"Ernsthaft, sage mir", fuhr der Papst fort, "wie kann Gott am Glauben Vergnügen finden? Nennen wir nicht den, der da sagt, er glaube was er unmöglich glauben kann, einen Lügner?"
"Großer Gott!" rief der Prinz und schlug ein Kreuz, "ich glaube, Ew.
Heiligkeit sind kein Christ!"
"Nun, ehrlich gesprochen, ich bin's auch nicht."
"Dacht' ich's doch!" sagte der Prinz, und damit endete die seltsamste Unterredung, die wohl je zwischen einem Papst und einem Laien stattgefunden hat.
Die Liederlichkeit Alexanders lässt sich in unserer keuschen Sprache nicht wohl beschreiben; sie kommt nur der Cesare Borgias und seiner Schwester Lucrezia gleich. Alle Abarten der Wollust, welche wir Deutschen meistens nicht einmal dem Namen nach kennen und welche von den früheren Päpsten einzeln getrieben wurden, dienten diesem Papst gewordenen Priap zur Unterhaltung.
Burckard, der Zeremonienmeister Alexanders VI., hat in seinem Diarium das Leben am päpstlichen Hofe geschildert, und die üppigste Phantasie kann nichts erdenken, was hier nicht getrieben wurde. Burckard sagt: "Aus dem apostolischen Palast wurde ein Bordell, und ein weit schandvolleres Bordell, als je ein öffentliches Haus sein kann."
"Einst wurde", so erzählt Burckard, "auf dem Zimmer des Herzogs von Valence (Cesare Borgia) im apostolischen Palast eine Abendmahlzeit gegeben, bei welcher auch fünfzig vornehme Kurtisanen gegenwärtig waren, die nach Tische mit den Dienern und anderen Anwesenden tanzen mussten, zuerst in ihren Kleidern, dann nackend. Darauf wurden Leuchter mit brennenden Lichtern auf die Erde gesetzt und zwischen denselben Kastanien hingeworfen, welche die nackten Weibsbilder, auf allen Vieren zwischen den Leuchtern durchkriechend, auflasen, während Seine Heiligkeit, Cesare und Lucrezia zusahen. Endlich wurden viele Kleidungsstücke für diejenigen hingelegt, die mit mehreren dieser Lustdirnen ohne Scheu Unzucht treiben würden, und sodann diese Preise ausgeteilt. Diese schöne Szene fiel vor an der Allerheiligen-Viglie 1501."
Einst ließ Alexander rossige Stuten und Hengste vor sein Fenster führen und ergötzte sich mit Lucrezia an dem Schauspiel. - Dieses Weib war über alle Beschreibung liederlich, ob sie aber nach dem Papstrecht das Prädikat Hure verdient, weiß ich nicht, denn einige Glossatoren desselben haben aufgestellt, dass man nur diejenige eine wahre Hure nennen könne, die 23.000 Mal gesündigt habe!
Lucrezia genoss das unbeschränkte Vertrauen ihres Vaters. In dessen Abwesenheit erbrach sie alle Briefe, beantwortete sie nötigenfalls und versammelte die Kardinäle nach Gefallen. Man schrieb ihr folgende Grabschrift: "Hier liegt, die Lucrezia hieß und eine Thais war, Alexanders Weib, Tochter und Schwiegertochter"; Letzteres, weil einer ihrer vielen Männer ein anderer Sohn des Papstes, also ihr Halbbruder war.
Die zu jener Zeit auflebenden Wissenschaften und die immer weiter um sich greifende Anwendung der höllischen Erfindung der Buchdruckerkunst machte den Papst sehr besorgt. Er fürchtete, dass eine freie Presse dem Schandleben der Päpste ein Ende machen möchte, und hatte daher nicht Unrecht zu fürchten. Er führte daher die Bücherzensur ein, die bis auf die neueste Zeit geblieben ist und wo sie endlich vor der öffentlichen Meinung weichen musste, in die fast noch schlimmere Phase der Pressprozesse übergegangen ist, die sehr häufig im Sinne Richelieus geführt werden, der behauptete, kein Schriftsteller könne fünf Worte schreiben, ohne sich eines Verbrechens schuldig zu machen, welches ihn in die Bastille bringt. Derjenige, zu dem er dies sagte, schrieb: "Zwei und eins macht drei!" - "Unglücklicher!" rief der Kardinal, "Sie leugnen die Dreieinigkeit!" Seitenstücke dazu liefern manche moderne Pressprozesse.