Kannibalische Pfaffen kratzten ihr mit Muscheln das Fleisch von den Knochen und warfen die noch zuckenden Glieder ins Feuer.

Stolz, Herrschsucht und Geldgier hatten in den Herzen der christlichen Priester die Stelle der christlichen Liebe eingenommen und die demokratische christliche Gleichheit war schon längst als unchristlich gebrandmarkt worden. Jeder Bischof trachtete nur danach, sich über die andern Bischöfe emporzuschwingen, und so entstanden unter ihnen allerlei Rangabstufungen.

Die Bischöfe in den Hauptstädten und Provinzen der Länder erlangten bald eine Art von Oberhoheit über die der anderen Städte und nannten sich Metropoliten. Auch unter diesen maßten sich einige wieder einen höheren Rang an und wussten die Bischöfe mehrerer Länder unter ihre Oberhoheit zu bringen. Sie nannten sich zuerst Exarchen, dann aber Patriarchen.

Zur Zeit des Kaisers Theodosius II. gab es fünf solcher Patriarchen, zu
Konstantinopel, Antiochien, Jerusalem, Alexandrien und Rom. Sie waren
voneinander vollkommen unabhängig und in ihrem Rang wie in ihren
Vorrechten vollkommen gleich.

Rom war die Hauptstadt der damaligen Welt; von hier gingen alle Befehle aus, durch welche sie regiert wurde. Die Pfarrer der römischen Gemeinde, welche sahen, wie trefflich es sich von Rom aus regieren ließ, wurden lüstern danach, die kirchliche Welt in ähnlicher Weise zu regieren wie die Kaiser die politische.

Die übrigen Gemeindevorsteher, die Bischöfe, fanden das natürlich und mit Recht sehr anmaßend und empörten sich über die Lügen, durch welche ihre Kollegen in Rom ihre Prätensionen zu Rechten zu erheben trachteten. Wenn wir diese Lügen untersuchen, so wissen wir in der Tat nicht, ob wir mehr über die Dummheit und Unverschämtheit dieser Lügen, oder über die Dummheit der Menschen erstaunen sollen, die sich auf solche handgreifliche Weise übertölpeln ließen.

Die Bischöfe zu Rom sagten: "Jesus machte Petrus zum Obersten der Apostel; diese waren ihm untergeordnet. Petrus war 24 Jahre, 5 Monate und 10 Tage Bischof in Rom; wir sind seine Nachfolger, folglich - stehen alle Bischöfe und Fürsten der Christenheit unter unserer Oberhoheit!"

Selbst wenn Jesus so unchristlich gehandelt und Petrus einen Vorrang vor den anderen Jüngern gegeben hätte, selbst wenn Petrus Bischof in Rom gewesen wäre, so ist es doch noch immer eine seltsame Behauptung, dass deshalb seine Nachfolger Statthalter Gottes auf Erden seien! Doch diese Behauptung und Anmaßung wird erst dadurch zur frechsten Unverschämtheit, dass es Jesus nie einfiel, Petrus einen Vorrang zu geben, und endlich Petrus niemals in Rom und daher nicht Bischof dort war!

Das erste bedarf kaum eines Beweises. Jesus spricht es oft genug gegen seine Jünger aus, dass keiner vor dem andern einen Vorrang habe, und es ist Petrus auch niemals eingefallen, sich einen solchen anzumaßen, wie aus seinen Briefen klar hervorgeht. In einem derselben sagt er: "Die Ältesten, so unter Euch sind, ermahne ich als Mitältester" usw. (1. Petr. 5,1). Auch Paulus sagt kein Wort von dem Avancement des Petrus und hält sich selbst den andern Aposteln gleich (2. Kor. 11-12,5).